Die Mutter aller Fragen?
Vergangene Woche hatten die Academia Raetica, die Naturforschende Gesellschaft Davos (NGD) und die Wissensstadt Davos zu einem Wissenschaftscafé geladen. Thema war der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Biodiversität.
Vergangene Woche hatten die Academia Raetica, die Naturforschende Gesellschaft Davos (NGD) und die Wissensstadt Davos zu einem Wissenschaftscafé geladen. Thema war der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Biodiversität.
Moderatorin Birgit Ottmer eröffnete den Anlass mit einer Frage an das Publikum: «Welche Krise ist wichtiger? Jene des Klimas oder jene der Biodiversität?» Das Gelächter im Saal zeigte deutlich: Das Publikum macht da keinen Unterschied. Erstaunt über diese Reaktion zeigte sich Andreas Fischlin. Für den Klimaexperten und Mitautor beim IPPC (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) ist ganz klar die Klimaveränderung das Grundproblem. «Die Biodiversität hat mehr Elastizität.» Wenn nur eine einzige Magerwiese überlebe, reiche das aus, um andere Standorte wieder zu besiedeln. Der Klimawandel bedrohe jedoch den ganzen Planeten. Für Sonja Wipf, Forschungsleiterin im Schweizerischen Nationalpark, sind die beiden Probleme untrennbar miteinander verbunden. «Der Verlust der Biodiversität ist jedoch greifbarer.» Allerdings warnte sie davor, den Kampf gegen den Verlust an Biodiversität zugunsten des Kampfes gegen den Klimawandel hinten an zu stellen: «Eine einmal verlorene Art kommt nie wieder zurück.» Die Langfristigkeit des Klimawandels sieht Reto Ringger, Gründer und Leiter der Globalance Bank, als Problem. «Die Mechanismen der Finanzwelt sind sehr kurzfristig.» Bei der Problemlösung gebe es verschiedene Stufen, fügte er an. Erst seit etwa fünf Jahren sei der Klimawandel ein Thema, und die meisten würden sich noch immer auf den Stufen Verleugnung und Durcheinander befinden, die einer aktiven Lösung vorangingen. Dies würde noch ein paar Jahre andauern, prognostizierte er und forderte: «Wir müssen es den Menschen einfach machen, sich zu bewegen».
Druck machen
Genau das war dann das Thema, als das Publikum miteinbezogen wurde. «Sich nachhaltig zu verhalten, ist deutlich teuerer», hiess es mehrfach. Mit Blick auf den Finanzsektor wollte Moderatorin Ottmer wissen, wo dort für den Einzelnen die grössten Hebel seien. «Ganz klar die Pensionkassen», erwiderte Ringger. Einzelne könnten Druck aufbauen und nach den Anlagestrategien fragen. «Da reichen schon eine Handvoll Leute, um zu einem ‹pain in the ass› zu werden, der ein Umdenken auslöst.» Den Einwand, der Einfluss von Wirtschaft und Politik sei zu gross, wollte er nicht gelten lassen: «Die Wirtschaft ist abhängig von Umsatz». Man dürfe die Kraft der Konsumenten nicht unterschätzen, fand er, was Wipf zum Einwurf veranlasste, der beste Konsum sei jener, der gar nicht geschehe. Auch Fischlin riet, den individuellen Spielraum auszunutzen, doch «es gibt noch immer zu viele Anreize, sich nicht um Lösungen zu bemühen».
Keine Zeit mit Diskussionen verlieren
All dem stehe doch das Wachstumsdiktat der Wirtschaft entgegen, wurde aus dem Plenum erwidert. «Tatsächlich, das ist die Mutter aller Fragen», bestätigte Ringger. «Die durch Effizienz gewonnene Einsparungen verlieren wir wieder durch Mehrkonsum.» Doch Fischlin widersprach heftig: «Wir dürfen keine Zeit mit dieser Diskussion verlieren. Alle führenden Ökonomen glauben, dass der Klimawandel innerhalb des bestehenden Systems gelöst werden kann.» Und bereits war man wieder bei den Kosten eines Wandels. Auf der Bühne waren die Meinungen dazu klar. «Jetzt ist Zeit zu tun, was der Doktor sagt», brachte es Ringger auf einen einfachen Nenner. Es gehe darum, die langfristigen Interessen wahrzunehmen, sekundierte Fischlin und Wipf stellte fest, dass in der reichen Schweiz diese Diskussion in einem sehr weichen Sessel geführt werde. «Solange wir es uns leisten können, über Ferien nachzudenken, ist es Luxus, über die Kosten von Bio zu jammern.» Die Wirtschaft mache schon viel, fand Fischlin. Nun brauche es noch einen Beitrag des Willens. Dabei sei jedes Individuum gefordert. «Zwei Drittel machen freiwillig mit, das restliche Drittel muss über das Portemonnaie dazu gezwungen werden.» Allerdings brauche es Fachkompetenz, um entscheiden zu können, was tatsächlich eine Verbesserung darstelle und wo einfach ein grünes Mäntelchen drüber gehängt werde, warf an dieser Stelle Ringger ein und empfahl, sich zum Beispiel bei Umweltschutzorganisationen zu informieren.
Die Chancen sind noch intakt
Menschen seien nicht nur das Problem, gab Fischlin den Besuchern ermunternd mit auf den Weg. Sie seien auch die Lösung. «Heute steigt der Ausstoss an klimaerhitzenden Gasen noch immer an. Wenn wir es schaffen, bis 2025 das Steuer herumzureissen, und der Ausstoss beginnt zu sinken, können wir die Temperaturen noch auf ein erträgliches Mass beschränken.» Katja Bärenfaller, Co-Prä-sidentin der mitorganisierenden NGD fasste zum Schluss zusammen: «Wir sind alle gefordert, die persönlichen Handlungsfelder besser zu nutzen». Oder ganz bodenständig ausgedrückt: «Es muss ein jeder sich selber an der Nase nehmen.»
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