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Ein Historiker fordert: «Der Fahrtsweg muss verlegt werden!»

Ein Historiker fordert: «Der Fahrtsweg muss verlegt werden!»

Der Streit um einen Gedenkstein des Fahrtswegs hat es auf die höchste politische Bühne geschafft: Sogar der Regierungsrat hat sich damit beschäftigt. Ein Historiker hat Beweise, dass schon vor 200 Jahren gemauschelt wurde. Er fordert jetzt die Rückverlegung des Fahrtswegs.

Sebastian
Dürst
vor 2 Wochen in
Aus dem Leben

Die Näfelser Fahrt ist auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht einfach nur eine Wallfahrt, sondern eine historische Besonderheit. Sie ist dem Ursprung nach zwar eine religiöse Feier, wurde aber vor bald 200 Jahren «verstaatlicht»: Im ältesten noch gültigen Gesetz des Kantons Glarus von 1835 wird geregelt, wie die Fahrt durchgeführt werden muss.

Nicht im Gesetz festgehalten ist hingegen, wo der Weg der Fahrtsprozession durchgeht. Das heisst aber nicht, dass es dafür keine Regeln gibt: Die Route ist Teil des Landesfusswegs, die entsprechenden Rechte werden im Strassengesetz geregelt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil der Weg über diverse Privatgrundstücke führt. Einmal pro Jahr werden darum diverse Näfelser Vorgärten zum Fussweg, der von Hunderten Fahrtsgängern betreten wird.

Vor einigen Jahren wurde das zum Problem, welches es in diesem Winter zu höchster politischer Beachtung geschafft hat: Der Besitzer einer Liegenschaft, durch die der Fahrtsweg führt und auf der ein Gedenkstein steht, will die Fahrt nicht auf seinem Grundstück dulden. Seit Jahren deckt er deshalb trotzig den Gedenkstein mit Ästen zu. Der Stein muss jeweils vor der Fahrt freigeräumt werden. Zwei Näfelser Landräte wollten deshalb vom Regierungsrat wissen, wie er mit diesem «schändlichen und provokativen» Verhalten umgehen will. Die Regierung räumt in ihrer Antwort zwar ein, dass das Recht auf der Seite der Öffentlichkeit stehe, ruft aber zur Gelassenheit auf. «Der Grundeigentümer möchte seine Gegenparteien provozieren; diese Provokationen sind ein Stück weit auszuhalten», heisst es in der Interpellationsantwort.

Der letzte Tropfen

Für Historiker Hans-Heinrich Fasel war diese Antwort der Glarner Regierung der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und ihn an die Öffentlichkeit gelangen lässt. Fasel wohnt im Düdingen und hat in Freiburg Geografie und Geschichte des Mittelalters studiert. Er hat sich intensiv mit Wallfahrten in der Schweiz beschäftigt. «Die Näfelser Fahrt ist darum so spannend, weil hier eine an sich religiöse Feier zum Staatsakt erklärt wurde», sagt Fasel den «Glarner Nachrichten». Mit dem Fahrtsgesetz von 1835 sei sichergestellt worden, dass Reformierte und Katholiken den Tag wieder zusammen begehen könnten.

Fasel wurde nicht Historiker, sondern arbeitet als Primarlehrer, aber die Fahrt hat ihn nicht mehr losgelassen. «Wenn nicht gerade Corona alles lahmlegt, bin ich immer vor Ort», erklärt er. Früher nur, um das Zusammenspiel und den Wechsel zwischen religiösen und staatlichen Traditionen zu bewundern. «Es ist erstaunlich, wie viele kleine und grosse symbolisch aufgeladene Akte es an diesem Anlass gibt. Den Einheimischen fällt das wohl gar nicht mehr auf», sagt Fasel. Er nennt als Beispiel die Reihenfolge der Prozession: «Dass die Regierung mit der Kutsche kommt und es eine katholische Prozession gibt, die getrennt von der Musik von Glarus nach Näfels marschiert, ist kein Zufall.» So habe man vor bald 200 Jahren dafür gesorgt, dass sich die damals zerstrittenen Reformierten und Katholiken auf den Weg machen konnten, ohne direkt mit der anderen Konfession in Kontakt zu kommen.

