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FC Orion: Ein spezielles Team

Beim FC Orion spielen auch Kinder und Jugendliche mit geistigen Beeinträchtigungen – über das Dazugehören auf und neben dem Platz.

Bündner Woche
19.11.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

von Cindy Ziegler

Die Flutlichtanlage beleuchtet die grünen Flächen. Die weissen, gelben und roten Linien. Die Tore mit den grünen Netzen. Und die vielen Menschen, die auf der Oberen Au einem Ball nachrennen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Am Donnerstag ist Fussball angesagt. So, wie an jedem anderen Abend auch. Und trotzdem ist es immer donnerstags besonders, weil dann auch ein ganz spezielles Team auf dem Platz steht. Die Special Olympics Mannschaft des FC Orion.

Trainerin Jessica Schüpbach begrüsst die Fussballbegeisterten, die langsam auf dem hintersten Platz eintrudeln. «Hesch guat?», fragt sie einen der Jugendlichen. Und zu einem anderen: «Toll, bisch du dini Krücka endlich los.» Schnell entstehen Gespräche. Über die Schule, die Arbeit und das richtige Tenue. Ein Junge hat seine Sportsachen vergessen, ein Mädchen war beim Coiffeur. Jessica Schüpbach würdigt beides. Dann spielt der Junge halt in Jeans. Und das Mädchen bekommt ein ehrliches Kompliment für ihre Frisur.

Beim FC Orion sofort auf offene Ohren gestossen

Mit einem Pfiff bringen Nino Lütscher, Simon Winzap und Ronny Heinz, die zusammen mit der Heilpädagogin das Training leiten, die Kids dazu, sich in einen Halbkreis zu setzen. Jessica Schüpbach blickt in viele erwartungsvolle Gesichter. «Wow, wir sind eine riesige Runde. Seid ihr alle nur wegen der Zeitung hier?», fragt sie grinsend. Empört und energisch schütteln die Kinder kollektiv den Kopf. «Stimmt. Wir waren das letzte Mal schon so viele», meint die Trainerin. «Heute macht Nino das Training», sagt sie und deutet auf den jungen Mann neben sich.

«Es ist schön, dass wir mittlerweile so viele sind. Das zeigt, dass die Nachfrage da ist», sagt Jessica Schüpbach, mit einem Auge die Kinder beobachtend, die sich mit einem Spiel aufwärmen. Vor rund zwei Jahren hatte sie die Idee der Special Olympics Mannschaft. Bei ihrer Arbeit im Schulheim merkte sie, dass ein Angebot in Sachen Mannschaftssport gefehlt habe. Und dass viele ihrer Schützlinge gerne «tschutten». Das Gros ihrer Kolleginnen und Kollegen habe sie für verrückt gehalten, beim FC Orion sei sie mit ihrer Vision aber sofort auf offene Ohren gestossen. «Diese Kids hier haben doch auch das Recht, Fussball zu spielen», sagt sie schlicht.

Der integrative Charakter von Sport

Fussball, Integration und der FC Orion. Das ist ohnehin eine Kombination, die seit Bestehen des Vereins Erfolg verspricht. Der älteste Fussballclub von Chur wurde 1934 von einer Gruppe emigrierter Italiener gegründet. Und sieht sich seither als Integrationsplattform. «Diese Kinder hier haben alle eine geistige Beeinträchtigung. Viele von ihnen werden sonst von der Gesellschaft ausgeschlossen. Hier gehören sie dazu», erklärt Jessica Schüpbach und gibt einem Jungen Highfive, der sich zum Pausemachen neben sie gestellt hat. Ihr gefalle der integrative Charakter, den der Sport habe. Und trotzdem. «Es ist eine Gratwanderung. Man muss darauf achten, dass man nicht separiert, indem man integriert.»

