×

Extreme Lebensräume untersuchen

Extreme Lebensräume untersuchen

Eine Expedition um Nord-Grönland führte den SLF-Botaniker Christian Rixen zu den nördlichsten Pflanzen der Welt und zu Berggipfeln, die aus einem Eismeer ragen. Der Forscher berichtet.

Davoser
Zeitung
13.10.21 - 06:58 Uhr
Aus dem Leben
Obwohl es von Weitem nur nach einer leblosen Wüste aussah, fand Christian Rixen Pflanzen. 
Martin Breum

Grönland ist gross, sehr gross. Die Nord-Süd-Ausdehnung entspricht der von Oslo nach Sizilien. Dabei wohnen auf Grönland weniger als 60 000 Menschen. Die längste Strasse ist etwa 51 Kilometer lang, und keine zwei Siedlungen werden durch eine Strasse verbunden. Nicht zuletzt liegt in Nordost-Grönland der grösste und am wenigsten besuchte Nationalpark der Welt. Entsprechend ambitioniert war das Vorhaben, in einer zwölfköpfigen schweizerisch-dänischen Expedition – der «Leister Expedition Around North Greenland 2021» – die nördliche Hälfte von Grönland mit Helikopter und einem kleinen Flugzeug – einer Twin Otter – zu umrunden.

Die Expedition hatte unter anderem zum Ziel, extreme Lebensräume zu untersuchen, zum Beispiel Pflanzen und Bodenlebewesen im höchsten Norden oder auf Berggipfeln, die aus dem Grönländischen Eis aufragen, sogenannte Nunataqs. Diese Grenzen des Lebens zu erforschen, ist auch wichtig, um Veränderungen, insbesondere in Zeiten des Klimawandels, zu verstehen. So waren wir gespannt, welches die nördlichste Pflanze unseres Planeten sein würde. Interessanterweise war es ein Steinbrech, und zwar dieselbe Art, die auch in den Alpen den Höhenrekord hält, nämlich auf dem Gipfel des Doms auf etwa 4500 Metern Höhe.

Die nördlichste Blütenpflanze der Welt, der Gegenblättrige Steinbrech. Auch in den Alpen ist er Rekordhalter. Er blüht auf einer Höhe von rund 4500 m. 
Christian Rixen

Langjährige Forschungsergebnisse 

Obwohl die Region so abgelegen ist, wurde sie schon früher von Botanikern besucht, was interessante Schlüsse über Veränderungen bei Pflanzen zulässt. Schon 1934 kartierte der Dänische Botaniker Gelting Pflanzen bis in Höhen über 1200 Metern über Meer. Der Schweizer Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach untersuchte ab den 1950er-Jahren Höhenverbreitung von Pflanzen an diversen Orten im Nordosten Grönlands. Auch wiederholte er im Jahr 2001 Geltings Untersuchungen und fand, dass viele Pflanzenarten inzwischen in grösserer Höhe am Berg zu finden sind – vergleichbar mit unseren Forschungsergebnissen in den Schweizer Alpen.

Blick nach Süden vom Kap Morris Jesup in Nordgrönland. Im Norden liegen nur Eis, ein paar Inselchen(wo der Steinbrech auch noch vorkommt) und nach etwa 700 Kilometern der Nordpol. 
Christian Rixen

Insel gibt Rätsel auf

Während ich die Pflanzen des nördlichsten Kaps Grönlands untersuchte, machten sich einige Expeditionsteilnehmende im Helikopter auf, ein noch weiter nördlich gelegenes Inselchen zu finden, das aber schon einige Jahrzehnte lang nicht mehr gesichtet wurde. Wo die Insel hätte liegen sollen, fanden sie: nur Eisschollen. Bei der weiteren Suche fand sich das Eiland jedoch etwa 800 Meter weiter nördlich. Erst nach der Expedition stellte sich heraus, dass kein Zweifel bestand: Die frühere nördlichste Insel war durch Sturm und Eisgang ausradiert worden, dafür ist eine neue Insel weiter nördlich entstanden. Die neue Insel braucht nun einen Namen. Der Vorschlag lautet: «Qeqertaq Avannarleq». Das ist Grönländisch und bedeutet «Insel im Norden».

Nunataqs heissen Bergspitzen, die aus dem Eis schauen. Auch die Alpen haben während der letzten Eiszeit vermutlich ähnlich ausgesehen. 
Christian Rixen

Fast tropische Verhältnisse in Grönland

Trotz der Nähe zum Nordpol konnten wir die Auswirkungen des Klimawandels hautnah miterleben. Einigen wurde der Schlafsack in der Nacht zu warm. Später erfuhren wir, dass um Mitternacht 19.8°C gemessen wurden, also fast eine Tropennacht! Zum Vergleich: Die Nachttemperaturen in Davos waren noch nie über etwa 14°C. In dieser warmen Phase hatte Grönland eines der grössten Schmelzereignisse seit Messbeginn verzeichnet. Ausserdem regnete es kurz darauf auf dem höchsten Punkt des Grönland-Eisschildes (auf 3216 Metern) zum ersten Mal seit Beginn der Beobachtungen!

Der Eisbär wirkte nicht übertrieben hungrig, musste aber dennoch vom Camp vertrieben werden. 
Christian Rixen

Hallo Eisbär!

Eine der Vorbereitungen auf die Expedition beinhaltete ein Schiesstraining für den Fall einer Begegnung mit einem Eisbären. Man geht also durchaus mit gemischten Gefühlen nach Grönland – einerseits möchte man gerne einen Eisbären sehen, anderseits bitte nicht zu nah! Auf einer Insel namens Ella wurde angenommen, dass die Chancen, auf einen Eisbären zu treffen, sehr gering seien. Prompt erblickte ich auf der Rückkehr von einer Wanderung einen knuffigen Eisbären zwischen uns und unserem Camp. Der Bär wirkte weder nervös noch hungrig, bewegte sich aber doch langsam auf unser Camp zu, wo unsere Kollegen mit Feldarbeiten beschäftigt waren. Dank Funkgerät waren aber alle rasch informiert, und der Bär konnte mit mehreren Schreckschüssen verjagt werden. Eigentlich schade, denn anfangs konnten wir den Bären friedlich in seinem Territorium beobachten. Aber noch besser, dass es eine Begegnung ohne jegliches Blutvergiessen war.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des SLF: https://www.slf.ch/de/ueber-das-slf/news/blogs/logbuch/extreme-lebensraeume-untersuchen.html

Kommentieren

Kommentar senden
Mehr zu Aus dem Leben MEHR