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Der Mann, der vom Himmel fiel

Vor bald 100 Jahren ist der Flugpionier und Abenteurer Walter Mittelholzer über der Alp Riseten abgestürzt. Später soll er zurückgeflogen sein, um den Matter Kirchturm zu umrunden. Am Samstag wird in einem mobilen Kino in Engi der Dokumentarfilm über den Flieger gezeigt.

Südostschweiz
Freitag, 22. November 2019, 04:30 Uhr Flugpionier Walter Mittelholzer
Walter Mittelholzer galt zu seiner Zeit als einer der berühmtesten Menschen der Schweiz.
PRESSEBILD

Die Geschichte habe ich oft gehört. Immer und immer wieder wurde sie erzählt. Stolz, mit einem Hauch von Abenteuer, dem der Klang von Ferne innewohnte. Dabei waren es vor allem lose Mosaiksteine, die sich erst viel später zu einem Bild vereinten. Der Mittelholzer. Der Flieger. Der Nebel, der Schnee, der Verlust der Orientierung. Der Absturz.

Am 22. März 1922 sollte der damals 28-jährige Walter Mittelholzer ein Flugzeug von Mailand nach Zürich fliegen. Über den Alpen wurde er von dichtem Nebel überrascht, die Sicht verschwand in einem grossen Weiss. Mittelholzer verlor die Orientierung und stürzte auf einem Schneefeld auf der Alp Riseten oberhalb von Matt ab. Schwer verletzt schleppte er sich durch die hereingebrochene Nacht, durch ein grosses Dunkel in die eiskalte Alphütte des Mittelstafels, um dort auf den nächsten Morgen zu warten. «Durch die Löcher des Hüttendaches blinzelten vereinzelte Sterne in meine Einsamkeit», wird er später in seinem Buch «Alpenflug» schreiben.

Mit dem ersten Tageslicht erkannte er, der passionierte Alpinist, die Berge des Sernftals. Nach einer langen Odyssee gelangte er irgendwann ins Tal und fand Hilfe. Später schrieb er darüber: «Wie ein Gespenst starrten mich die beiden Saaltöchter des kleinen Bahnhof-Gasthauses an, als ich in voller Fliegerausrüstung, den Sturzhelm über dem blutüberströmten Gesicht, zur Mitternachtsstunde in den Lichtkreis der Lampe trat.» In der Bahnhof-Gaststube lebte auch meine Grossmutter. Die Ereignisse dieser Nacht wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufs Neue belebt.

Überirdisches Glück

Das Fliegen, das war Mittelholzers Passion. Vielleicht sogar schon Obsession. «Wog nicht die Verheissung und gar die Erfüllung dieses überirdischen Glücks den Einsatz des bisschen Lebens?» Diesen Satz schrieb Walter Mittelholzer rückblickend auf die Anfänge seiner Pilotenkarriere – wohl wissend, dass die Fliegerei damals nicht nur ein wundersames, sondern vor allem auch ein gefährliches Abenteuer war.

Geboren wurde er 1894 in St. Gallen. Als ihm sein Vater ein Chemiestudium verweigerte, begann Walter Mittelholzer 1911 eine Lehre zum Fotografen. Die Fotografie war es denn auch, die ihn zur Fliegerei brachte. Er war 20 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbrach und er ein Jahr später als Fotograf zu der damals noch jungen Fliegertruppe stiess. «Die Welt steht in Flammen. Schaffung einer schweizerischen Fliegerabteilung. […] Beobachter werden mit Photoapparaten hinaufgeschickt. […] Es wird dort oben fleissig photographiert. Eine Neuerung: ein wirklicher Photograph. Ein Künstler in seinem Beruf», schrieb der Schweizer Ballonpionier Auguste Piccard später.

Mittelholzer selbst war gefesselt von diesem Zustand weit über der Erde. 1917 trat er deshalb in die Pilotenschule ein; ein knappes Jahr später erhielt er das militärische Fliegerpatent. Später gründete er zusammen mit seinem Fluglehrer Alfred Comte eine der ersten zivilen Fluggesellschaften, die Comte-Mittelholzer-Fluggesellschaft.

Mehr als das Gesicht der Luftfahrt

Der Anfang der zivilen Luftfahrt in der Schweiz war damit angebrochen, und die Ausgangslage nach dem Krieg war gut: Zahlreiche Flugzeuge waren vorhanden, die nicht mehr militärisch genutzt wurden, und nun auf eine andere Verwendung warteten. Eine neue Industrie konnte sich entwickeln. 1920 schloss sich die Comte-Mittelholzer-Fluggesellschaft mit der Ad Astra Aero zusammen. Elf Jahre später, 1931, fusionierte diese zusammen mit der Balair zur Swissair – der Inbegriff der damaligen Schweizer Zivilluftfahrt. Walter Mittelholzer war der erste Kapitän der Swissair und galt gleichzeitig als ihr Aushängeschild.

Doch Walter Mittelholzer war stets mehr als das Gesicht der Luftfahrt, als der Kapitän in der adretten Uniform. Er war immer auch der fotografierende Pilot, der fliegende Fotograf, der Abenteurer, dem «das Vaterland irgendwann zu klein wurde», wie Piccard es ausdrückte. Als erster Mensch flog er 1923 zum Nordkap und nach Spitzbergen. 1927 brach er mit einem Wasserflugzeug nach Kapstadt auf, womit Afrika zum ersten Mal von Norden nach Süden mit einem Flugzeug durchquert wurde. Drei Jahre später, 1930, überflog er als Erster den höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo. Sein Kamerad erbrach sich in der Kabine, er selbst litt an starken Kopfschmerzen, erkrankt an der Höhenkrankheit, da die Flugzeuge zu dieser Zeit noch keine Druckkabinen hatten.

Die Sernftaler jubeln

25 000 Flugaufnahmen, Bücher, in elf Sprachen übersetzt, Filmaufnahmen, die als Medienereignis ersten Ranges gefeiert wurden, erzählen von seinem umtriebigen Schaffen. Laut Umfragen soll Walter Mittelholzer damals der populärste Mann in der Schweiz gewesen sein. In den letzten Jahren begann man seine Fotografien – vor allem seine zum Teil verklärten Afrikabilder – auch aus einem kritischeren Blickwinkel zu betrachten.

Der Blick vom Himmel war damals aber, lange vor dem Zeitalter von Easy Jet und Massentourismus, genauso wundersam wie die Faszination für ferne Länder, die für die meisten Menschen unerreichbar weit entfernt waren. Wie die Technik, die den uralten Menschentraum vom Fliegen ermöglichte. Mittelholzer selbst soll als Dank für seine Rettung ins Sernftal geflogen sein, um den Kirchturm in Matt zu umfliegen. So stand es zumindest in einem Artikel, der rund 50 Jahre nach seinem Unfall im «Emmentaler Blatt» erschien. «War das ein Jubel unter unserer Bergbevölkerung, als nach Monaten tatsächlich Mittelholzers Flugzeug auftauchte und dem stillen Kleintal um die Mittagszeit so seinen Dank abstattete», schrieb der Autor. Und man glaubt es ihm.

Dokumentarfilm «Walter Mittelholzer – Pionier der Aviatik», morgen 23. November, 14 Uhr, Saal des Restaurants «Adler» in Engi.

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