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Die Gefahr in den Bergen

Die Gefahr in den Bergen

Für Skitourenfans herrschen aktuell beste Verhältnisse. Trotzdem ist Vorsicht geboten. In den Bergen sind Unfälle keine Seltenheit. Zwei Experten erzählen.

Südostschweiz
vor 6 Tagen in
Aus dem Leben
Die Alpine Rettung Schweiz arbeitet eng mit der Rega zusammen.
THOMAS KÜNG

Wenn im Tal der Frühling eingezogen ist, herrschen für Skitourengängerinnen und Skitourengänger optimale Verhältnisse in der Höhe. So schön eine Skitour aber sein mag, ganz ungefährlich ist der Sport nicht. Laut der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung verunfallen bei Skitouren pro Jahr 1000 Menschen – rund 20 davon tödlich. Laut der Beratungsstelle stellen die grösste Gefahr bei Skitouren Lawinen dar.

Gute Bedingungen für Skitouren

Matthias Gerber von der Alpinen Rettung Schweiz (ARS) und Ezio Crameri von der Alpinpolizei Graubünden kennen die Gefahren nur zu gut. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn sich ein Unfall in den Bergen ereignet. Wie schätzen die Experten die aktuelle Lage für Skitouren in Graubünden ein? Im Interview mit TV Südostschweiz beziehen die beiden Männer Stellung und erzählen von ihren Erfahrungen.

«Bezüglich der Lawinensituation herrscht zurzeit eine relativ gute Lage für Skitourengänger. Es herrscht mässige Gefahr im nassen und im trockenen Lawinenbereich», erklärt Gerber. Für Skitourengängerinnen bedeute dies, dass sie am Morgen früh gut starten könnten. Am Nachmittag sei es etwas heikler, was Nasslawinen betreffe. Momentan gelte dies aber nur für ganz steile Sonnenhänge, ergänzt Gerber.

Alpinpolizei Graubünden:
Wie es auf der Website der kantonalen Alpinpolizei heisst, werden Bergspezialisten, die in der Alpinpolizei eingeteilt sind, bei Unfällen im klassischen Bergsport, beim Gleitschirmfliegen, Canyoning, Rafting und Mountain Biking (Outdoor Aktivitäten) aufgeboten. Sie leisten auch bei Unfällen mit Bergbahnen und Skiliftanlagen Unterstützung. Durch die Untersuchungsbehörden können sie als Fachexperten und für Expertisen eingesetzt werden. Die alpine Korpsausbildung obliegt ebenfalls der Alpinpolizei.

Auch Crameri beurteilt die Lage als relativ sicher, betont aber zugleich, dass es immer eine gute Vorbereitung brauche. Auch dann, wenn die Lawinensituation gut sei. Dank des vergangen schneereichen Winters werden die Bedingungen für Schneetouren noch lange so gut sein, wie Gerber weiter erklärt. «Wir beobachten, dass in den Höhen noch viel Schnee liegt.»

Viele Einsätze im Winter 

Der angesprochene schneereiche Winter 2020/2021 war für die beiden Männer von vielen Einsätzen gezeichnet. «Es wurden diverse Lawinenniedergänge gemeldet, bei denen Menschen mitgerissen, aber nicht verschüttet wurden – zum Glück muss man sagen. In Graubünden gab es fünf Todesopfer, schweizweit 27. Es wird sicher ein Jahr, das statistisch gesehen nach oben ausschlägt», erklärt Crameri.

Dem stimmt auch Gerber zu. 27 Todesopfer seien mehr als das langjährige Mittel, welches bei 22 Todesopfern liegt. «Wir messen von Herbst bis Herbst. Es ist also noch nicht vorbei und es könnten demnach mehr Opfer dazukommen», so Gerber.

Alpine Rettung Schweiz:
Die Alpine Rettung Schweiz (ARS) ist eine selbständige, gemeinnützige Stiftung, getragen durch die Rega und den Schweizer Alpen-Club SAC, wie es auf der Website heisst. Sie ist unter anderem Ansprechpartnerin der Kantone, die mehrheitlich ihre terrestrischen Rettungsaufgaben im Gebirge der ARS übertragen haben. Die 86 Rettungsstationen der sieben Regionalvereine sind so über die Voralpen und Alpen sowie Jura verteilt. Dadurch können die rund 2500 Retterinnen und Retter in kürzester Zeit einen Einsatzort erreichen.

Wichtig ist zu wissen, dass die Einsätze während der Wintermonate laut Crameri nicht zwingend nur mit Lawinenniedergängen zu tun haben. So gebe es auch Bergunfälle im Winter, bei welchen beispielsweise Personen von einer Flanke abstürzten. «Leider hatten wir diesen Winter auch Bergunfälle mit Todesfolge. Es war also schon ein anspruchsvoller Winter für uns», sagt der Alpin Polizist.

Auch Happy End möglich

Von den Unfällen im Winter seien Crameri vor allem die Fälle in Erinnerung geblieben, bei denen junge Menschen das Leben verloren hätten. «Das macht uns schon Sorgen und es beschäftigt uns natürlich auch wenn wir den Fall bearbeiten und die Angehörigen betreuen», sagt Crameri und fügt an: «Es ist nicht immer einfach, aber ich denke, wir haben auch dank unserer Partner wie der ARS oder der Rega einen guten Job gemacht.»

Wenn Gerber den Winter Revue passieren lässt, dann kommt ihm ein ganz bestimmter Lawinenunfall in den Sinn. Eine Gruppe Skitourengänger sei über den Grat aufgestiegen und auch wieder über den Grat hinunter gefahren. Eine Person der Gruppe sei ein wenig zu nahe am Kessel gewesen. Der ganze Kessel sei dann niedergegangen.

Gerber erzählt weiter: «Der Skitourengänger stürzte mit der Lawine mehrere Hundert Höhenmeter ins Loch hinunter. Erstaunlich war aber, dass er eigentlich unverletzt unten liegen blieb. Das hat mich doch sehr fasziniert, dass man in einer solchen Situation auch Glück haben kann.» Der Skitourengänger konnte sogar selbstständig ins Tal fahren. «Das sind dann die erfreulichen Ereignisse, die es auch gibt», so Gerber.

Schwierig Opfer zu pauschalisieren

Einzugrenzen, ob es eher Amateure oder Profisportler sind, die in solche Unfälle verwickelt sind, ist laut den beiden Experten nicht möglich. «Ich würde nicht sagen, dass es mehr Amateure sind. Es gibt sicher die eine oder andere Person,  die sich zu weit aus dem Fenster lehnt. Aber solche Prognosen sind schwierig», stellt Crameri klar.

Dem stimmt auch Gerber von der ARS zu: «Wir wissen von den Betroffenen nicht, welche Erfahrung sie mitbringen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Verunfallten gewisse Skills haben. Und die Personen, die gerade erst mit dem Sport angefangen haben, meistens so defensiv unterwegs sind und so grossen Respekt vor Lawinen haben, dass es eher weniger zu Unfällen kommt», so Gerber.

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