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Ein Leben an der Armutsgrenze

Durch finanzielle Zuwendungen und Sachleistungen hilft die Winterhilfe Graubünden, Notsituationen zu überbrücken. Zudem fördert die Organisation verschiedene Projekte zur Behebung von solchen Situationen.

Nadine
Lampert
Mittwoch, 23. Oktober 2019, 07:47 Uhr Einkommensarmut
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Wenn man in eine Notsituation kommt, hilft die Winterhilfe Graubünden.
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«Die Bevölkerung hat immer das Gefühl, in unserer reichen Schweiz passiert nichts», sagte Tina Gartmann-Albin, Präsidentin der Winterhilfe Graubünden, gestern vor den Medien. Doch im Jahr 2017 waren rund 675 000 Personen der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Die Armutsgefährdung hänge auch stark von der familiären Situation und der Ausbildung ab, so Regierungsrat Christian Rathgeb. «Alleinstehende Personen oder Einelternfamilien trifft es besonders stark», so Rathgeb.

261 Haushalte brauchen Hilfe

Die Winterhilfe Graubünden ersetzt nicht die staatliche Unterstützung, sondern hilft ergänzend. Dabei leistet die Winterhilfe meist nur einmalige Unterstützung. Die Kürzungen von Leistungen und die jährlich ansteigenden Krankenkassenprämien würden für viele Familien, Paare und Einzelpersonen eine immer grössere Last bedeuten, so Rathgeb. «100 Franken können wenig oder viel sein.»

Im Geschäftsjahr 2018/2019 erhielt die Organisation 261 Gesuche um Hilfe. Davon konnten acht nicht bewilligt werden, da die Unterlagen für die Beurteilung ungenügend waren. Von Familien mit Kindern gab es 73 Gesuche. 89 Gesuche wurden von Einelternfamilien eingereicht, was knapp einem Drittel aller Gesuche entspricht. «Das Elternteil kann je nachdem nicht 100 Prozent arbeiten, und falls doch, muss etwas für die Betreuung der Kinder bezahlt werden», meint Tina Gartmann-Albin. So komme es schnell zu einem Engpass. Ausserdem suchten unter anderem 67 Einzelpersonen und sechs kinderlose Paare bei der Winterhilfe nach Hilfe.

«Insgesamt wendete die Winterhilfe Graubünden rund 85 700 Franken für Hilfeleistungen auf, davon 10 000 für die Weihnachtsaktion», erklärt Jürg Michel, Geschäftsleiter der Winterhilfe Graubünden. So konnten 111 Familien, Paare und Einzelpersonen überrascht werden.

Keinen Zugang zur Gesellschaft

«Den meisten Menschen sieht man gar nicht richtig an, dass sie arm sind», so Gartmann-Albin. Dies wird unsichtbare Armut genannt. Die Leute schämen sich, dass sie in Armut leben, wie Gartmann-Albin erklärt. Darum gäben sie es ungern zu.

Aber Armut bedeutet mehr, als dass jemand wenig Geld zum Leben hat. «Studien zeigen, dass Armut zu Stress führt und die Betroffenen anfällig für körperliche und seelische Krankheiten sind», betont Rathgeb. Wer arm sei, habe ausserdem weniger Einfluss und weniger Zugang zu gesellschaftlichen Anlässen. So bestehe die Gefahr, dass diese Personen isoliert werden.

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