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Allergien: ein Thema, das viele Fragen aufwirft

Vom 1. bis 4. September diskutierten rund 70 weltweit renommierte Wissenschaftler aus dem Gebiet der Allergologie und verwandter Disziplinen über Herausforderungen und Lösungsansätze zum Thema«Atopische Dermatitis/Ekzem».

Davoser
Zeitung
24.09.22 - 11:25 Uhr
Aus dem Leben
Beim 4. Global Allergy Forum (GAF) im Medizincampus Davos Wolfgang wurden zahlreiche Fragen zum Thema «Allergie» besprochen.
Beim 4. Global Allergy Forum (GAF) im Medizincampus Davos Wolfgang wurden zahlreiche Fragen zum Thema «Allergie» besprochen.
zVg/FIONAARTS Fotografie

pd | Allergien gehören weltweit zu den häufigsten und am frühesten im Lebensverlauf auftretenden chronischen Erkrankungen. Im Jahr 2050 sind bis zu 50 Prozent mehr Erkrankte zu erwarten. Wegen dieser ungebremsten Zunahme der allergischen Erkrankungen wurden anlässlich des 4. Global Allergy Forum (GAF) in Davos aktuelle Herausforderungen, Behandlungsmöglichkeiten und vor allem Präventionsmassnahmen in Bezug auf Allergien diskutiert und zusammengetragen. Das dreitägige Arbeitstreffen wurde vom Christine Kühne-Center for Allergy Research and Education (CK-CARE) auf dem Medizincampus Davos organisiert. Nach den Gruppenarbeiten und der abschliessenden kritischen Diskussion im Plenum können die folgenden Kernaussagen zusammengefasst werden.

Umweltveränderungen als treibende Kraft

Die Zunahme allergischer Erkrankungen ist neben genetischen Empfänglichkeiten vor allem auf Umweltfaktoren zurückzuführen. Klimawandel und Industrialisierung lassen die Umwelt insgesamt «allergener» werden. Temperaturanstieg, Trockenheit oder Feuchtigkeit und Umweltverschmutzung führen zu einer höheren Belastung durch Pollen und Schimmelpilze. Neue Allergene durch gebietsfremde Arten werden eingeschleppt (Neophyten wie zum Beispiel Ambrosia). Auch die Landbevölkerung lebt zunehmend urbanisiert und ist somit mehr allergiegefährdet, weil schützende Faktoren wegfallen. Mit zunehmenden regulatorischen Anforderungen an Hygiene und der industriellen Verarbeitung von Lebensmitteln geht der vor Allergien schützende «Bauernhof-Effekt» verloren.

Neurodermitis als Einfallstor

Die Neurodermitis ist eine komplexe chronische Hauterkrankung, die eine hohe Belastung darstellt. Sie ist meist aber nur Ausgangspunkt für weitere allergische Erkrankungen – der Start für den sogenannten «atopischen Marsch», der von einer wesentlichen Abweichung der Immunantwort in vielen Organsystemen, insbesondere Grenzflächen wie Haut, Lunge und Darm, begleitet wird. Neuere Erkenntnisse belegen die entscheidende Rolle des Mikrobioms, also der Summe der Mikroorganismen in und am Menschen, und der Ernährung bei dieser Abweichung des Immunsystems. Veränderungen der Umwelt und des Lebensstils stellen die Anpassungsfähigkeit der Haut infrage.

Wenn die Haut undicht wird, werden die Weichen für die Allergie gestellt

Eine gestörte Hautbarriere ist eine der wichtigsten Ursachen für Neurodermitis und auch von Allergien. Daraus ergeben sich nicht nur umfangreiche Behandlungsmöglichkeiten für die Neurodermitis, sondern insbesondere auch Vorsorge­massnahmen. Die Hautbarriere wird durch genetische und umweltbedingte Faktoren wie zum Beispiel Allergene, Mikroben, Luftverschmutzung, Wasch- und Reinigungsmittel beeinträchtigt. Daneben gibt es aber auch schützende Ernährungs- und Umwelteinflüsse, die der Entwicklung von Allergien entgegenwirken. Diese gehen aber in einer modernen, urbanisierten Welt immer mehr verloren. Eine frühzeitige und genaue Diagnose von Defekten der Epithelbarriere und damit verbundenen Entzündungen sind für eine bessere Behandlung der Neurodermitis unerlässlich. Weitere intensive Forschungen zum besseren Verständnis der Faktoren, die die Hautbarriere schädigen oder heilen, sind allerdings ebenfalls noch nötig.

Juckreiz als vorherrschendes Symptom und grösstes Problem für Neurodermitis-Betroffene

Die von den Patienten als grösste Belastung wahrgenommenen Symptome der Neurodermitis sind der Juckreiz und die ästhetische Beeinträchtigung, vor allem, wenn sie im Gesicht auftritt. Die Juckreizauslösung ist weiterhin nicht gänzlich geklärt. Insbesondere im Verständnis des Zusammenspiels zwischen dem Nervensystem (einschliesslich des Gehirns), dem Immunsystem und der Hautbarriere eröffnen sich neue Handlungsoptionen gegen die Neurodermitis.

Digitale Medizin für Forschung, Therapie­management, Edukation und Prävention

Werkzeuge wie zum Beispiel «Wear­ables» und Methoden der Künstlichen Intelligenz werden die Veränderungen im persönlichen Umfeld messen und interpretieren können. Gleichzeitig ergibt sich ein breites Anwendungsfeld der digitalen Medizin für das umfassende Therapie­ management chronisch entzündlicher, allergischer Erkrankungen.

Identifizierte Lücken bei der Diagnose und Therapie

Es mangelt noch an einem globalen Konsens über die Definition individueller Diagnose- und Behandlungsziele bei der Neurodermitis. Das gilt insbesondere für die neuen, vielversprechenden Therapien der Neurodermitis (Biologika). Diese Lücken können durch weitere Forschung in den Bereichen Prävention, Diagnose und Behandlung sowie in zielgruppengerechten Bildungsaktivitäten für Betroffene sowie Betreuende geschlossen werden. Ein Fokus wird auf die personalisierte Medizin gerichtet werden, weg vom «one size fits all»-Ansatz. In Bezug auf Therapie und Vorsorge wurden bislang weder ethische noch geschlechtsbezogene Unterschiede ausreichend beachtet.

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