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Ein Stück Flims im Bodensee

Eine neue Studie weist Sedimente des Flimser Bergsturzes im Bodensee nach. 

Südostschweiz
23.03.22 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit

Zum Flimser Bergsturz, der sich vor rund 9400 Jahren ereignete, wird seit 200 Jahren geforscht. Und immer wieder gibt es neue Erkenntnisse, wie die IG Unesco-Welterbe Tektonikarena Sardona in einer Mitteilung schreibt. Jüngst befassten sich neun Forschungsinstitute aus der Schweiz und Deutschland in einer Studie mit den Zusammenhängen zwischen dem Flimser Bergsturz und den Sedimentschichten im Untergrund des Bodensees.

Abgerutscht: Die dicken weissen Linien zeigen die Abrisslinien des Felssturzes beim Flimserstein sowie beim Hochtal Bargis. Dass auch beim Kunkelspass Fels abbrach und ins Tal stürzte, ist im oberen Bild erkennbar.
Abgerutscht: Die dicken weissen Linien zeigen die Abrisslinien des Felssturzes beim Flimserstein sowie beim Hochtal Bargis. Dass auch beim Kunkelspass Fels abbrach und ins Tal stürzte, ist im oberen Bild erkennbar.
Pressebild

 

Ein tiefes Tal unter dem See

Der Bodensee – rund 100 Kilometer von der Rheinschlucht entfernt – ist an seiner tiefsten Stelle etwa 250 Meter tief und befindet sich in einem 400 Meter tiefen Felstal. Dieses tiefere Felstal ist durch das ständige Vorstossen und Abschmelzen der Gletscher über die letzten 1,5 Millionen Jahre entstanden, wie die Forschenden festhalten. Dabei haben im unteren Bereich des Gletschers festgefrorene Steine und Schmelzwasser mit hohem Druck langsam den Felsuntergrund abgeschliffen. Wer sich ein Bild von der damaligen Gletscherwelt machen möchte, kann sich das folgendermassen vorstellen: Die Gletscheroberfläche befand sich vor rund 22 000 Jahren, als die Erdoberfläche maximal vergletschert war, auf rund 800 bis 1200 Metern über Meer. Das entspricht in etwa einer Eisdicke von 300 bis 600 Metern über dem heutigen Bodensee-Wasserstand.

Das tiefe Felstal reicht im Untergrund weit ins heutige Rheintal hinein, ist aber mit Sedimentgesteinen gefüllt. Wie neue seismische Analysen zeigten, liegt zwischen der Felsoberfläche und dem Seegrund eine rund 150 Meter dicke Sedimentschicht. In dieser Schicht wurde nun eine 24 Meter tiefe Bohrung durchgeführt. Deren Sedimentkerne decken gemäss den Forschenden die letzten 13 500 Jahre ab. Was sich aus den Sedimentkernen herauslesen lässt? Der kontinuierliche Prozess des Abschmelzens der Gletscher im Rheintal und das darauffolgende Umlagern von Sedimentgesteinen Richtung Bodensee.

Weit gereist

In der aktuellen Studie konnten die Forschenden nachweisen, dass sich in diesen Sedimentkernen einige Zentimeter dicke Lagen des Flimser Bergsturzgesteins befinden. Dieses Material wurde vom Rhein zum Bodensee-Flussdelta transportiert und mit Unterwasserströmungen bis in die tiefsten Abschnitte des Sees geschüttet. In welchem Zeitrahmen dies geschah, könne nicht genau eruiert werden, sagt Thomas Buckingham, wissenschaftlicher Projektleiter der neusten Studie. «Ob das Gestein mit einer riesigen Staubwolke, die bei einem so grossen Felssturz freigesetzt wird, über eine weite Strecke transportiert wurde oder durch eine Flutwelle, ist nicht klar.» 

Ilanzer See

Neben dem Flimser Bergsturz, dem grössten der Alpen, gerät jener bei Tamins oft in Vergessenheit. Der Taminser Bergsturz, bei dem sich Gestein beim Kunkelspass löste, ereignete sich vor jenem in Flims, wie Buckingham erklärt. «Er staute den Rhein bei Reichenau und Bonaduz und sorgte so für die Entstehung des Ilanzer Sees, der sich seinem Namen gemäss bis nach Ilanz erstreckte.» Als sich später das Gestein vom Flimserstein löste und zu Tal donnerte, schwappte der See über. Später schnitt sich der Rhein in die Trümmermassen ein, wobei die imposante Rheinschlucht entstand. (sz)

Grosse Abrisslinie: Auch beim Kunkelspass oberhalb von Tamins gab es einen grossen Felssturz.
Grosse Abrisslinie: Auch beim Kunkelspass oberhalb von Tamins gab es einen grossen Felssturz.
Bild Adrian Pfiffner

 

Öffentlicher Vortrag zum Thema «Klimaerwärmung und der Flimser Bergsturz» am Freitag, 25. März, um 19.30 Uhr in der Eventhalle in Flims. Referent: Adrian Pfiffner, emeritierter Professor am Institut für Geologie der Universität Bern.

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