Der Krimi nimmt Fahrt auf

Das alles ist aber nur ein Vorgeplänkel zum veritablen Krimi, den Fasels Nachforschungen aufgedeckt haben. Denn er ist im Laufe seiner Fahrtsbesuche einem Gemauschel auf die Spur gekommen, das sich zwar vor 200 Jahren zugetragen hat, aber auch für die heutige Zeit Auswirkungen haben könnte. «Sollte!», sagt Hans-Heinrich Fasel bestimmt. Er vermutet nämlich, dass er nicht der Einzige ist, der diesem Skandal auf die Schliche gekommen ist, und er wendet sich darum jetzt an die Öffentlichkeit mit seiner Forderung. «Der Fahrtsweg muss verlegt werden», sagt Fasel. Und zwar auf die Route, die vor 1835 begangen wurde und mit dem neuen Fahrtsgesetz klammheimlich abgesetzt wurde.

Fasels Stimme überschlägt sich fast, wenn er die unglaubliche Geschichte von Dietrich Schindler erzählt, der damals eigenhändig dafür gesorgt hat, dass der Fahrtsweg nach 450 Jahren verlegt wurde. Und die Stimme wird fast verschwörerisch, wenn er erzählt, wie er dieser unglaublichen Geschichte auf die Schliche gekommen ist.

Vergleich: Neuer und alter Fahrtweg.

Antike Symbolik gefunden

«Wie ich schon gesagt habe, fasziniert mich an der Fahrt vor allem die vielfältige Symbolik», beginnt Fasel. Darum sei ihm nach einigen Jahren aufgefallen, dass der klassische Fahrtsweg von Glarus über Schneisigen, zum Fahrtsplatz und über das Denkmal zur Kirche eben keine solche Symbolik aufweise. «Wallfahrten sind eben nicht Wege, die einfach nur zum Ziel führen sollten. Wie im Sprichwort gilt: ‘Der Weg ist das Ziel’», sagt Fasel. Darum würden Wallfahrten oft in einem Muster angelegt, das aus der Vogelperspektive eine Botschaft aussendet. «Gott könnte dann diese Botschaft der Leute aus dem Himmel noch deutlicher wahrnehmen, das war der Glaube der Menschen im Mittelalter», so Fasel.

Diese Botschaft hat er nördlich von Näfels gefunden. «Der Landesfussweg bildet dort den griechischen Buchstaben Chi, ähnlich dem heutigen X oder einem Kreuz», erklärt Fasel. «Und in diesem Moment wurde mir nicht nur klar, dass mit dem Fahrtsweg etwas nicht stimmt, sondern auch, wonach ich suchen muss», erklärt Fasel. Das Chi taucht nämlich seit der Antike immer wieder zusammen mit dem Buchstaben Rho auf, der wie ein heutiges P aussieht. X und P: Sie bilden zusammen das sogenannte Christusmonogramm, welches seit dem Sieg des römischen Kaisers Konstantin dem Grossen an der Milvischen Brücke in Gebrauch ist.

Fasel machte sich also auf die Suche nach einem Rho, das zum «Oberurner» Chi passt. «Passen heisst hier, dass sich die Buchstaben irgendwie aufeinander beziehen sollten», erklärt Fasel. Dabei würden idealerweise die historischen Punkte so miteinander verbunden, dass sie diese Buchstaben ergeben. Und wenn für das Chi die Kirche von Näfels als Orientierungspunkt galt, war es für Fasel naheliegend, ein Rho zu suchen, das mit dem Schneisigen zusammenhängt.

Ihm sei es wie Schuppen von den Augen gefallen – nun überschlägt sich Fasels Stimme wieder –, als er sich eine Karte des Glarner Landesfusswegs besorgt habe. «Verbindet man die Landesfusswege westlich und östlich der Hauptstrasse mit Querverbindungen etwa auf der Höhe der beiden Kreisel, ergibt das die Rundung des Rho», so Fasel. Aber damit es ein richtiges Christusmonogramm wird, muss der Weg anschliessend nicht in Richtung Fahrtsplatz, sondern direkt in Richtung Kirche zeigen. «Der Weg müsste also etwa auf der Höhe des EW Risi vom heutigen Weg abweichen», sagt Fasel. In dieser Linie läge dann auch das Kloster Näfels als weiterer Orientierungspunkt.

