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Ein unmoralisches Ansinnen

Seit Samstag und noch bis Sonntag, 24. Juli, ist im Wald­hotel Davos die Video-Installation «Thomas Mann@Davos» zu sehen. Ein Erlebnisbericht.

Barbara
Gassler
20.07.22 - 07:27 Uhr
Aus dem Leben
«Thomas Mann» alias Schauspieler Peter Jecklin im Zwiegespräch mit «Hans Castorp».
«Thomas Mann» alias Schauspieler Peter Jecklin im Zwiegespräch mit «Hans Castorp».
 zVg/Heinz Holzmann

Nachdem ich im März (DZ vom 22.3.) die Dreharbeiten zum Stück besucht hatte, war meine die Neugier natürlich gross, zu erleben, was aus der Arbeit der Truppe um Regisseur Bernhard Mikeska vom Künstlerkollektiv «Raum+Zeit» geworden ist und finde mich zur vereinbarten Zeit im Waldhotel ein. Dort werde ich von einer netten Mitarbeiterin vom Kulturplatz Davos in Empfang genommen. «Es wird heute Abend nur für Sie gespielt», steht auf dem Zettel, den sie mir in die Hand drückt. Mein Handy solle ich wegen der empfindlichen Technik bitte ausschalten, steht da weiter, und die Taschen könne ich an der Reception abgeben. Da ich gleich beides tue, ist doppelt gemoppelt. Nun ja. Schliesslich ist es das erste Mal, dass ich ein Theaterstück nur für mich besuche, eine Videobrille hatte ich zuvor auch noch nie getragen. Gut, weist mich die freundliche Mitarbeiterin in deren Handhabung ein. Doch ich solle sie erst aufsetzen, wenn ich dazu auf­gefordert würde, schärft sie mir ein.

Eintauchen in den Sanatoriumsbetrieb

Inzwischen sitze ich schon auf dem zweiten Stuhl, in Erwartung dessen, was nun kommt. Auf der anderen Seite der mit einem Vorhang verhängten Türe wartet «es» auf mich. Über die Kopfhörer ist ein nicht zu identifizierendes Geräusch zu hören. Für einige Momente suche ich die Quelle. Ich fühle mich ausgesetzt, alleine. Doch dann fordert mich eine Stimme auf, einzutreten. In der Einladung zur Installation hat gestanden: «Sie betreten ein Patientenzimmer des alten Lungensanatoriums Jessen. Auf der Bettkante sitzt kein Geringerer als Hans Castorp, der Protagonist aus dem ‹Zauberberg›. In Ihnen erkennt Castorp seinen Schöpfer, Thomas Mann. Viele Jahre hat er hier oben schon auf Sie gewartet. Nach Hans Castorps freudiger Begrüssung tauchen Sie mit einer VR-Brille in die Welt des Zauberbergs ein und erleben in der virtuellen Realität die Auseinandersetzung zwischen Autor und Geschöpf hautnah.» So bin ich also zu Thomas Mann geworden, und zu Beginn fühle ich mich etwas unbehaglich ob «Castorps» überschwän-glicher Begrüssung. ‹Es ist doch nur ein Computer.› Doch rasch werde ich von den beiden Knopfaugen im runden Kamerakopf Castorps in Bann gezogen. Schmunzle über seine Bemerkungen, folge brav den Anweisungen. Doch dann macht Castorp mir einen unmoralischen Antrag. «Ob ich ...?»

Begegnung mit sich selbst

Hier unterbricht die Stimme aus dem Off und fordert mich auf, die Videobrille aufzusetzen. Der Wechsel ist aprupt, fast schwindelerregend, und ich brauche Zeit, mich wieder zurecht zu finden. Was dann folgt, ist zugleich faszinierend und beunruhigend. Auch wenn ein letzter rationaler Teil flüstert: «Ist ja nur eine Illusion», werde ich auf mich selbst zurückgeworfen, war mir nie so fremd und doch so nah. Das Kamerauge ist unbestechlich. Fast ist es eine Erleichterung, als schliesslich Thomas Mann den Raum betritt und das Heft an sich reisst. Doch plötzlich eilt es, das Leben draussen, ausserhalb dieses engen Zimmers, wartet. Will gelebt sein. Ich lege Brille und Kopfhörer ab. Noch nie waren zwanzig Minuten so schnell vorbei und hallen doch nach. Auch draussen verharre ich irgendwie noch immer in dem seltsamen Zimmer, die Fragen klingen nach. Doch die Welt hat mich wieder, ein Bericht will geschrieben werden. Wie sagte Mann: «Beweg dich.»

«Thomas Mann» handelt männlich kühn und öffnet das Fenster.
«Thomas Mann» handelt männlich kühn und öffnet das Fenster.
zVg/Heinz Holzmann

Die VR-Installation findet jeweils von 15 bis 22 Uhr für je eine Person statt. Dauer 20 Minuten. Tickets und weitere Infor­mationen auf www.kulturplatz-davos.ch

Ab 24. August spielt im Waldhaus Sils eine weitere Installation, in der Mann seinem verstorbenen Sohn Klaus begegnet.

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