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Der Gutsherr mit der Bärentatze

Rudolf von Planta ist ein Spross uralten Bündner Adels. Ins Domleschg zog sein Familienzweig erst vor vier Generationen. Doch den Hof Canova mit eigenem See und der speziellen Ruine will er nicht mehr hergeben.

Ruth
Spitzenpfeil
Mittwoch, 16. Oktober 2019, 04:30 Uhr «Daheim im Schloss»: Gut Canova

Mauerreste, die zu einst stolzen Burgen gehörten, recken sich im Domleschg bekanntlich an jeder Ecke in den Himmel. Doch die Ruine auf einer Anhöhe zwischen Paspels und Almens ist schon etwas Besonderes. Sie ist nämlich die Hälfte eines eleganten Rundturms. So etwas baute man in jener Zeit in Oberitalien, hier aber kaum. Wer immer es war, der Canova oder Neu-Süns – beide Namen tauchen in Urkunden auf – im 13. Jahrhundert errichtete, wollte auf jeden Fall gehörig Eindruck machen.

Jetzt stehen wir mit Rudolf von Planta am Fuss des Gemäuers und staunen nicht schlecht. Heute ist der Burgenrest, ein Opfer der Schamserfehde 1451, eigentlich nicht mehr als eine exklusive Gartendekoration. Aber immer noch ist zu spüren, wie die einstigen Herren hier oben die Umgebung dominierten. Auf die übrigen Domleschger Schlösser schaute man hinab, und selbst dem Churer Bischof in Fürstenau flösste man wohl Respekt ein.

Das Wappen der Planta, links mit der Bärentatze.
Archivbild Plantaturm, Susch

Mit den ursprünglichen Erbauern, den Freiherren von Vaz, hat der heutige Besitzer nichts zu tun. Jenes mächtige Adelsgeschlecht starb schon Mitte des 14. Jahrhunderts aus. Aber von der Eigenwilligkeit der alten Bündner, die von hier oben schalteten und walteten, blitzt doch immer wieder etwas auf beim Gutsherren von Canova. Nicht umsonst ist das Wappen seiner Familie die Bärentatze; das steht für Durchsetzungskraft. Auch der 87-jährige von Planta fand immer einen Weg, seine Ideen zu verwirklichen, mochten die modernen Mächte der Bürokratie sich bisweilen auch dagegenstemmen.

Der «verbotene» Weinberg

Ein schönes Beispiel dafür liegt gleich unterhalb unseres Standortes. Golden leuchten in der Herbstsonne die Reben eines prächtigen Weinberges. Doch der dürfte hier eigentlich gar nicht sein. Schwer zu verstehen: Der Weinbau-Kataster für Graubünden sieht das Domleschg nicht als Weinbaugebiet vor. Einen ausgewachsenen Rebberg als Teil seines landwirtschaftlichen Betriebs bekam von Planta Mitte der Achtzigerjahre deshalb nicht genehmigt. Aber alles, was unter 400 Quadratmeter gross sei, falle nicht unter diese Bestimmungen, erklärt er. Und so gibt es jetzt trotzdem die Domäne Canova im «verbotenen» Weinbaugebiet Domleschg – einfach aufgeteilt auf vier Parzellen, drei davon im Besitz seiner Söhne. Den feinen Riesling-Sylvaner, den von Planta in Winterthur fachgerecht vinifizieren lässt, darf er jedoch nicht in den Handel bringen. Aber nur schon, wenn die Planta-Familientreffen hier gefeiert würden, brauche es sehr viel Wein, meint der Senior verschmitzt lächelnd.

«So wurde ich eben von einem Tag auf den anderen Bauer.»

Rudolf von Planta, Familienoberhaupt und Landwirt

Doch jetzt geht es ins Haus des landwirtschaftlichen Adelssitzes. Da folgt die nächste Überraschung. Es sind eigentlich zwei historische Wohnhäuser, die im rechten Winkel aneinander gebaut sind. Denkmalpflegerisch bedeutsamer und mitsamt dem Interieur auch streng geschützt ist jedoch das jüngere der beiden. Das ältere, ein Meierhof aus dem 15. Jahrhundert mit rund 30 kleineren Zimmern, darf nur aussen nicht verändert werden. Das ist ein Grund, warum heute drei Generationen von Planta lieber in diesem innen sanft modernisierten Gebäude leben, statt unter den Stuckdecken des noblen Herrenhauses von 1830.

