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«Die Pandemie hat den Wandel des Essverhaltens verstärkt»

«Die Pandemie hat den Wandel des Essverhaltens verstärkt»

Bei der Ernährungsberaterin Bettina Dürst gehen wegen Corona mehr Anfragen ein als sonst. Als Grund sieht sie eine steigende Verunsicherung beim Thema Essen und den Wegfall der Alltagsstrukturen.

Südostschweiz
vor 3 Wochen in
Aus dem Leben
«Mehr Leute sind beim Thema Essen verunsichert»: Vor Corona hatte Ernährungsberaterin Bettina Dürst eine Anfrage im Monat, jetzt ist es eine pro Woche.
SASI SUBRAMANIAM

von Denise Aepli

Die Coronapandemie hat Auswirkungen auf unsere Essgewohnheiten. Sie gibt uns die Gelegenheit, unser Essverhalten zu hinterfragen. Zurzeit ist Essen etwas vom wenigen, das planbar geblieben ist. Für die einen kann das positive Auswirkungen haben, durch eine Umstellung auf ausgewogenere und gesunde Ernährung. Für psychisch instabilere Menschen kann die Situation aber auch negative Folgen haben. So kann es passieren, dass sie weniger oder zu viel und ungesunder Essen. Bettina Dürst ist seit zwanzig Jahren als Ernährungsberaterin tätig und führt eine Praxis in Glarus. In ihrem Beruf berät sie jene, die wieder ein gesundes Gefühl für Lebensmittel benötigen und begleitet auch Menschen, die unter einer Essstörung leiden. Sie beobachtet, dass sich die Nachfrage nach Beratungen während der Pandemie deutlich verstärkt hat.

Frau Dürst, welche Auswirkungen hat die Coronapandemie auf unser Essverhalten?

Bettina Dürst: Es gab schon vor der Pandemie einen schleichenden Wandel in Bezug auf die Ernährung. Die Pandemie hat diesen Wandel verstärkt. Ich bekomme viele Anfragen von Frauen, die zwar keine Essstörung haben, aber das eigene Körpergefühl und die Körperwahrnehmung beim Thema Essen verloren haben, weil die Alltagsstrukturen fehlen. Zum Beispiel durch das Arbeiten im Homeoffice, oder durch den Fernunterricht, den Verlust des Arbeitsplatzes oder auch eine Veränderung der Familienkonstellation. Auch ist die Ablenkung verschwunden, und wir sind nicht mehr so stark in Bewegung wie vor der Pandemie. Jetzt haben wir die Zeit, unsere Ernährung zu hinterfragen. Aber: Eine diagnostizierte Essstörung hat harte Kriterien. Nur weil jemand weniger Alltagsstrukturen hat, heisst das nicht, dass diese Person automatisch an einer Essstörung leidet. Essen kann aber durchaus langfristig zu einem Problem werden. Zum Vergleich: Ich bin ja auch keine Alkoholikerin, wenn ich einmal pro Woche ein Glas Wein trinke.

Warum haben diese Frauen ihr Körpergefühl und ihre Körperwahrnehmung verloren?

Gerade Leute im Homeoffice können die Alltagsstrukturen leicht vernachlässigen. Das Mittagessen verschiebt sich zum Beispiel auf den Nachmittag, dann isst man etwas kleines Süsses, hat Schuldgefühle wegen den Kalorien und isst dann am Abend auch weniger oder gar nichts, um das Gegessene zu kompensieren. So beginnt der Teufelskreis. Ein anderes Beispiel: In einer Familie sind die Kinder erwachsen und ziehen aus. Plötzlich ist man an nichts mehr gebunden, und es lohnt sich nicht, etwas zu kochen. Das System ist weg und vielleicht auch die Gewissheit, was richtig und gesund ist.

Sind denn nicht vor allem junge Frauen von Essstörungen betroffen?

Essstörungen sind nicht mehr nur ein Problem von jungen Frauen. Das Alter meiner Patientinnen und Patienten hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Die Jugendlichen bleiben, gleichzeitig kommen relativ viele Frauen aus verschiedensten Altersgruppen hinzu, die kein System mehr haben. Heute sind auch viel mehr Männer bei mir in Behandlung. Hier sehe ich einen Zusammenhang mit der Veränderung des Körperbildes und der Körperwahrnehmung. Männer fühlen sich heute viel mehr dazu verpflichtet, einem Ideal zu entsprechen, als noch vor zwanzig Jahren.

