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«Die meisten Anglizismen in den Zeitungen sind unnötig»

Alina Ryser hat ihre Maturaarbeit über «Quantität und Notwendigkeit von Anglizismen im Deutschen» verfasst. In ihrer Zeitungsanalyse haben die «Glarner Nachrichten» beim Englischgebrauch aber nicht den Lead *.

Claudia
Kock Marti
Samstag, 18. Januar 2020, 04:30 Uhr Glarner Maturaarbeit
Zu viel Englisch? Alina Ryser hat drei Tageszeitungen auf den Gebrauch von Anglizismen untersucht.
SASI SUBRAMANIAM

Alina Ryser aus Glarus interessiert sich dafür, wie sich Sprache verändert. So beobachtet sie fasziniert ihre eigene Jugendsprache, die besonders viele Ausdrücke aus dem Englischen übernimmt.

Beispiele hat die Maturandin jede Menge zur Hand: «Swag» etwa heisst in ihrer Altersgruppe so viel wie beneidenswert, lässig oder cool. «Fancy» wird ebenfalls oft im Sinne von lässig verwendet. Oder «yolo» – «you only live once» (deutsch: du lebst nur einmal) ist eine Redewendung, die viel gebraucht wird, wenn man etwas macht, was Mut erfordert.

Bei der Verbreitung dieser Ausdrücke spielen laut Ryser die Social Media oder auch sogenannte Influencer eine Rolle, die sich oder Produkte in den sozialen Netzwerken vermarkten und andere damit beeinflussen. «Viele Kollegen verfolgen auch englische You-Tuber», also englische Videos auf dem Video-Musik-Kanal, fügt sie an.

Englisch ist in

«Ich habe auf meinem Handy eine megacoole App gedownloaded»: Auch so einen Satz findet sie nicht ungewöhnlich. Jugendliche wollen sich mit ihrer Sprache auch von den Erwachsenen abgrenzen. Dies ist eine Erklärung. Englische Ausdrücke hätten sich indes in allen Sprachebenen eingenistet, erklärt die Maturandin weiter.

Wörter wie cool, Beamer oder Meeting gehören längst zum Alltag. Wobei es auch Ausdrücke gibt, deren englische Herkunft nicht auf Anhieb zu identifizieren ist. So etwa das Wort «Sport», wofür das deutsche Wort «Leibesübungen» laut Ryser keinen adäquaten Ersatz bedeute.

«Sprachen haben sich immer schon verändert», weiss die junge Sprachforscherin. Da Englisch die Sprache der Technik ist, gelangten viele neue englische Fachausdrücke ins Deutsche. Eine Rolle spiele weiter, dass Englisch die Lingua franca oder die Verkehrssprache der Moderne sei, was früher das Französische und zuvor das Latein waren.

Drei Zeitungen im Vergleich

«Meine Eltern und Grosseltern kritisieren vor allem die weitverbreitete Zunahme von Anglizismen», sagt Ryser. Auch, dass sie die Jungen gar nicht mehr verstünden. «Ist das wirklich so schlimm, dass sogar ein Zerfall der Sprache droht?», fragte sich die 18-jährige Kanti-Schülerin.

Um diese Frage beantworten zu können, wollte sie sich aber nicht auf die Jugendsprache beschränken. Also beschloss sie, Zeitungen als althergebrachtes, fundiertes Medium, welches täglich mit Sprache umgeht, auf ihren Sprachgebrauch zu untersuchen.

36 Artikel untersucht

Bewusst wählte Ryser den «Blick», die «Glarner Nachrichten» und die «NZZ» aus. Dies mit der These, am meisten Anglizismen in der Boulevardzeitung zu finden, «da sie informativ, sprachlich aber nicht hochstehend sein muss». Die «NZZ», die für eine gebildetere Zielgruppe schreibe, achte stärker auf ihre Wortwahl, und die «Glarner Nachrichten» liege als regionale Tageszeitung vermutlich dazwischen.

36 Artikel aus den Sparten Politik und Sport hat sie schliesslich akribisch untersucht. Wobei sie zuerst genau definieren musste, was alles als Anglizismus gelten sollte.

So werden im Anglizismenindex des Vereins der Deutschen Sprache aktuell 7500 Anglizismen verzeichnet. Davon gelten drei Prozent als ergänzend, was bedeutet, dass der Ausdruck auf Deutsch nicht oder nur umständlich auszudrücken wäre. 18 Prozent werden als differenzierend bezeichnet, um Sachverhalte zu beschreiben, für die es noch keine deutschen Ausdrücke gibt. Die verbleibenden 79 Prozent gehören zur Kategorie «verdrängend», hier gäbe es verständliche deutsche Begriffe.

Nur eine Momentaufnahme

Alina Ryser äussert sich bescheiden über ihre Ergebnisse. Sie stellten nur eine Momentaufnahme dar. Repräsentativ seien sie nicht. Trotzdem war sie etwas überrascht: 433 von 545 von ihr ausgezählte Anglizismen oder 79 Prozent gehören zur Kategorie verdrängend. Oder, wie Ryser pointiert feststellt: «Die meisten Anglizismen in den Zeitungen sind somit unnötig.»

«NZZ» toppt «Blick»

Vor allem im Sport werden englische Ausdrücke verwendet: Von Match über Court, Penalty, Fight, Dribbeln bis Worst-Case-Szenaro. Die «NZZ» rangiert bei Ryser dabei deutlich vor den anderen beiden Zeitungen. Was etwas mit der Internationalität des Sports zu tun habe, so die Maturandin. Die «Glarner Nachrichten» liegen bei Politik und Sport jeweils in der Mitte.

Angst vor einem Sprachverfall hat Ryser deshalb aber nicht. Auch stellt sie keine Forderungen an Journalistinnen oder Journalisten, weniger Anglizismen zu verwenden. Die Sprache dürfe mit dem Zeitgeist mitgehen, findet die 18-Jährige, die nach der Matura in einem Zwischenjahr die Welt bereisen will. Ihr Berufsziel danach steht fest. Sie möchte Physiotherapeutin werden.

* Attention: Dieser Text könnte mehr Anglizismen als nötig enthalten.

 

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