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Der Kampf der Emser Bauern um ihre eigene Alp

Erstmals seit 550 Jahren sömmert kein Emser Vieh auf der dorfeigenen Alp Ranasca. Und wer hat Schuld am abrupten Ende dieser Tradition? Die Machtverhältnisse haben sich verschoben.

Pierina
Hassler
Montag, 09. September 2019, 04:30 Uhr Verschobene Machtverhältnisse
Grosses Alpfest: Am 11. August pilgerten viele Leute auf die Alp Ranasca Dado, um die neue Alphütte einzuweihen.
FRANCO BRUNNER

Am zweiten Augustsonntag gedachte sowohl die Emser Bürgergemeinde wie auch die Politische Gemeinde jener 50 Bauern, die anno 1469 die Alpen Ranasca und Mér oberhalb Pigniu erworben hatten. Sie taten dies mit einem Alpfest. Überschwänglich. Grosszügig. Mit stolzgeschwellter Brust. Immerhin besitzt die Bürgergemeinde 14,8 Quadratkilometer Land auf dem Boden von Pigniu und Rueun (Gemeinde Ilanz).

Die Emser Bürger und Steuerzahlenden stecken aber auch viel Geld in ihre Alp. In den letzten Jahren waren es rund 800 000 Franken für die Renovation der beiden Alphütten Ranasca Dadens und Dado. Und heute Abend geht es an der Gemeinderatsversammlung um einen Nachtragskredit von 90 000 Franken für eine Dachsanierung. Dazu kommen noch Kosten für Strassenunterhalt und weitere Infrastruktur.

Freude herrscht

Mehr als 400 Menschen pilgerten also an diesem zweiten Augustsonntag auf die Alp Ranasca. Gemeindepolitiker redeten von Verbundenheit, von Zusammenhalt. Es sei ein äusserst wichtiger Entscheid gewesen, diese Alp damals vor 550 Jahren zu erwerben, sagte der Emser Gemeindepräsident Erich Kohler. Carmelia Maissen, Gemeindepräsidentin von Ilanz, lobte in ihrer Rede die grosse Verbundenheit zwischen der Bevölkerung von Domat/Ems, Pigniu und Rueun.

Freude herrschte! «Nur ging bei diesem Trubel ganz vergessen, dass die Emser ihre Alp Ranasca schon längstens verschenkt haben», sagt ein Bauer aus Domat/Ems. «Am Fest erwähnte nämlich niemand, dass erstmals seit 550 Jahren kein Emser Vieh auf der Alp sömmert.» Weshalb das so ist, hat sehr viel mit lokalpolitischen Wirren zu tun.

Version zur Einsicht

Angefangen hat das Debakel um die Alp Ranasca im März 2016. Damals wurde an den Statuten für die Gründung einer Alpgenossenschaft gearbeitet. Allerdings ohne Mitwirken der Emser Alpbestösser und des Emser Bauernvereins. Nach dessen Einspruch erhielten die Mitglieder die Version zur Einsicht. «Aus unserer Warte war es eine Katastrophe», sagt ein Bauer. Denn mit keiner Silbe sei ihnen zugesichert worden, dass sie als Einheimische und Steuerzahler ohne Einwilligung der auswärtigen Bestösser ihre Interessen durchsetzen können.

«Danach durften wir zwar mitwirken, allerdings ohne dabei Gehör zu finden», sagt ein anderer Landwirt. Laut seinen Aussagen habe man bereits früh bei der damaligen Gemeindepräsidentin Beatrice Baselgia die Problematik einer Genossenschaftsgründung mit auswärtigen Alpbestössern erläutert. Zur Erklärung: Üblicherweise gründen einheimische Bestösser eine Genossenschaft, und die Auswärtigen müssen sich den Beschlüssen dieser «einheimischen Genossenschaft» fügen.

Macht- und geldgierig

So funktioniert das auf fast jeder Alp – Domat/Ems ist eine der Ausnahmen. Schlimmer noch: Mussten sich doch die Emser Bauern wegen ihrer Einwände den Vorwurf gefallen lassen, macht- und geldgierig zu sein. Andere warfen ihnen auch vor, sie hätten keine Ahnung von Demokratie, in einer Genossenschaft zähle jede Stimme gleich viel, egal, wie viel Vieh, egal, ob einheimisch und Steuerzahler. «Da aber eine Genossenschaft gegründet wurde, welche auch noch die volle Unterstützung der Bürger- und Politischen Gemeinde erhält, können wir zahlenmässig unterlegenen Emser Bestösser unsere Interessen nicht mehr mehrheitsfähig beschliessen», erklären die Bauern.

Alleine bestimmen

Ihre Interessen sind übrigens bescheiden: Sie betreffen den Zeitpunkt der Alpauf-, beziehungsweise -abfahrt. Unter anderem weil die Tiertransporte auf den engen Zufahrtsstrassen so besser zu organisieren wären. Und zudem ist es üblich, dass die einheimischen Bestösser eine verbilligte Alpung geniessen.

«Wir wollen unsere Interessen nicht auf Teufel komm raus durchsetzen», ärgern sich die Landwirte. «Aber die Steuerzahler und Bürger von Domat/Ems dürfen oder müssen Hunderttausende von Franken in die Alp investieren und können nicht einmal in den für sie wichtigen Punkten mitbestimmen.» Zusammengefasst heisst das: Die Emser Bauern wollen selber und alleine, ohne eine fremde Genossenschaft über ihre Alp bestimmen.

Die einzige Hilfe kommt von der Emser SVP. Letztes Jahr hinterfragte ihr Gemeinderat Ruben Durisch in einer Interpellation die Situation der einheimischen Alpbestösser. Er wollte wissen, wie es mit der neu installierten Alp- und Weidekommission unter der Führung von BDP-Gemeindevorstand Georg Ragaz stehe. «Seine Antworten an der Gemeinderatssitzung vom Juni 2018 waren wenig befriedigend», sagen die Bauern. Die Konsequenz daraus war, dass einer seine Kühe verkaufte und die anderen zwei nun auswärts alpen.

Deutliche Worte

«Ich bin schockiert, dass unsere Bauern nicht mehr Unterstützung erhalten», sagt Ronny Krättli, Emser SVP-Gemeinderat und Mitglied der Alp- und Weidekommission. Er setzt sich an vorderster Front für die Bauern ein und bedauert, dass sowohl der Gemeindepräsident wie auch der Präsident der Alp- und Weidekommission nicht im Stande seien, die Situation zu bereinigen. Schliesslich seien sie vom Emservolk gewählt worden, um sich dann auch für das Volk einzusetzen. «Es ist auch nicht im Sinne der Tiere und zudem ökologischer Unsinn, dass die Landwirte ihre Tiere weit transportieren müssen, statt in die Surselva auf unsere Alp.» Krättli braucht deutliche Worte: «Es zeugt nicht von Wertschätzung, wenn man die ei-genen Bauern im Stich lässt.»

Eine von der Gemeinde Domat/Ems abgesegnete Genossenschaftsgründung, ein Ungleichgewicht von Einheimischen und auswärtigen Alpbestössern und auch noch wenig Unterstützung seitens der Politik … so kam es, dass der Sommer dieses Jahres der erste seit 550 Jahren war, in welchem kein Emser Vieh auf der Alp Ranasca sömmerte.

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