Welchen Stellenwert hat die Ernährung heute?

Trendlebensmittel und verschiedenste Ernährungslehren haben seit fünf Jahren stark zugenommen. Auch die vegane Ernährung ist aufgekommen. Seit dem Beginn der Pandemie ist das Angebot an Lebensmitteln stark gewachsen. Heute können wir uns mit der Ernährung genauer auseinandersetzen als früher und sie ist auch individueller geworden. Das ist ein Vor- und ein Nachteil. Im Moment ist die Ernährung das einzig Steuerbare, sozusagen die letzte sichere Konstante. Manche kann das grosse Angebot aber auch in die Unsicherheit führen.

Die Ernährung ist also zum Lifestyle geworden und dadurch auch komplizierter. Ist das ein gesellschaftlicher Wandel, der uns in eine Essstörung treibt?

Ja zu sagen, wäre jetzt eine Unterstellung. Wir müssen einfach unser Bewusstsein stärken. Die Vielfalt der Lebensmittel hat, wie gesagt, durchaus ihre Vorteile. Andererseits: Die psychisch instabileren, gefährdeten Menschen werden sich das Ungesunde herauspicken und eine verschobene Selbstwahrnehmung führt dazu, dass man seine Ernährung unvorteilhaft ändert.

Ab wann raten Sie Ihren Klientinnen und Klienten, sich psychologische Hilfe zu suchen?

Bei Schuldgefühlen beim Essen und einer Körperwahrnehmung, die auf die schiefe Bahn geraten ist, rate ich den Leuten schon, eine Psychologin oder einen Psychologen aufzusuchen. In der Regel steckt hinter einer Essstörung mehr, als ich lösen kann. Häufig treten je nach Form der Essstörung weitere Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen auf. Demnach ist das Essverhalten eine Ausdrucksform.

Wie meinen Sie das?

Durch unser Essverhalten können wir einerseits Haltungen und Überzeugungen ausdrücken, zum Beispiel durch vegetarische oder ökologische Ernährung. Andererseits ist unser Essverhalten auch ein Ausdruck unserer Gefühle. Bei tiefer Trauer, aufgrund eines Verlustes, kommt es häufig vor, dass jemand unter Appetitmangel leidet.

Wie lange dauert eine Ernährungstherapie?

Es kommt darauf an. Es kann sein, dass ich sehr kurze Interventionen abhalte von einigen Wochen bis zu einigen Monaten. Einige Leute kenne ich schon seit 20 Jahren, sie sind seither mal mehr, mal weniger bei mir in der Beratung. Andere, bei denen die Eigengefährdung zu gross ist, werden stationär behandelt, sodass ich nicht mehr involviert bin.

Haben Sie zurzeit mehr Anfragen erhalten?

Im Moment habe ich deutlich mehr Anfragen. Als Grund sehe ich, dass zurzeit mehr Leute beim Thema Essen verunsichert sind. Je früher man sich meldet, desto besser. Vor Corona hatte ich eine Anfrage pro Monat, heute etwa eine pro Woche.

Wie kann man einer Fehlernährung vorbeugen?

Man kann seine Ernährung mit der altbekannten Ernährungspyramide abgleichen und eine Bilanz ziehen. Dann kann man besser erkennen, welche Lebensmittel etwas zu kurz kamen oder im Übermass konsumiert wurden. Die Pyramide ist auch hilfreich, wenn man nicht mehr weiss, was in welchem Masse gesund ist und was nicht. Wenn jemand beim Einkaufen viel länger braucht, weil er oder sie sich nicht mehr sicher ist, was er oder sie kaufen soll und was nicht, rate ich, sich Hilfe zu suchen. Der Hausarzt oder die Hausärztin, die Ernährungsberatung oder der psychologische Dienst sind die richtigen Fachpersonen. Schlussendlich sind gemeinsames Essen und Alltagsstrukturen sehr förderlich für ein gesundes Essverhalten und schaffen Achtsamkeit füreinander.

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