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Wenn Hunde in die Spielgruppe gehen

Für viele Hundehalter ist eine artgerechte Erziehung wichtig. Obwohl sogenannte SKN-Kurse seit drei Jahren nicht mehr obligatorisch sind, besuchen viele einen Erziehungskurs. Doch gerade bei jungen Hunden geht es zunächst darum, die Umwelt zu erkunden. Wir haben einen Welpen während seiner ersten Spielstunde begleitet.

Seraina
Zinsli
Montag, 15. Juni 2020, 04:30 Uhr Reportage aus dem Leben
Der kleine Vierbeiner kann sich nicht überwinden durch den Tunnel zu gehen.
SERAINA ZINSLI

Die Nase schiesst nach oben in die Luft, der Hals ist durchgestreckt, und stossartig atmet er ein und aus. Sobald die Tür des Kofferraums sich öffnet und die vielen Gerüche hereinströmen, weiss er, draussen wartet eine spannende Umgebung, die entdeckt werden will. Der kleine Welpe schnüffelt intensiv und atmet etwa fünf Mal pro Sekunde ein und aus, wobei die geruchsgeladene Luft auf die über 200 Millionen Rezeptorzellen in der Nase geleitet wird. Dagegen sind die fünf bis sieben Millionen Riechzellen der Menschen nur ein Bruchteil. Kein Wunder also, dass der kleine Vierbeiner im Kofferraum viel mehr Informationen aus seiner Umwelt filtert, als die beiden Menschen, die ihm gerade aus seiner viel zu gross scheinenden Transportbox helfen.

Der kleine Backcross Dalmatiner ist gerade einmal 15 Wochen alt, mitten im Wachstum. Und genau darum sind die Bewegungen noch etwas unkoordiniert und schlaksig. Das einzige, das elegant wirkt ist sein schwarz glänzendes Fell. Brust und Pfoten sind schwarz-weiss getupft und ein weisser Streifen auf der Stirn teilt die beiden Gesichtshälften in zwei. Er wirkt ein wenig verunsichert, tapst seinen beiden Menschen aber trotzdem hinterher, in ein eingezäuntes Gelände, wo sich die Gruppe versammelt. Mit dabei sind ein kleiner Labrador, ein Tibet Terrier und zwei Jagdhunde, die sich zusammen mit ihren Besitzern in einer Reihe aufstellen. Eine vergleichsweise kleine Gruppe.

So eine Welpen-Spielstunde ist wichtig für die Entwicklung eines jungen Hundes. Denn der Umgang mit unterschiedlichen Reizen, Untergründen, akustischen Signalen oder Spielgeräten dient dazu, Trittsicherheit zu gewinnen, das Selbstwertgefühl zu steigern und sich zu behaupten. Ebenfalls wichtig ist der spielerische Umgang mit Artgenossen. Im Zentrum steht es, zu kommunizieren, den Herausforderungen der Welt in einem geschützten Rahmen zu begegnen und diese zu bewältigen.

Ein «Arschgesicht» kennenlernen

«Macht eure Welpen bereit, frei zu laufen», sagt die Trainerin, die sich vor die Gruppe gestellt und alle persönlich begrüsst hat. «Dafür könnt ihr Geschirr, Halsband und Leine abnehmen, damit sich die Welpen nicht verletzen. Sobald das alle gemacht haben, dürfen sich die Hunde beschnuppern.» Gesagt getan: Alle fünf Welpen rennen aufgeregt aufeinander zu. Auch der kleine Backcross Dalmatiner ist nicht mehr zu bremsen. Doch der allererste Kontakt mit den anderen Artgenossen ist zurückhaltend. Als erstes wird das Hinterteil beschnuppert. «Ich sage immer das Kennenlernen beginnt oft am 'Arschgesicht'. Am After, wo sich zwei Drüsen befinden.» Diese Analdrüsen geben ein Sekret ab, das den Hunden bei der Reviermarkierung dient. «Wichtig beim Kontakt mit anderen Hunden ist, dass ihr den Gemütszustand eurer Hunde beobachtet. Achtet dabei gut auf die Körpersprache», bemerkt die Trainerin. Beim jungen Hund wirkt alles fröhlich, aber trotzdem ist er in den ersten Minuten reserviert und tastet sich nur langsam heran. Die Rute ist entspannt nach oben gestreckt und der Gang aufrecht. Seine Aufregung ist ihm anzusehen, trotzdem ist er freundlich und in Spiel-Laune.

