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Kommentar

Die Opportunistin

Mara
Michel
Donnerstag, 07. November 2019, 16:00 Uhr Die Sache mit dem Glauben
Auch in Sachen Gott kann man opportunistisch sein.
PIXABAY

Der Opportunist, die Opportunistin. Duden definiert den Begriff wie folgt: Jemand, der sich aus Nützlichkeitserwägungen schnell und bedenkenlos der jeweils gegebenen Lage anpasst. Opportunisten sind mir unsympathisch. Da kommen wir auch schon zu meinem Problem: Ich bin eine solche Opportunistin. In meinen Augen zwar ausschliesslich in einer Hinsicht. Aber wie gut kann man das schon selbst beurteilen?

Wenn es um meinen Glauben an Gott geht, muss ich mir gewisse opportunistische Verhaltensweisen eingestehen. Denn: Ich glaube nicht an Gott. So rein gar nicht. Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass Jesus von Nazareth vor rund 2000 Jahren tatsächlich gelebt hat. Allerdings weniger als Gottes Sohn, der unfassbare Wunder vollbringt. In meiner Vorstellung war Jesus ein überdurchschnittlich intelligenter junger Mann mit einer stark ausgeprägten sozialen Ader. Ein Tausendsassa, der es geschafft hat, den Menschen in einer solch guten Erinnerung zu bleiben, dass die Geschichten, die man sich über ihn erzählt hat, immer mehr ausgeschmückt wurden. Bis man ihn schliesslich als Gottes Sohn beschrieben hat. Mir gefällt diese Theorie. Belege dafür habe ich natürlich keine.

Aber zurück zum Glauben. Hab ich als Kind noch jeden Abend zum «Lieb Gott» gebetet, so begann ich dieses Beten und Glauben spätestens in der Pubertät zu hinterfragen. Der Religionsunterricht im Gymnasium hat dann den Rest zu meinem Atheismus beigetragen. So mussten wir regelmässig Sätze wie «Gott ist allmächtig. Gott ist allgütig. Gott ist allwissend» aufschreiben. Hundertzwanzig Mal. Hinterfragen durften wir das jedoch nicht. Das sei einfach ein Fakt, der keiner Erklärung bedürfe. Fairerweise wurde an der Prüfung dann auch nach diesen Sätzen gefragt, und nicht nach einer Erklärung. All das und die Tatsache, dass mir Gebete auch nicht zu besseren Noten im Religionsunterricht verhalfen, führte unweigerlich dazu, dass ich jegliches Beten und Bitten einstellte und Gott für mich abhakte.

Bis ich erwachsen wurde und zum ersten Mal in meinem Leben mit «Erwachsenen-Problemen» konfrontiert wurde. Ich war überfordert – nicht nur kurzfristig. Ich wusste nicht wohin mit meinen Ängsten und Unsicherheiten. In manchen Nächten, wenn mir der Schlaf nicht vergönnt war und ich keine Lösung für diese Probleme finden konnte, habe ich gebetet. Ich habe gefleht, wer oder was auch immer da oben (im Himmel) gerade zuhört, möge doch helfen. Natürlich habe ich mich vorab entschuldigt, dass ich mich solange nicht gemeldet habe. Sobald sich die Situation in meinem Umfeld wieder stabilisiert hatte, hat auch das Beten aufgehört und ich war mir wieder zu hundert Prozent sicher, dass es keinen Gott gibt. Was für ein heuchlerisches, opportunistisches Verhalten, nicht wahr?

Nun, zu meiner Verteidigung: Auch wenn Opportunismus ein sehr unschönes Verhalten ist, es ist menschlich. Und wenn man wirklich an einen allwissenden, allmächtigen, allgütigen Gott glaubt, dann versteht das bestimmt niemand besser als er.

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