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Eine Brücke über das «Tal des Todes»

«Higgs» hat ein Crowdfunding gestartet. Kommt das Geld nicht zusammen, muss Gründer Beat Glogger das Online-Wissenschaftsmagazin einstellen.

Stefan
Schmid
Freitag, 07. Februar 2020, 04:30 Uhr Crowdfunding für «Higgs»
Die Redaktion von «Higgs» hat sich ganz Wissenschaftsthemen verschrieben – ob auf dem eigenen Portal «Higgs.ch» oder alle zwei Wochen freitags in dieser Zeitung.
OLIVIA AEBLI-ITEM

Wissen verständlich und attraktiv aufbereiten – und es allen zugänglich machen: So lautet das Credo von «Higgs», dem vom ehemaligen TV-Moderator und Wissenschaftsjournalisten Beat Glogger initiierten Onlinemagazin. Das Anfang 2018 gestartete Portal hat sich ganz dem Wissenschaftsjournalismus verschrieben und beliefert zudem diverse Zeitungen und Onlinemedien mit Inhalten. So auch diese Zeitung, in der jeden zweiten Freitag eine «Higgs»-Seite erscheint. Nun steckt «Higgs» in Geldnöten.

Herr Glogger, «Higgs» geht das Geld aus. Am Donnerstag haben Sie ein Crowdfunding gestartet. Wie viel Geld brauchen Sie?

Beat Glogger: Um das Jahr 2020 zu überleben, brauchen wir innert der nächsten 45 Tage mindestens 110 000 Franken. Diesen Betrag haben wir aktuell als Verlust budgetiert, und den müssen wir ausgleichen. Budget und Output bei «Higgs» wurden bereits reduziert: So erscheint beispielsweise die Wissens-Seite in der «Südostschweiz» seit Anfang Jahr nur noch alle zwei Wochen und nicht mehr wöchentlich wie bisher.

Entscheidet sich in diesen 45 Tagen also die Zukunft von «Higgs»?

Absolut. Über 300 000 Franken habe ich persönlich bereits in «Higgs» investiert – mehr geht nicht. Uns geht schlicht das Geld aus. In der Start-up-Szene spricht man vom «Valley of Death». Man hat eine gute Idee, man sieht am Horizont die Chance, dass das Projekt erfolgreich sein könnte, aber dazwischen liegt dieses «Tal des Todes». Wir brauchen eine Brücke, um dieses Tal überschreiten zu können. Bringen wir das Geld nicht zusammen, wird «Higgs» im Sommer eingestellt.

Wen sprechen Sie mit dem Crowdfunding an?

Ich sage immer: Zwischen 5 und 55 000 Franken ist alles willkommen (lacht). Nein, ernsthaft. Mit möglichen grossen Geldgebern und Partnern wie Stiftungen, der Erziehungsdirektorenkonferenz und mit Universitäten sind wir seit einiger Zeit im Gespräch. Unser Crowdfunding richtet sich an alle Menschen und KMUs, die genug von Fake News haben und an einem faktenbasierten Wissenschaftsjournalismus interessiert sind.

Mit den 110 000 Franken könnte «Higgs» bis Ende Jahr überleben. Woher kommt aktuell das Geld?

Wir haben diverse kleine und bereits eine grössere Einnahmequellen: Der Nationalfonds unterstützt uns 2020 und 2021, einzelne Formate auf dem «Higgs»-Portal werden von Sponsoren getragen und wir haben eine gewisse Zahl von Abonnenten.

Mit dem Crowdfunding kann der finanzielle Engpass aber nur überbrückt werden. Wie sieht denn Ihre Vision für die langfristige Finanzierung von «Higgs» aus?

Die Diskussionen mit grossen Partnern laufen: Der Nationalfonds hat sich als Erster für eine Unterstützung entschieden. Andere – zum Beispiel die Akademien der Wissenschaften Schweiz – sind interessiert, haben aber sehr lange Entscheidungswege. Daneben hoffen wir auf die geplante Medienförderung des Bundes für kleinere Onlinekanäle. Wir versuchen, das rettende Ufer zu erreichen. Aber wir brauchen dafür Zeit. Und darum brauchen wir die Überbrückung via Crowdfunding.

Überall im Journalismus wird gespart, Stellen werden gestrichen. Sie haben in dieser Zeit ein Web-Magazin gegründet: Haben Sie das Fundraising, das Auftreiben des finanziellen Treibstoffs für «Higgs», anfangs unterschätzt?

Definitiv. Ich war es bis dahin gewohnt, dass ich die Menschen mit zündenden Ideen begeistern kann. Es ist aber etwas anderes und viel aufwendiger, Institutionen mit ihren Vorständen und Verwaltungsräten von einer Idee zu überzeugen. Für «Higgs» heisst das, dass wir unser Geschäftsmodell anpassen müssen. Wir werden auch das Dogma «Werbefreiheit» umstürzen und in Zukunft mit Werbung Einnahmen generieren.

Coronavirus, Klimawandel, 5G-Technologie: Fundierter Wissenschaftsjournalismus wäre heute nötiger denn je. Trotzdem gestaltet sich die Finanzierung derart schwierig. Paradox, oder nicht?

Ja, das wurmt mich enorm. Zum Coronavirus – einem brandaktuellen Thema – haben wir bei «Higgs» einiges gemacht. Aber wir hätten noch viel mehr machen können und wollen. Das Feuer der Begeisterung brennt in uns nach wie vor. Und wir platzen schier vor neuen Ideen, können diese aber aufgrund fehlender Ressourcen nicht umsetzen. Was mich auch stört, ist, dass infolge des serbelnden Wissenschaftsjournalismus einiges an Unsinn verbreitet wird. Zum Beispiel beim Coronavirus. Wie ansteckend ist das Virus wirklich – verglichen mit einer normalen Grippe oder Masern? Wie tödlich ist es? Fakten liefern, Themen auf eine realistische, wissenschaftliche Basis stellen: Das wollen wir machen – auch in Zukunft.

Für «Higgs» spenden können Sie unter: das-schweizer-wissensmagazin.wemakeit.com

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