Sobald das erste Kennenlernen vorbei ist, sind die Welpen wie ausgewechselt und flitzen hin und her, spielen und tollen miteinander herum. Einer der beiden Jagdhunde ist mit Abstand der Jüngste unter den fünf Welpen. Und genau dieser scheint den kleinen Backcross Dalmatiner am meisten zu interessieren. Die beiden jungen Hunde jagen einander abwechslungsweise hinterher, schnappen spielerisch nacheinander und rollen auf dem Boden hin und her. «Macht euch bereit, euren Hund zurückzurufen,» unterbricht die Trainerin, und nach wenigen Augenblicken rufen die Hundebesitzer aus allen Richtungen ihren Hund zu sich. Im ersten Moment wirken die Welpen noch ein wenig orientierungslos. Doch nach und nach finden alle zu ihren Menschen.

Ein Untergrund, der sich bewegt, ist auch für Welpen im ersten moment ungewohnt.

Auch ein Welpe braucht Mut

«Leint eure Hunde an und geht einige Schritte an der Leine, ohne dass der Welpe zieht», lautet die nächste Anweisung der Trainerin. «Danach könnt ihr zu den Gegenständen laufen, die auf der Wiese verteilt sind.» Der kleine Backcross Dalmatiner nähert sich mit seinen beiden Menschen als erstes fünf Stangen, die wenige Zentimeter über Boden eine kleine Hürde bilden. Im ersten Moment traut sich der Kleine nicht weiterzugehen. Doch dann lockt ihn sein Frauchen und der Welpe hört und springt über die Hindernisse. Ein gewisses Vertrauen ist also bereits da. Als nächstes weckt das farbige Bällebad sein Interesse. Auch hier ist es für den 15 Wochen jungen Hund kein Problem hineinzuspringen, sich einen Ball zu schnappen und weiterzugehen. Das erste Hindernis, dem der Kleine nicht traut, ist ein grosses Metallrohr. Bis kurz davor wirkt der kleine Hund selbstsicher und tapst darauf zu. Aber dann, kurz bevor er hineingehen soll, bleibt er auf der Stelle stehen. Auch wenn der Kleine sonst gerne durch Tunnels geht, bei diesem ist etwas anders. «Metall ist für Hunde oft eine unangenehme Unterlage,» erklärt die Trainerin. Sie hilft, den Kleinen in den Tunnel zu locken. Zwar schafft es der Welpe, sich zu überwinden und schnappt sich den Hundekeks, den die Trainerin in das Rohr gelegt hat. Aber mehr als die beiden Vorderpfoten werden in dieser Spielstunde den metallenen Untergrund des Tunnels nicht berühren.

Wer müde ist, ist schlecht gelaunt

«Macht eure Welpen bereit, frei zu laufen», tönt es erneut. Und wieder rennen die fünf Welpen freudig aufeinander zu. Der Backcross Dalmatiner wendet sich wie eben zuvor dem Jüngsten der Gruppe zu. Sie spielen einige Sekunden, dann gibt einer der beiden Welpen, es ist der junge Jagdhund, ein gequältes, lautes Fiepen von sich. Normalerweise greifen Menschen nicht ins Spiel ein, aber hier geht die Trainerin gezielt auf die beiden Spielgefährten zu und holt den Kleinen aus der Situation. Sie erklärt: «Das ist ein klassisches Beispiel der Übermüdung. Die erste Spielrunde war kein Problem für den kleinen Welpen, aber da er nun müde ist, wurde es ihm beim zweiten Mal zu viel, und er hat sich bemerkbar gemacht.» Hunde würden einfach nicht mehr so viel aushalten, wenn sie müde seien. Das sei genauso wie bei Menschen. Aus diesem Grund lässt die Trainerin die restlichen vier Welpen noch wenige Minuten miteinander spielen. Dann gibt sie erneut das Signal, die Welpen zurückzurufen.

Jetzt ist auch beim kleinen Backcross Dalmatiner deutlich zu sehen, dass er müde ist. Seine beiden Menschen rufen ihn, doch die Ohren sind auf Durchzug geschaltet. Auch wenn der kleine Welpe das Kommando noch vor einigen Minuten recht gut beherrschte, jetzt wirkt es, als hätte er es noch nie gehört. «Hier», rufen die beiden Hundehalter immer genervter. Doch anstatt zu seinen Besitzern zu laufen rennt der kleine Vierbeiner hin und her, und macht Radau bei den anderen Welpen, die sich schon nach wenigen Rufen schnurstracks zu ihren Besitzern begeben haben. Dieses Verhalten zeigt, dass es langsam Zeit ist, die Spielstunde zu beenden. Und das macht die Trainerin auch. Sie verabschiedet sich von der Gruppe und nach und nach verlassen Hund und Mensch das Gelände.

Dem jungen Mischling ist anzusehen, dass er froh ist, eine Pause zu bekommen. Denn sobald sich die Tür seiner Auto-Transportbox öffnet, geht er freiwillig hinein, legt sich hin und blinzelt seine beiden Menschen erschöpft an.

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