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Leere Betten: Bündner Spitäler beantragen Kurzarbeit

Es ist paradox: In Zeiten der Coronavirus Pandemie bereiten sich Spitäler mit Hochtouren auf die Betreuung von COVID-19 Patientinnen und Patienten vor. Kapazitäten in Intensivstationen werden gesteigert und ausgebildetes Intensivpflegepersonal wird gesucht. Gleichzeitig müssen mehrere Spitäler Kurzarbeit einreichen, weil Abteilungen leer sind.

Bettina
Cadotsch
Freitag, 03. April 2020, 04:30 Uhr Trotz Corona-Pandemie
Massnahmen des Bundesrates wirken sich aus: Im Kanton Graubünden sind die Spitalbetten auf vielen Abteilungen leer.
PIXABAY

Aufgrund der aussergewöhnlichen Lage rund um das Coronavirus bereiten sich schweizweit alle Spitäler und Kliniken auf eine Corona-Welle vor. Der Bundesrat hat veranlasst, dass auf alle Eingriffe, die nicht lebensbedrohlich oder notwendig sind, verzichtet werden muss. So soll sichergestellt werden, dass genügend Betten für die Behandlung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten bereitgestellt werden können. Eingriffe, die zeitlich nicht verschoben werden können, werden nach wie vor durchgeführt.

Das Engadin lebt vor allem vom Tourismus. Seitdem die Skigebiete von einem Tag auf den anderen geschlossen wurden, und die Leute vom Bundesrat aufgefordert wurden, zu Hause zu bleiben, sackte die Zahl an Patientinnen und Patienten im Spital Oberengadin drastisch ab. «Es ist keine Abteilung völlig geschlossen, überall wurde jedoch deutlich heruntergefahren», sagt Beat Moll, CEO des Spitals Oberengadin gegenüber «suedostschweiz.ch.» In vielen Abteilungen gebe es fast nichts zu tun, weshalb das Spital Oberengadin einerseits Überzeiten abbaue, andererseits Kurzarbeit für Angestellte angemeldet habe, so Moll. Insgesamt rechnet das Spital Oberengadin für den März mit einem Verlust von rund zwei Millionen Franken.

Intensivpflege ja, anderes nein

Für die Behandlung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten wird vor allem Personal auf der Intensivpflegestation und in der Pflege benötigt. Wo möglich, wird in den Spitälern Personal auf solche Abteilungen verlegt und geschult. «Jene aus der Anästhesie haben ähnliche Fähigkeiten, insbesondere was die Beatmung betrifft. Sie können gut auf solchen Stationen aushelfen», so Moll. Andere Mitarbeiter könne man nicht so einfach in solchen Bereichen einteilen, weil die Ausbildung zur Intensivpflege mehrere Jahre dauere.

Ähnlich sieht die Situation beim Kantonsspital Graubünden aus. Von den rund 350 Spitalbetten ist nur rund die Hälfte besetzt, weil auf viele Eingriffe verzichtet wird, und die Vorgaben des Bundesrates befolgt werden, wie Dajan Roman, Leiter der Unternehmenskommunikation, bestätigt. Davon betroffen ist unter anderem die Augenklinik, die Orthopädie oder die Chirurgie. «Experten für neue Hüftgelenke werden beispielsweise zurzeit nicht benötigt», so Roman.

Das Kantonsspital Graubünden muss aus diesem Grund ebenfalls Kurzarbeit einreichen. «Von der Kurzarbeit betroffen sind mit 47 rund die Hälfte aller Abteilungen und rund 750 Personen», so Roman. Das Kantonsspital Graubünden rechnet aufgrund der Einschränkungen mit Einnahmeausfällen von rund zwölf Millionen Franken – pro Monat.

Spital Thusis regelt bisher intern

Im Spital Thusis wurde bisher keine Kurzarbeit eingereicht, ausgeschlossen sei dies jedoch nicht, wie es auf Anfrage heisst. Zurzeit versuche man das Personal intern umzuschulen, erklärt Spitaldirektor Reto Keller. «Menschen aus der Anästhesie, Operationsassistenten, aus dem Notfall, und aus der Physiotherapie werden in der Pflege ausgebildet, damit sie im Notfall das bestehende Personal unterstützen können.» Der Fokus liege auf den Umgang mit der Hygiene, den Schutzausrüstungen sowie den Beatmungsgeräten, so Keller.

Davos hat vorgesorgt und ist «on hold»

Das Spital Davos hat die Kurzarbeit zur Sicherheit der Mitarbeitenden vorangemeldet, zurzeit wurde sie jedoch noch nicht in Anspruch genommen, wie Daniel Patsch, CEO vom Spital Davos, auf Anfrage sagt. «Die Welle ist noch nicht hier, wir konnten uns in den letzten Wochen jedoch gut darauf vorbereiten.»

Ruhe vor dem Sturm?

Zurzeit befindet man sich im Kanton Graubünden in einer sehr ungewissen Lage. «Wir bereiten uns im Moment auf alles vor», sagt Keller. Man wisse nicht, auf welche Seite es kippe, ob man alle zur Verfügung stehenden Betten brauchen werde oder nicht. «Diese Ungewissheit erschwert die Situation. Der Druck ist gross», so Keller. In Thusis sind zurzeit zehn Betten für COVID-19 Patienten eingerichtet, insgesamt könne man bis auf 50 hinauffahren.

«Solange die Zahl der Infizierten steigt, wird auch die Zahl der Patienten im Krankenhaus – versetzt – aber kontinuierlich steigen», erklärt Beat Moll. Im Spital Oberengadin seien in den letzten Wochen immer rund zehn Personen mit der COVID-19 Krankheit behandelt worden. Bisher habe alles gut funktioniert. Trotzdem: «Man hat die Bilder aus Italien vor den Augen und hat Angst, dass ein solches Horrorszenario auch bei uns eintrifft», so Moll. Unsicher stimmt den CEO des Spitals Oberengadin das verlängerte Osterwochenende von kommender Woche. «Wenn die Menschen nicht zu Hause bleiben und sich nicht an den Weisungen des Bundesrates halten, könnte sich das Virus verbreiten und die Bremsschwelle verhindern.» (can)

Stand 2. April: Laut Bundesamt für Gesundheit sind 18'267 Personen positiv auf das Coronavirus getestet worden. 432 Menschen sind im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Der Höhepunkt sei mit Sicherheit noch nicht erreicht, so Daniel Koch, Delegierter des Bundesamtes für Gesundheit für COVID-19. «Der Anstieg ist aber auch nicht mehr so steil.» 

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