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«Das Gespräch mit den Patienten ist das A und O»

Im September tritt der Emser Jan Signorell die Stelle als Chefarzt Kardiologie in der Rehaklinik Seewis an. Signorell möchte ein Betreuungskonzept für Herzpatienten erarbeiten, das die Anzahl Rückfälle nach Eingriffen verringert. Als Grundlage für die Arbeit mit (Herz-)Patienten nennt er zwei simple Dinge: genügend Zeit und offene Ohren.

Simone
Zwinggi
Mittwoch, 13. Mai 2020, 04:30 Uhr Neuer Chefarzt Kardiologie an der Rehaklinik
Jan Signorell Neuer Chefarzt Arzt Kardiologie Rehaklinik Seewis Reha Klinik
Jetzt im Lesesaal, ab September in den Behandlungsräumen: Jan Signorell wird Chefarzt Kardiologie an der Rehaklinik Seewis.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Das Wetter an diesem Morgen im Mai lädt dazu ein, es sich auf den breiten Ledersesseln im Klinik-Lesesaal gemütlich zu machen: kühl und regnerisch. Während Jan Signorell selbst Platz nimmt und für einmal von sich erzählt, geht es ihm künftig darum, vertrauensvolle Gesprächssituationen für seine Patienten zu schaffen. Der 45-Jährige wird ab September Chefarzt Kardiologie an der Rehaklinik in Seewis. Die Basis für eine gute Zusammenarbeit mit den Patienten sieht der Herzinsuffizienz-Spezialist auf der psychologischen Ebene: «Sich Zeit zu nehmen für den Patienten, ihm zuzuhören, was ihn alles beschäftigt, das lohnt sich sehr. Mit einem guten Gespräch lässt sich vieles erreichen.»

Als Unbekannter in Chur eine Praxis eröffnet

Seit 2011 führt Signorell im medizinischen Zentrum Gleis D in Chur eine eigene Praxis für Kardiologie. «Ich habe praktisch aus dem Nichts diese Praxis eröffnet», erzählt Signorell und lacht. Nach Ausbildungsstationen in der Ostschweiz und in Bern wollten seine Frau und er in die gemeinsame Bündner Heimat zurückkehren. Im Gleis D eine Praxis zu eröffnen, wo viele verschiedene medizinische Spezialisten aufeinandertreffen, diese Idee habe ihm gefallen, so Signorell. «Aber damals kannte mich hier noch niemand. Ich hatte noch nicht in Graubünden gearbeitet.» Die Praxiseröffnung habe Mut verlangt und sei eine Reise ins Ungewisse gewesen, erinnert sich Signorell. «Doch bereut habe ich es nie.»

Signorell baute sich Schritt für Schritt ein Netzwerk auf, der Patientenstamm wuchs. Aber immer nur so stark, dass die Praxistage nicht mit Terminen überfüllt waren. «Sonst kommt das zu kurz, was ich als so wichtig erachte: Zeit für ein umfassendes Gespräch mit dem Patienten.» In einem solchen Gespräch ist Signorell oft nicht nur Kardiologe, sondern auch ein bisschen Ernährungsberater, Psychologe und Sportlehrer. «Ich frage die Patienten oft nach der Ernährung, gebe ihnen Empfehlungen für sportliche Aktivitäten. Denn ich habe schon oft erlebt, dass kleine Verhaltensänderungen grosse Wirkungen auf die Gesundheit haben.» Dass er das, was er predigt, auch selbst umsetzt, bestätigt seine Erscheinung: schlank und vital. Er jogge gerne, sagt Signorell über sich, habe früher auch immer wieder Wettkämpfe bestritten. Aber nicht nur aus Freude an der Bewegung hält er sich an seine eigenen Verhaltensregeln. «Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich anderen Leuten Empfehlungen abgebe, die ich selbst nicht umsetze. Sich ausgewogen ernähren, genügend bewegen, nicht rauchen – es sind simple Dinge, die das Herz gesund halten», hält Signorell fest.