Eine Villa für die Ahnen

Letzteres könnte man respektlos auch als Festhütte der Plantas bezeichnen. Tatsächlich finden hier die schon erwähnten Familientreffen statt. In den grosszügigen Räumen ist aber auch das permanente Stelldichein der früheren Generationen. Die Ahnenbilder, welche hauptsächlich aus den Stammsitzen der Familie im Engadin stammen, hängen historisch munter gemixt an den Wänden. So manches von ihnen hätte eine höchst spannende Geschichte zu erzählen. Da ist etwa diejenige von der nicht standesgemässen Liebe der Margaretha von Planta. Ihr Schicksal ist so herzzerreissend, dass man es eigentlich als bündnerisches Historiendrama verfilmen müsste.

Würdig blickt uns Rudolfs Urgrossvater, der grosse Peter Conradin von Planta an, ein Freigeist, bedeutender Jurist und Ständerat. Weil er mehr in Chur, Bern, und an der Zürcher Universität zugange war, verkaufte er das Schloss Wildenberg in Zernez – heute das Nationalparkzentrum – und erwarb 1891 das Gut Canova als Wohnsitz. Doch 250 Jahre vor ihm hatte schon einmal eine Planta hier gelebt, eine ganz berühmte sogar. Der Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer dichtete dieser Catarina Lucretia nämlich den Mord an Jürg Jenatsch an. Tatsächlich war ihr Vater Pompejus von Planta auf dem benachbarten Schloss Rietberg vom späteren Bündner Freiheitshelden gemeuchelt worden. Sie allerdings lebte danach aber offenbar ganz friedlich und ohne Rachegelüste als verheiratete von Travers. Auf einen ihrer Nachkommen geht die Villa im italienischen Stil auf Canova zurück, die jetzt nur sporadisch genutzt wird. Die Letzte, die darin ständig lebte, war Rudolf von Plantas Grossmutter gewesen, welche 1953 starb.

Die Ur-Plantas

An einem sicheren Ort zwischen den zwei Gebäuden ist heute das Familienarchiv des Planta-Geschlechts untergebracht. Es heisst, man könne die Planta bis in die Römerzeit zurückverfolgen; spätestens aber seit dem Mittelalter haben sie in der Bündner Geschichte immer ein Wörtchen mitgeredet. Beeindruckt blättern wir im Stammbaum, der in Buchform 50 eng bedruckte Seiten umfasst. Die Bewohner von Canova gehören zum ersten Ast der Linie Zuoz, sind also in gewisser Weise die Ur-Plantas.

Auch wenn die Ahnen heute den Westflügel meistens für sich haben, hat man die Geschichte aber nicht ganz aus dem gemütlichen Haupthaus der Grossfamilie verbannt. Zumindest in den unteren zwei Stockwerken, wo Rudolf von Planta und seine ursprünglich aus Deutschland stammende Frau Ingrid daheim sind, gibt es ein stilvolles Nebeneinander von Erbstücken und moderner Wohnlichkeit. Weiter oben haben sich Sohn Dietegen, der heute den Hof führt, und seine kubanische Ehefrau eingerichtet. Auch Tochter Ursina hat einen ausländischen Ehepartner, einen Ägypter. Ihre Wohnung unter dem Dach wird gerade renoviert. Viel Internationalität also heute auf Gut Canova.

Plötzlich Bauer

Beinahe hätte die Familienidylle der Plantas im Domleschg aber ein jähes Ende gefunden. Rudolf von Planta erinnert sich noch gut an den Schock im Jahr 1950. Er lebte als Kantonsschüler unter der Woche in Chur. Da erhielt er einen Brief seines Vaters und einen unterschriftsreifen Vertrag, mit dem jener das Gut an einen Interessenten verkaufen wollte. Der Grund: Der ältere Bruder Friedrich hatte sich entschlossen, Arzt zu werden, statt den Hof zu übernehmen. Kommt gar nicht in Frage, sagte der damals 18-Jährige. «So wurde eben ich von einem Tag auf den anderen Bauer», erzählt von Planta. Er hat es nie bereut, ist stolz auf die fruchtbaren 40 Hektaren – und auf den See mit eigener Quelle, welchen er erfolgreich staatlicher Bevormundung entzogen hat und heute als beliebtes Bad betreibt. Und die Zukunft? Er habe acht Enkel, alles Buben; von denen werde sicher einer in fünfter Generation die Landwirtschaft weiterführen, so der glückliche Grossvater.

Mehr Schlösser im Online-Dossier: suedostschweiz.ch/schlossherren

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