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Ihr fragt – Dr. Reiser antwortet

Ihr fragt – Dr. Reiser antwortet

Das Thema Covid-19 ist omnipräsent und sorgt nach wie vor für viele Fragen. Wir haben Eure Fragen gesammelt und sie dem Flimser Arzt Peter Reiser zur Beantwortung vorgelegt.

Südostschweiz
vor 1 Monat in
Aus dem Leben
Dr. med. Peter Reiser ist Facharzt für Allgemeine Medizin FMH.
SUEDOSTSCHWEIZ.CH

Corona bringt unser aller Leben durcheinander. Nichts ist mehr, wie es noch vor einem Jahr war. Dabei treten immer wieder ganz viele Unsicherheiten zu den verschiedensten Themen auf. Wir wollten von Euch wissen, was Euch zum Thema Corona so unter den Nägeln brennt. Einen Teil Eurer Fragen haben wir an den langjährigen Mediziner und Hausarzt Peter Reiser weitergeleitet.

Was ist der Unterschied für die Betroffenen, wenn sie an der Grippe oder am Coronavirus erkranken?

Zu Beginn der Pandemie vermutete man, dass sich das Coronavirus ähnlich wie das Grippevirus verhält. Heute wissen wir, dass dies nicht so ist. Der Hauptunterschied liegt darin, dass es in der Bevölkerung keinerlei Immunität gegen das Coronavirus gibt, weil das Virus in seiner Zusammensetzung völlig neuartig ist. Deshalb würden ohne Schutzmassnahmen sehr viele Personen gleichzeitig erkranken, und unser Gesundheitswesen, die Wirtschaft und das ganze gesellschaftliche Leben würden zusammenbrechen. Dagegen besteht gegen die Grippe, die alle Jahre kommt, eine recht gute Immunität und nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung erkrankt. Gegen die Grippe können sich Impfwillige impfen lassen, sie können sich also relativ gut schützen. Das Coronavirus hingegen übertragen wir bereits zwei bis drei Tage bevor wir Symptome entwickeln. Und so übertragen wir dieses Virus ohne dass wir etwas davon merken. Für Risikopatienten ist dies sehr gefährlich.

Wie viel nützen diese hellblauen Schutzmasken wirklich?

Die hellblauen Schutzmasken wirken wie ein grober Filter. Das heisst, die grossen Speicheltröpfchen bleiben darin hängen. Oder anders gesagt, wir spucken uns gegenseitig nicht direkt ins Gesicht. Und damit ist auch gesagt, dass man die blauen Masken vor allem zum Schutze des anderen trägt und nicht für sich selber. Sie sind also eine Form des Respektes gegenüber den anderen. Kein Schutz bieten die blauen Masken hingegen vor den viel kleineren Aerosoltröpfchen, die wie der Atem selber durch die Maske hindurchgelangen können. Trotzdem sind die blauen Masken ein wichtiger Teil des Schutzkonzeptes, aber für sich alleine genügen sie leider nicht. Die Wirksamkeit der blauen chirurgischen Masken ist seit Jahrzehnten bekannt: Jeder Chirurg trägt sie während einer Operation, um Patienten nicht anzustecken. Oder möchten Sie von einem Arzt ohne Maske operiert werden?

Auch an den Oberstufenschulen herrscht Maskenpflicht. In einem vollen Restaurant am Tisch – ich arbeite im Gastrobetrieb –, aber nicht. Es sind jeden Tag andere Leute im Restaurant, also vermischt sich das Ganze. In einer Schulklasse sind jedoch immer die gleichen Schüler. Könnten Sie mir erklären, inwiefern die neuen Massnahmen im medizinischen Aspekt Sinn machen? 

Jeder Gastrobetrieb hat ein Schutzkonzept. Darin steht unter anderem, dass die Tische nicht so eng platziert werden dürfen, die Anzahl Gäste begrenzt ist, man sich nicht ohne Maske bewegen darf und das Personal eine Maske tragen muss etc. Damit erhofft man sich, dass es zu keinen Ansteckungen in den Restaurants und Cafés kommt. Ob dies auch wirklich so ist, wissen wir aber nicht. Deshalb sollten gefährdete Personen öffentliche Lokale besser meiden. Immerhin ist es bisher gelungen, unsere Gastrobetriebe offen zu halten und Arbeitsplätze zu sichern. Zudem kann man essen gehen und einzelne Freunde treffen, was auch sehr wichtig ist. In anderen Ländern wurden hingegen die Gasthäuser und Hotels vorsorglich geschlossen. Die Schule ist eine ganz andere Geschichte: Kinder haben eine Schulpflicht, und es ist wichtig, dass die Schule den Präsenzunterricht anbieten kann. Kinder entwickeln meist nur geringfügige Symptome. Inwieweit sie das Virus übertragen, wissen wir noch nicht genau. Aber wir befürchten, dass sich vor allem Jugendliche und Lehrpersonen in der Schule gegenseitig anstecken und so das Virus nach Hause bringen. Damit muss die Schule den Spagat zwischen Aufrechterhalten des Schulbetriebes und Schutz derjenigen Personen schaffen, für die das Virus gefährlich werden kann. Das Tragen der Maske in der Oberstufe ist Teil des Schutzkonzeptes. Wenn zu viele positive Fälle in einer Klasse auftreten, dann müssen wir die Schule schliessen. Und dies wollen wir unbedingt vermeiden. In anderen Ländern wurden sicherheitshalber bereits wieder Schulen geschlossen.

