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Mit dem Tod unter einem Dach

Nur wenige Menschen können sich vorstellen, als Bestatter zu arbeiten. Noch weniger sind dazu geeignet. Nicht nur muss man körperlich fit sein, auch ein überdurchschnittlich hohes Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft auf Menschen einzugehen sind unumgänglich. Ein Besuch bei Caprez Bestattungen, Chur.

Mara
Michel
Freitag, 01. November 2019, 04:30 Uhr Die Arbeit von Bestatter David Naef
Sachlich, aber nicht emotionslos: Die Arbeit eines Bestatters.
MARCO HARTMANN

Es ist einer der letzten warmen Herbsttage, dieser Dienstag. Die Türe zum Bestattungsunternehmen Caprez Bestattungen steht offen. Von drinnen hört man losgelöstes Lachen, laute, fröhliche Stimmen. Nichts lässt vermuten, dass in diesem Haus am Churer Arcasplatz das Sterben den Geschäftserfolg wesentlich mitbestimmt.

Geschäftsinhaber David Naef bedient gerade Kunden. Daneben steht Naefs Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm. Die Kundin blickt zu ihrer Begleitung: «Gut, dann können wir ja los». Naef geleitet die Kundin und ihre Begleitung zur Tür, bevor er seine Familie verabschiedet. Auch sie müssen los. Schlagartig ist es ruhig im Empfangsbereich des Bestattungsunternehmens. Die Stille ist angenehm, sie passt zur modernen Einrichtung und dem lichtdurchfluteten Raum.

Der moderne Besprechungsraum bei Caprez Bestattungen.
MARCO HARTMANN

«Dieses Besprechungszimmer ist neu. Uns war wichtig, dass es hell und modern gestaltet ist.» Naef deutet auf den gläsernen Raum im Eingangsbereich. «Eigentlich sollte nichts unsere Kunden daran erinnern, dass man bei einem Bestatter ist. Es muss nicht 'tötelig' sein, nur weil es um den Tod geht!»  Nichts an dem modernen, hellen Raum deutet darauf hin, dass hier täglich letzte Reisen organisiert werden.

«Jeder Fehler wäre ein Affront.»

Nebst Bildern aus der Natur, ziert auch ein grosser Fernseher die Wände des neuen Zimmers. «Damit unsere Kunden jeden unserer Arbeitsschritte mitverfolgen können während dem Gespräch», erklärt der Bestatter. Transparenz ist wichtig. «Auch bei den Kosten», führt er an. Eine Bestattung bei Caprez Bestattungen kostet im Schnitt 1500 Franken. Inklusive Sarg, Urne und Bestattungsarbeit. Auch die Überführung vom Sterbeort ins Krematorium und die Beratung ist inbegriffen. Wenn die Angehörigen das Gespräch verlassen, ist alles organisiert. Von der Aufbahrung über den Organisten bis zum Pfarrer. «Bei der Bestattung darf man sich keinen Fehler erlauben. Jeder Fehler wäre ein Affront», so Naef.

Bestatter David Naef räumt die Urnen ein. 90 Prozent der urbanen Bevölkerung möchte nach dem Tod kremiert werden.
MARCO HARTMANN

Ein Baumstamm, aus Stein geschliffene kleine Kunstwerke, zu einer Kugel verarbeitetes Holz. Auch mit Hirschmotiven verzierte Exemplare stehen im Regal. Von modern bis traditionell, von klein bis gross. Die Urnenauswahl scheint grenzenlos. Davon ist vieles Schweizer Handarbeit. Die Zahl der Kremationen sei gestiegen. «In den katholischen Gebieten und ländlicheren Orten ist das zwar noch nicht wirklich angekommen. Aber hier im urbanen Chur machen Kremationen und Urnenbestattungen fast 90 Prozent aller Bestattungen aus.» Im Sarglager im Untergeschoss des Bestattungsunternehmens bietet sich ein weniger vielfältiges Bild. Das Sargmodel «Calanda» ist am häufigsten vertreten. Ein schlichter heller Holzsarg, bei dem die Nachfrage hoch ist. Andere Modelle findet man nur vereinzelt im Lager. Diese werden auf Bestellung angeboten. Es riecht nach frischem Holz. «Der Geruch kommt nicht nur von den Holzsärgen. Wir füllen Sägemehl in die Särge, bevor wir sie bespannen. Deshalb riecht es hier wie in einer Schreinerei», erklärt Naef schmunzelnd. 

