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Lost – Schiffsirrfahrt im Südpazifik

Eine Engadiner Reiseleiterin steckt mit ihren Gästen wegen des Coronavirus auf einem Kreuzfahrtschiff fest.

Südostschweiz
Montag, 16. März 2020, 04:30 Uhr Gastbeitrag
Mariachatrina Gisep Hofmann ist Reiseleiterin aus Scuol
ZVG

Mariachatrina Gisep Hofmann

Als Reiseleiterin begleite ich eine Gruppe von Schweizer Gästen auf eine Südseereise mit dem Titel: «In 44 Tagen um die Welt». Ich betreue 36 deutschsprachige und zehn französischsprachige Gäste. Die erste Etappe verläuft per Flug von Zürich nach Singapur mit zwei Übernachtungen. Diese Stadt ist faszinierend, doch das Coronavirus ist auch hier präsent. Alle Einheimischen tragen Gesichtsmasken, und überall wird desinfiziert und kontrolliert. Uns Schweizern wird an allen Orten inklusive beim Hoteleingang das Fieber gemessen mit einem modernen Stirnfiebermesser.

Der Weiterflug bringt uns nach Sydney in Australien. Hier gibt es keine sichtbaren Zeichen des Coronavirus, wir können die tolle Stadt in vollen Zügen geniessen. Unsere Gruppe kommt sehr spät zur Einschiffung am Hafen an. Zur Begrüssung teilt man uns mit, es gäbe eine neue Reiseroute und gewisse Inseln werde man nicht anfahren. Grund: Die Regierung habe ein Verbot für Kreuzfahrtschiffe erlassen aus Angst vor einer Coronavirus-Pandemie. Dies betreffe Neukaledonien, Vanuatu und Samoa, insgesamt sechs Inseln, doch der Hafen von Brisbane in Ostaustralien sei kein Problem.

Natürlich sind meine Schweizer Gäste sehr enttäuscht, aber ich vertröste sie auf die wunderschönen sechs polynesischen Inseln auf Tahiti und die drei Hawaii-Inseln. Unterwegs teilt der Kapitän mit, das Schiff «Norvegian Jewel» dürfe nun doch während zwei Tagen in Noumea auf Neukaledonien haltmachen, dass jedoch gewisse Gäste das Schiff nicht verlassen könnten, darunter auch alle Gäste, die über Singapur eingereist seien. Also ist unsere Gruppe auch betroffen, zusammen mit allen deutschen, italienischen, spanischen und chinesischen Gäste, etwa 280 insgesamt von 2400 Passagieren. Meine Gäste sind verständnisvoll und geduldig.

Vom Schiff kommt das Angebot für 250 Gratis-Wlan-Minuten und einen Apéro riche samt Drinks, nur für die «gefangenen Gäste». Von der Reederei NCL wird uns schriftlich eine Reduktion von 25 Prozent auf den Kreuzfahrtpreis pro Person und 25 Prozent Reduktion auf eine nächste Kreuzfahrt innerhalb von vier Jahren bestätigt.

In Fiji haben wir drei Häfen, die alle problemlos sind: Lautoka im Nordwesten, die winzige Trauminsel Dravuni im Süden und die Hauptstadt Suva. Danach haben wir vier Seetage vor uns, um unsere Seetüchtigkeit zu erproben und um Papeete zu erreichen.

Aber unterwegs macht das Schiff auf offener See plötzlich eine Wende von 180 Grad und fährt wiederum in Richtung Süden. Die Erklärung des Kapitäns: Wegen des Coronavirus kann die «Norvegian Jewel» weder in Französisch-Polynesien noch in der USA anlegen, somit segelt das Schiff zurück nach Suva auf Fiji, wo man auf weitere Anweisungen des Reederei-Hauptsitzes in Miami warten müsse.

Inzwischen gibt es einige Vorschriften auf dem Schiff: Überall stehen Crew-Mitglieder und desinfizieren den Gästen die Hände, in allen Lokalen wird die Aircondition massiv auf kalt gestellt, in den Restaurants sind keine Tische gedeckt, man wird individuell bedient mit Geschirr und Besteck nach Bedarf, im Selbstservice-Büffet wird alles serviert, man wird aufgefordert, die eigene Kabinentoilette zu benutzen und möglichst oft die Hände zu waschen.

Die nächste Information des Kapitäns lautet: Ziel ist am 17. März Tauranga in Neuseeland, die Kreuzfahrt wird dort offiziell beendet. Auf dem Schiff werden alle Passagiere negativ auf das Coronavirus getestet. Doch dann kommt die Hiobsbotschaft: Kein Hafen lässt das Schiff einfahren, weder in Fiji, noch in Australien oder Neuseeland. Unser Kapitän fährt das Schiff nur noch langsam über das Meer, wir sind jetzt wirklich «lost in South Pacific».

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Ich las bloss:
«Lost - Schiffsirrsinn im Südpazifik»
Liegt wohl daran, dass ich es quasi durch die Brille einer Bündner GR-eta sehe.
Denn eine Südseereise mit dem Titel:
«In 44 Tagen um die Welt»
dabei dürfte es sich um eine Schlagzeile aus der Corona-Gazette aus dem Hause Viren-Konzern handeln.

Mariachatrina, wir sitzen hier in der «Grosseltern»-Quarantäne, eine selbstgewählte bzw. sanft aufok­t­ro­y­ie­rten Massnahme. Doch wir sind zuhause. Deine Situation können wir uns kaum vorstellen. Deine Geschichte soll uns alle, in der Schweiz irgendwie stark verunsicherten Menschen auf dem Boden verbleiben lassen. Wir drücken Dir und der ganzen Gruppen von Herzen viel Durchhaltewille und hoffen natürlich mit Euch auf eine baldige Klärung. Halte uns auf dem Laufenden. Vielleicht findet sich über irgendeine zufällige Verbindung eine Unterstützung. Ruedi und Martine