Was weiss man über Masken? Reduziert sie die Sauerstoffaufnahme? Speziell bei Kindern? Ich lese beide Meinungen, gibt es Studien?

Es gibt ganz unterschiedliche Masken. Die, die am häufigsten eingesetzt werden, sind die blauen chirurgischen Masken. Die zuverlässigeren FFP2- und FFP3-Masken aus dichterem Gewebe gibt es schon viele Jahre. Handwerker und Landwirte, die mit Staub und Schmutz arbeiten, schützen sich damit. Alle Masken sind für Sauerstoff, ein sehr kleines Molekül, problemlos durchgängig, sodass es nicht zu einem Sauerstoffmangel kommen kann. Hingegen braucht der Körper mehr Kraft, um den Widerstand der Maske beim Atmen zu überwinden. Dies kann für Personen mit einer schweren Lungen- oder Herzerkrankung sehr anstrengend sein. Einzelne Personen fühlen sich durch Masken eingeengt, entwickeln Platzangst, Übelkeit und Kopfschmerzen. Für alle gesunden Personen ist aber das Tragen einer Maske ohne Probleme möglich, auch wenn der Tragkomfort mässig ist. Dies trifft auch für Kinder zu.

Dr. med. Peter Reiser ist Facharzt für allgemeine Medizin FMH. Er führt seit 24 Jahren eine Praxis in Flims. Reiser ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Von 2008 bis Ende Jahr ist Reiser Schulratspräsident und Gemeindevorstand in Flims. Von 2014 bis 2019 war er zudem Präsident des Schulbehördenverbandes Graubünden.

Warum gibt es die Grippe nicht mehr und warum wird nur noch von Coronavirus-Erkrankten gesprochen?

Die Grippe wird auch diesen Winter wiederkommen – meistens in den Monaten Januar bis März. Die Grippe ist deshalb weniger bedrohlich, weil viele Menschen eine gewisse Immunität dagegen aufweisen und deshalb nur alle zehn bis 15 Jahre daran erkranken. Zudem können sich Impfwillige dagegen impfen, was zu einem guten Schutz führt. Am Coronavirus kann aber jede Person erkranken, da es in der Bevölkerung keine Grundimmunität gibt. Sobald es einen Impfstoff dagegen gibt, kann sich die Gesellschaft wieder viel freier bewegen, weil sich die gefährdeten Personen schützen können.

Warum werden Menschen ohne Symptome auf das Coronavirus getestet? («Je mehr Tests, desto mehr positive und falsch-positive Fälle.»)

Je mehr Menschen getestet werden, desto grösser ist die Chance, ansteckende Personen frühzeitig zu erkennen. Dies ist deshalb sehr wichtig, weil wir schon zwei bis drei Tage vor den ersten Symptomen ansteckend sind. Zudem können vor allem Kinder und junge Erwachsene das Virus übertragen, ohne Symptome zu entwickeln. Diese werden nur durch grosszügiges Testen erkannt. Die Rate falsch positiver Fälle ist mit dem PCR-Test sehr gering. Allerdings kann nach Abklingen eines Covid-Infektes das Testresultat weiterhin positiv sein, bei nur sehr geringer Übertragungsgefahr. Dies erkennt man nur durch genaues Erheben der Krankheitsgeschichte. 

Sind in der Schweiz genügend Medikamente vorhanden, die gegen das Coronavirus eingesetzt werden? («Dexamethason oder Remdesivir»)

Die meisten Covid-Patienten brauchen weder Dexamethason noch Remdesivir, sondern können durch die üblichen Erkältungsarzneien kuriert werden. Oft genügen sogar die Hausmittelchen, die wir alle für eine Erkältung zu Hause haben. Nur ein ganz kleiner Teil der Patienten braucht stärkere Medikamente. Diese werden in den Spitälern eingesetzt und stehen bei Bedarf zur Verfügung. Knapp in der jetzigen Krise sind nicht die Medikamente, sondern die Intensivpflegebetten beziehungsweise geeignetes Pflege- und Arztpersonal.

Schickt uns Eure Fragen
Habt Ihr eine Frage bezüglich Covid-19, auf die Ihr gerne eine Antwort vom Mediziner hättet? Dann sendet Sie uns an online@suedostschwezi.ch (Betreff: Dr. Reiser) und wir stellen sie in der nächsten Fragerunde.

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