Der Bestatter als Visagist: die Verstorbenen werden professionell zurecht gemacht.
MARCO HARTMANN
Eine heimelige Oase in einer vorwiegend praktischen Garage. Hier werden die Verstorbenen gewaschen und hergerichtet.
MARCO HARTMANN

Die Verstorbenen werden bei Caprez Bestattungen für die Aufbahrung zurechtgemacht. Dazu ist man für alles gerüstet. Pinzetten, Haarspray, Pinsel, Sekundenkleber, Einwegrasierer. Nicht jede verstorbene Person muss in stundenlanger Kleinstarbeit aufbereitet werden. Einige aber kommen direkt von einem Unfallort. Entsprechend hoch ist in solchen Fällen der Aufwand, dass man den Verstorbenen das Geschehene nicht mehr ansieht. Dann müssen Naef und sein Team sie wiederherstellen, indem die Wunden aufmodeliert, genäht und geschminkt werden. Die Wasch- und Aufbereitungszone sieht heimelig aus. Wie ein bizzarrer Kontrast zum Rest des Raumes, der eigentlich eine Garage ist, in der die Verstorbenen mittels Bestattungsfahrzeug anreisen. «Bei uns dürfen die Angehörigen bei allem, was wir mit den Verstorbenen machen, dabei sein. Das hat für mich ethische Gründe», erklärt Naef. Es ginge aber auch darum, dass man Erlebnisse nicht einfach verpasst und sich Jahre später fragt, wie es hätte sein können.

«Muslimische Waschungen haben zugenommen»

«Muslimische Waschungen haben zugenommen», erklärt Naef. Ein befreundeter muslimischer Bestatter habe ihn beraten. «Wir passen unser Angebot den Kundenwünschen an.» Muslimische Bestattungen sind inzwischen auch Teil der Arbeit von Caprez Bestattungen. Der Bestatter findet es spannend, dazuzulernen und in andere Kulturen einzutauchen. «Es bringt Abwechslung in den Job.» Durch die muslimische Kundschaft käme auch die Zusammenarbeit mit anderen Länder ins Spiel. Dies wiederum bringe viel Administratives mit sich. «Aber auch ganz konkret ändert es einiges am Arbeitsablauf», sagt Naef, während er auf den glänzenden Sarg zeigt. Wenn die Toten grenzüberschreitend transportiert werden müssen, weil sie zum Beispiel in ihr Heimatland überführt werden, sind spezielle Massnahmen erforderlich. «Überführungen müssen in einem Zinksarg vorgenommen werden. Der muss verschweisst werden, damit Schmuggel ausgeschlossen werden kann.» Auch aus gesundheitlichen Gründen ist eine Überführung im Holzsarg nicht erlaubt: Mit dem Verschweissen des Zinksarges soll eine allfällige Keimübertragung verhindert werden.

David Naef arbeitet mit dem Tod unter einem Dach.
MARCO HARTMANN

«Wenn ein Verstorbener aufgebahrt ist, kommt Leben in dieses Zimmer.»

Zurück im Erdgeschoss des Bestattungsunternehmens. Gleich neben dem modernen Besprechungszimmer findet sich der Aufbahrungsraum. Er ist gemütlich, erinnert mit den Sofas und dem Couchtisch an ein Wohnzimmer. In der Mitte des Aufbahrungsraumes steht der Katafalk. In diese Sargumrahmung wird der Sarg mit der verstorbenen Person zur offenen Aufbahrung geschoben. Diesen Katafalk kann man kühlen. So ist es im Raum warm, rund um den Sarg aber angenehm kühl.

In dem Katafalk wird ein künstlicher Kältesee erzeugt, um die verstorbene Person im Sarg kühl zu halten.
MARCO HARTMANN
So zeigt David Naef den Angehörigen, dass sie den Sargdeckel durchaus verzieren dürfen.
MARCO HARTMANN

Das Sargoberteil ist aufgebockt, gleich neben dem Sarg. David Naef legt Pinsel, Farbmalkasten und Stifte auf den Deckel. «Man muss den Leuten nicht sagen, dass sie das Sargoberteil bemalen dürfen. So verstehen sie es. Und sie tun es öfters, als man glaubt. Auch sehr persönliche Nachrichten werden in oder auf das Oberteil geschrieben». Der Bestatter setzt sich auf eines der beiden Sofas. «Während der Aufbahrung verbringen die Angehörigen oft viel Zeit hier. Es wird im Kreis der Familie Gitarre gespielt, gejasst oder auch gegessen.» Der Aufbahrungsraum ist für die Angehörigen rund um die Uhr zugänglich. «Wenn ein Verstorbener aufgebahrt ist, kommt Leben in dieses Zimmer.»

Bei Caprez Bestattungen ist man mit dem Tod unter einem Dach. Er ist überall. Aber so subtil, dass er ins Leben integriert wird. Und genau das ist die wohl wichtigste Aufgabe eines Bestatters: den Kunden helfen, den Tod ins Leben zu integrieren, damit er akzeptiert werden kann.  

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