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Ihm stinkt es nie

Eine Kläranlage ist kein Parfümladen. Aber jene in Bilten ist mindestens gleich spannend. Ihrem Betriebsleiter Klaus Biermann wird es jedenfalls auch nicht langweilig, wenn Mitte 2023 die grosse Sanierung vorbei ist, die derzeit läuft.

Marco
Häusler
Dienstag, 04. Februar 2020, 04:30 Uhr ARA Bilten
Seit fast genau zwölf Jahren Betriebsleiter: In der Kläranlage Glarnerland kümmert sich der 57-jährige Klaus Biermann mit seinem Team um den Dreck anderer.
MARCO HÄUSLER

Zwei Dinge vorweg: Das Klären von zehn Litern schmutzigem Wasser kostet in Bilten ungefähr einen Rappen. Und die rund 7,5 Millionen Kubikmeter, welche die Abwasserreinigungsanlage (ARA) jährlich durchlaufen, entsprechen ungefähr dem 7,5-fachen Volumen des Oberblegisees.

Der ist natürlich viel sauberer. Denn was aus allen drei Glarner und den drei St. Galler Gemeinden Schänis, Weesen und Amden in der ARA Glarnerland angeschwemmt wird, ist eine Kloake. In dieser – na ja, «spiegelt» – sich gewissermassen die ganze Gesellschaft. So findet sich im Abwasser vieles, das dort nicht hineingehört: Plastikmüll, Wattestäbchen, Tampons, Kondome, Zigarettenkippen, Brat- und Frittierfett oder Rückstände von Medikamenten. Und von Kokain.

Pillen hinterlassen Spuren

Eine Abwasserstudie der europäischen Drogenbehörde hatte 2018 ergeben, dass im Verhältnis zu den Einwohnern und im Vergleich mit 56 europäischen Städten in Zürich an Wochenenden am meisten Kokain konsumiert wird.

«Das haben wir hier noch nie untersucht», sagt Klaus Biermann lachend. In der ARA Glarnerland sei Diclofenac wohl das bekannteste Beispiel für Mikroverunreinigungen, fährt der Betriebsleiter fort. Enthalten ist der Wirkstoff in Pillen oder Gels wie Voltaren, um Schmerzen zu lindern, Fieber zu senken, Entzündungen zu hemmen oder um zu kühlen. Doch auf die Gesundheit der Fische kann sich das negativ auswirken. Auch darum trat 2016 ein neues Gewässerschutzgesetz in Kraft, wonach ausgewählte Schweizer Kläranlagen solche Mikroverunreinigungen künftig eliminieren müssen. Die ARA in Bilten gehört dazu, weil sie sich im Einzugsgebiet des Zürichsees befindet und ihr insgesamt über 24 000 Einwohnerinnen und Einwohner angeschlossen sind. Rund 45 000 sind es zurzeit, mit den angeschlossenen Industrie- und Handwerksbetrieben geht man sogar von einer Belastung von total 70 000 sogenannten Einwohnerwerten (EW) aus.

Kapazität bereits erhöht

Mit diesen 70 000 EW ist die Kapazitätsgrenze in Bilten erreicht, zumal Ende Sommer auch das Abwasser des Verbands Mühlehorn, Obstalden, Murg und Filzbach in Bilten geklärt wird. Noch wird es in der ARA Quarten-Mittensee in Murg gereinigt. Um sie mit der ARA Glarnerland zu verbinden, wird derzeit eine 9 Kilometer lange Leitung von der ARA in Murg bis zur Biäsche in Weesen im Walensee verlegt.

In der ARA Bilten laufen mit dem Projekt 2025/2040 seit Mitte 2017 zudem umfangreiche Sanierungs- und Ausbauarbeiten für total 49 Millionen Franken. Unter anderem soll die Kapazität auf 105 000 EW erhöht werden, was mit dem sogenannten «S-Select-Verfahren» im Bereich der Wasserstrasse bereits erreicht wurde – ohne ein zusätzliches Becken bauen zu müssen. Angewendet wird es in der Biologie-Stufe und in Bilten als schweizweite Premiere. «Wir trennen den ‘guten’ Schlamm vom ‘schlechten’», erklärt Biermann auch für Laien verständlich, was dabei geschieht. «Der ‘gute’ bleibt drin, den ‘schlechten’ entsorgen wir über die Schlammbehandlung.» Das erhöhe die Reinigungskapazität um 50 Prozent.

Neu gebaut wird ab 2021 die 4. Reinigungsstufe zur Beseitigung der Mikroverunreinigungen. «Auf grüner Wiese», wie Biermann erklärt. Seit rund drei Jahren wird in einer Pilotanlage getestet, welches Verfahren zur Filtration schliesslich für das Bauprojekt gewählt wird, das Anfang 2023 dann in Betrieb genommen werden soll.

«Da steckt noch Asbest drin»

Doch noch durchläuft das Abwasser in Bilten drei Stufen: die mechanische, die biologische und die chemische Reinigung. Dabei sorgt vor allem Material für Probleme, das alles andere als «mikro» ist: «Feuchttücher», nennt Biermann ein Beispiel, «oder irgendwelche Putzlappen». Sie verstopfen die Pumpen und bleiben teilweise nicht im Rechen hängen. «Damit haben wir die Probleme dann weiter hinten.»

Gelöst ist jenes, wie der Eigenbedarf der ARA an Strom künftig selbst gedeckt werden kann. Ursprünglich war dafür auch Energie aus dem Windpark vorgesehen, den die St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG in der Linthebene bauen wollte. Als das Projekt dann gestoppt wurde, setzte man beim Abwasserverband Glarnerland (AVG) auf die Sonne. Im Sommer wird ein Solar-Faltdach über den Klärbecken gebaut. Noch mehr Wärme und Strom wird mit der Erhöhung der Gasproduktion in den Faultürmen auch im Blockheizkraftwerk erzeugt, das mit einer dritten Maschine ergänzt wird.

In Bilten beschäftigt der AVG zurzeit 15 Personen. Noch. Denn wie auf der AVG-Webseite unter anderem steht, «wird es sowohl strukturelle Anpassungen in der Organisation als auch beim Personalbedarf geben».

«Die Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm wird eines der nächsten grossen Themen sein», stellt Biermann zudem in Aussicht. Dazu verpflichtet werden die Kläranlagen mit der Änderung des Abfallgesetzes per 1. Januar 2026. Und saniert werden muss mittel- bis langfristig auch der rund 48 Kilometer lange, teilweise gut 45-jährige Hauptsammelkanal des Verbandsgebiets. Biermann bezeichnet ihn als «tickende Zeitbombe», die mit einer Masterplanung entschärft werden müsse. So seien die Leitungen stellenweise spröd, pickelhart geworden und zum überwiegenden Teil alte Eternit-Rohre: «Da steckt noch Asbest drin.»

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