Die Spur führt nach Vorarlberg

Fasel war sich schon zu diesem Zeitpunkt sicher, dass seine Theorie vom falschen Fahrtsweg stimmt. Er machte sich deshalb auf die Suche nach dem Hintergrund der Geschichte. Und er wurde bei Dietrich Schindler fündig. Der Molliser lebte von 1795 bis 1882 und wurde 1834 zum Landesfähnrich, 1837 zum Landammann gewählt.

In Erinnerung ist er Geschichtsinteressierten, weil Schindler einer der Väter der liberalen Glarner Verfassung ist, die 1836 die konfessionelle Trennung des Kantons wenn nicht aufhob, so doch milderte. Nun war Schindler aber nicht nur Politiker, sondern auch steinreicher Fabrikant – und ein Reformierter aus Mollis.

Fasel hat sich immer tiefer in das Leben Schindlers vertieft und ist mehrmals ins Vorarlbergische Kennelbach gereist, wo die grösste Fabrik Schindlers stand. Was er gefunden hat, ist erstaunlich: Die persönlichen Notizen Schindlers zur Formulierung des Fahrtsgesetzes von 1835 samt Kommentaren.

Aus diesen geht hervor, dass Schindler sein ganzes politisches und finanzielles Gewicht in die Waagschale warf, um die Fahrt zum staatlichen Feiertag zu machen, der nicht mehr katholisch geprägt ist. «Der löbliche Stand Glarus soll sich nicht mehr von diesen unguoten Katholiken erdrängen lassen», übertitelt Schindler seine Notizen.

Einiges davon ist heute noch gut sichtbar: Die Reden der Politiker beim Schneisigen, die abwechselnden Predigten auf dem Fahrtsplatz und die getrennten Wege von Reformierten und Katholiken. Die grösste Änderung, welche Schindler aber durchsetzen konnte, ist in Vergessenheit geraten: Er war es, der den Fahrtsweg so verlegt hat, dass er nicht mehr über das Kloster Näfels führt. Und weil die Route nicht im Fahrtsgesetz festgelegt ist und sowohl Reformierte als auch Katholiken froh waren um jedes Thema, bei dem sie sich nicht mehr aneinander reiben, geriet der alte Fahrtsweg schon bald in Vergessenheit.

Das will Fasel ändern: «Es kann nicht sein, dass die Fahrt nur wegen der Gesinnung eines Mannes falsch begangen wird», sagt er. Er fordert, dass die nächste Fahrt auf dem alten Weg begangen und die Gesetzgebung angepasst wird. «Ich bin mir bewusst, dass das ein riesiger Aufwand wird, weil ja all die Wegrechte auf den Grundstücken neu verhandelt werden müssen», sagt Fasel. Aber die Geschichte und Erinnerung seien diesen Aufwand wert.

Die Regierung gab den Ausschlag

Es bleibt die Frage, warum Fasel sich ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit wendet. Der Grund dafür liegt in einem Nebensatz der Medienmitteilung des Regierungsrates. Dieser hat nämlich zum aktuellen Fahrtsweg-Streit geschrieben: «Zur Diskussion stand auch eine Verlegung des Gedenksteins an den Strassenrand.»

Für Hans-Heinrich Fasel heisst das nichts anderes, als dass man auch beim Kanton Kenntnis vom alten Fahrtsweg hat. «Mit der Verlegung wäre der Stein nämlich wieder an einer Stelle, die auf dem alten Fahrtsweg liegt», sagt er. «Ich vermute, dass man so langsam, aber sicher zum alten Weg zurückkommen will, ohne das Gesicht zu verlieren.» Die Regierung wollte zu diesen Forderungen bis Redaktionsschluss keine Stellung nehmen.

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