Die Kinder und Jugendlichen sind derweil eine Übung weiter. Sie spielen Pässe, dribbeln um Pylonen und versuchen, den Ball in das kleine Tor zu manövrieren. Es wird Rücksicht genommen. Ein kleinerer Junge bindet einem grösseren die Schuhe, als die Schnürsenkel aufgehen. Die Goaliehandschuhe an den Händen des Grösseren sind in diesem Moment nicht das einzige Hindernis. Und trotzdem. Gemeinsam klappt es. Auf Jessica Schüpbachs Lippen macht sich ein stolzes Lächeln breit. «Unsere Kids hätten in einem normalen Fussballteam keine Chance. Das oberste Ziel bei uns? Spass haben. Wir müssen nicht, wir können. Bei uns haben alle ihren Platz.»

Gemeinsam: das Special Olympics Team des Churer FC Orion. Bild Cindy Ziegler
Gemeinsam: das Special Olympics Team des Churer FC Orion. Bild Cindy Ziegler

Von Weitem betrachtet sind nur Kinder zu sehen, die gemeinsam Fussball spielen. Erst wenn man länger und genauer hinschaut, fällt auf: Alles ist langsamer und komplexer. Als Trainerin einer Special Olympics Mannschaft müsse sie die Kinder sehr gut spüren. Insbesondere bei Reibereien merke man die Beeinträchtigungen der Einzelnen. Dazu kommen medizinische Einschränkungen. «Bei uns spielen Kinder mit Epilepsie, mit Autismus, mit Übergewicht oder deformierten Händen und Füssen. Kinder, die nicht gut sprechen können oder farbenblind sind. Das erfordert auch viel Fantasie. Manchmal müssen wir zum Beispiel die Teamaufteilung gebärden», erklärt Jessica Schüpbach. «Und …», fast hätte sie das Wichtigste vergessen: «Wir müssen ihnen mit Ruhe sehr viel Sicherheit vermitteln. Sie müssen sich sicher fühlen, um das hier überhaupt leisten zu können», sagt sie und zeigt auf ein Mädchen und einen Jungen. Stürmerin und Verteidiger.

Keine Meisterschaft, dafür spezielle Turniere

Anders als bei anderen Mannschaften gebe es bei Special Olympics keine Meisterschaft. Aber es gibt Turniere, an denen auch das Team des FC Orion gerne teilnimmt. Jessica Schüpbach erklärt das sogenannte «Divisioning», das an solchen Anlässen stattfindet. Über mehrere Runden wird die Stärke der einzelnen Spielerinnen und Spieler und der ganzen Mannschaft ermittelt, sodass am Schluss etwa gleich Starke gegeneinander spielen. «Man wird in diesem Rahmen auch verpflichtet, dass alle auf dem Platz stehen. Leider gibt es immer wieder Trainerinnen und Trainer, die dann doch Leistung in den Vordergrund stellen.» Jessica Schüpbach schüttelt den Kopf. «Mir würde es nie in den Sinn kommen, jemanden auf der Bank sitzen zu lassen. Das ist nicht die Idee von dem hier», sagt sie und zeigt auf das Geschehen vor ihr.

Nach der taktischen Übung geht's ans «Matcheln». Endlich. Auch für die Kinder der Special Olympics Mannschaft ist es das Trainings-Highlight. Jessica Schüpbach steht an der Seitenlinie und freut sich. Über die verpassten Chancen und über die angenommenen noch viel mehr. Auf dem Platz daneben trainieren ebenfalls Kinder. Sie sind etwa gleich alt. Dort ist nur das «Klock» zu hören, wenn Schuh auf Ball trifft. Währenddessen steigt auf dem letzten Platz, der eigentlich ein Football-Feld ist, lautes Kinderlachen in den dunklen Nachthimmel.

Eine zweite Mannschaft für jüngere Kinder (unter zwölf Jahren) ist in Planung. Die Kontaktdaten von Jessica Schüpbach unter www.orionchur.ch.

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