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Als im Engadin die Bomben fielen

Als im Engadin die Bomben fielen

Die Bombenabwürfe über Samedan während des Zweiten Weltkriegs jähren sich heute zum 77. Mal. Zeitzeugin Silvia Pfister erinnert sich.

Südostschweiz
vor 3 Monate in
Aus dem Leben
Ein Bombenkrater vor der Chesa Planta in Samedan.
ZVG/«SCHWEIZER JUGEND IM ZWEITEN WELTKRIEG»

Als am 1. Oktober 1943 amerikanische Bomber über Samedan flogen und zwölf Bomben abwarfen, war Silvia Pfister gerade acht Jahre alt. Das Mädchen sollte im Dorf Einkäufe erledigen, als kurz vor Mittag die erste Bombe einschlug. «Als ich den Laden verliess, war der Boden übersät von Scherben. Ich war durch den Druck der Explosion hingefallen und hatte mich am Arm und Knie verletzt. Dann bin ich wieder aufgestanden und weitergelaufen.» Eine Gemüsehändlerin habe sie daraufhin in ihr Geschäft gezogen, erinnert sich Pfister. «Komm herein Mädchen, du bist verletzt!»

Noch während Silvias Wunden durch einen Arzt behandelt wurden, wurde ein weiterer Fliegeralarm ausgelöst. Mitten in der Behandlung musste sie wieder in den Keller rennen. Elf weitere Bomben sollten folgen.

Klima der Angst

Die folgenden Tage waren von Angst und Verunsicherung geprägt. «Wir wussten nicht, ob es vorbei war oder ob noch etwas nachkommen würde.» Dennoch spricht Pfister von einem Riesenglück, das sie, ihre Familie und die gesamte Bevölkerung Samedans gehabt hätten. Niemand im Dorf wurde bei den Bombardierungen getötet, es entstand blosser Sachschaden. Dies ist auch einer Reihe glücklicher Zufälle geschuldet:

Gemäss Pfister nahmen die Soldaten der Schweizer Armee ihr Mittagessen für gewöhnlich auf dem Plantaplatz mitten im Dorf ein – ebendort, wo die erste Bombe detonierte. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen an jenem Freitag wich man jedoch in die Dorfbeiz aus. Ein lebensrettender Entscheid, wie sich Augenblicke später herausstellen sollte.

TV Südostschweiz hat mit Silvia Pfister über den Bombenabwurf vor 77 Jahren gesprochen:

Auch Kinderleben wurden vom Zufall gerettet: Silvia Pfister erzählt von einer «Kleinkinderschule» nahe des Plantaplatzes, deren Lehrerin an jenem Tag krank gewesen sei. Darum sei die Betreuung ausgefallen und die Kinder hätten zu Hause bleiben dürfen. «Die Kinder mussten direkt am Plantaplatz vorbeigehen, um die Schule zu erreichen.» Da die erste Bombe gegen Mittag einschlug und um diese Zeit auch die Schule zu Ende gewesen wäre, hätte dies in einer Katastrophe geendet, so Pfister.

Verirrte US-amerikanische Flieger

Bei den Bombenabwürfen handelte es sich um Notwürfe verirrter amerikanischer Flieger. In Nordafrika stationierte Kampfflieger der Luftflotte der US Air Force waren am Morgen des 1. Oktobers in Richtung Deutschland unterwegs. Ihre Mission: die Zerstörung einer Flugzeugfabrik in Augsburg. Nach ihrem 500 Kilometer weiten Flug sollten die in mehreren Gruppen fliegenden schweren Bomber ihre zerstörerische Fracht loswerden. Eine geschlossene Wolkendecke über der Alpennordseite verhinderte aber die Sicht auf das Angriffsziel. So wurden die Bomben letztendlich unter anderem über Samedan abgeworfen. Die österreichische Stadt Feldkirch traf es an jenem Freitagmorgen besonders hart. 170 Menschen mussten bei den Notwürfen der Alliierten ihr Leben lassen.

Damit Erinnerungen wie jene von Silvia Pfister nicht vergessen gehen, hat die Sekundarlehrerin Erika Bigler mit der Firma Bigmedia das digitale Buch «Schweizer Jugend im Zweiten Weltkrieg» entwickelt. Die Autorin des Multimedia-Projekts hat in diesem Rahmen nicht nur mit Silvia Pfister, sondern mit diversen anderen Zeitzeugen aus der ganzen Schweiz gesprochen. Die Protagonistinnen und Protagonisten sprechen über den Ausbruch des Krieges, über die Versorgungssituation in der Schweiz und darüber, wie es war, im Zweiten Weltkrieg aufzuwachsen.

(reb)

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Ich hab da jetzt komische Fragen: Die Schweiz war ja im 2. Weltkrieg kein "formeller" Kriegsteilnehmer. Aufgrund der "Jahrestage" wird immer wieder von Bombenabwürfen auf Schweizer Hoheitsgebiet - angeblich durch verirrte US-Flugzeuge - berichtet, ja sogar das ausländische Kampfflugzeuge in der Schweiz "abgestürzt oder not gelandet sind. Gab es seinerzeit seitens des schweizerischen Militärs keine Luftraumüberwachung resp. Flugzeuge zum Abfangen und gegebenenfalls vernichten eindringender fremder Kampfflugzeuge resp. bodengestützte Luftabwehr - Flak -? Eine Antwort darüber wäre von meinem besonderem Interesse.