Auf der Schulbank und im Garten

In den vergangenen Wochen war Signorell wegen der Coronakrise nicht mehr so oft in seiner Praxis. Diese sei nur zu etwa 30 Prozent ausgelastet gewesen, erzählt er. Bei der schulischen Betreuung der neunjährigen Tochter und des elfjährigen Sohnes habe er sich mit seiner Frau abgewechselt. «Streng war ich beim Homeschooling wohl eher nicht», beurteilt Signorell sich selbst und schmunzelt. Als er während den Frühlingsferien auch von seinen Lehreraufgaben befreit war, widmete er sich dem Garten. Er habe sehr viel gegärtnert, erzählt er. «Und es hat mir sehr gut getan. Ich kann das jedem nur empfehlen.»

Bis ins hinterste Tal

Neben seiner Wirkstätte in Chur hat Signorell auch einen Arbeitsauftrag in Thusis. Er ist Konsiliararzt am Spital Thusis und bietet ambulante Sprechstunden an. Das bringe Abwechslung und einen Blick hinter die hohen Berge mit sich, sagt Signorell. «Neben der städtischen Bevölkerung, die ich in der Praxis in Chur betreue, komme ich während meiner Arbeit in Thusis auch mit Menschen aus abgelegenen Tälern und Dörfern in Kontakt.» Die Tätigkeit in Thusis wird Signorell bei seinem Wechsel nach Seewis beibehalten, für die Patienten der Churer Klinik möchte er Sprechstunden an der Rehaklinik anbieten.

Grosse Ziele

Weshalb zieht es ihn denn in an einen neuen Ort? «Ich möchte ein noch besseres, massgeschneidertes Programm für die Herzpatienten in der Rehaklinik anbieten. Und ein Betreuungskonzept erarbeiten, wie Patienten nach einem kardiologischen Eingriff ‹in einem Guss› behandelt werden können», sagt Signorell. Ein solches Konzept sei nötig, denn die Rückfallquote von Herzpatienten sei sehr gross, erläutert er. «30 Prozent der Menschen, die wegen einer akuten Herzschwäche ins Spital mussten, werden in den ersten drei Monaten nach ihrem Austritt rehospitalisiert», so Signorell. Bei 80 Prozent dieser Patienten werde sogar mindestens ein zweites Mal im ersten Jahr nach dem Eingriff ein erneuter Gang ins Spital nötig. «Hier besteht also ein grosser Bedarf, den Übergangsprozess in den Alltag besser zu gestalten, um die Lebensqualität des Patienten zu verbessern», betont Signorell. Weiter sei die Herzinsuffizienz ein grosses Thema, das er in den Fokus rücken möchte. «Die immer bessere kardiologische Behandlung führt dazu, dass Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten, sich besser davon erholen. Wenn diese Menschen älter werden, leiden sie nicht selten an einer Herzinsuffizienz, also einer Herzschwäche», erklärt Signorell.

Signorell hat grosse Ziele für seine Arbeit in Seewis. Sie ist ein neues Kapitel in seiner Arbeit als Kardiologe, die er mit Leidenschaft ausführt.

Auslastung auf ein Drittel gesunken, ärztlicher Direktor tritt im Herbst kürzer
Die Rehaklinik Seewis hat derzeit wegen der Coronakrise eine Auslastung von nur etwa 35 Prozent, wie der ärztliche Direktor Michele Genoni sagt. Das Besuchsverbot sei eingeführt worden, die Patienten hätten in ihren eigenen Zimmern essen müssen und die Therapieeinheiten seien erhöht worden, um die erforderlichen Abstände einhalten zu können. Am meisten hatten die Patienten gemäss Genoni mit der daraus entstandenen Einsamkeit zu kämpfen.
Jetzt steige die Patientenzahl nach den ersten Lockerungsmassnahmen des Bundes bereits langsam wieder an, sagt Genoni. Als nächstes werde die Klinik den Speisesaal mit Einzeltischen wieder in Betrieb nehmen, in einem zweiten Schritt von den Arztvisiten in den Patientenzimmern zu den Sprechstunden in den Behandlungsräumen zurückkehren.
Mit dem Amtsantritt von Signorell wird Genoni im Herbst in der Rehaklinik kürzertreten. «Ich werde das Präsidium der Dachorganisation von Chirurgen und invasiv tätigen Ärzten übernehmen», informiert er über seine berufliche Zukunft. An der Rehaklinik werde er vermehrt im administrativen Bereich tätig sein. (sz)

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