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«Menschen gehören auf eine Liste, nicht Hunde!»

Sogenannte «Listenhunde» haben einen schlechten Ruf in der Gesellschaft. Umgangssprachlich werden sie «Kampfhunde» genannt. Dabei unterscheiden sie sich kaum von anderen Hunden. Weshalb findet man dennoch meistens nur gewisse Rassen in den Schlagzeilen?

Mara
Michel
Mittwoch, 04. September 2019, 04:30 Uhr Der schlechte Ruf der «Kampfhunde»

Pitbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Dogo Argentino. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie sind sogenannte Kampfhunde. In manchen Kantonen werden diese Hunderassen auf einer Liste erfasst, weshalb man sie auch Listenhunde nennt. Listenhunde gelten als aggressiv, unberechenbar, böse und gefährlich. «Kampfhund zerfleischt Model beim Streicheln das Gesicht», «Kampfhund beisst 92-Jährige tot!», «Kampfhund zerfetzt Dackel» titelte der Blick im 2018. Solch boulevardeske Schlagzeilen und die Berichte dazu schüren Ablehnung und Angst in der Gesellschaft. Und sie füttern die Leser mit Fehlinformationen.

«Es gibt Hunde, die per se nicht gesellschaftsfähig sind», sagt Ivo Paganini, Leiter des Tierheims Arche in Chur. «Dabei handelt es sich um sogenannte Interventionshunde. Diese Hunde wurden dazu gezüchtet. Deren Verhalten ist nicht antrainiert. Das steckt in den Genen. Sie sind zur Intervention da. Sie sehen, sie greifen an. Diese Hunde dürfen sich dabei von nichts ablenken lassen. Klar sind solche Hunde nicht gesellschaftsfähig. Das sind Waffen. Nicht zu verwechseln mit Polizeihunden, wie zum Beispiel Drogenspürhunden. Da arbeitet man mit dem Spieltrieb des Hundes. Die Drogen- oder Sprengstoffsuche ist für diese Hunde ein Spiel. Das wurde so trainiert. Gezüchtete Interventionshunde hingegen werden immer seltener.»

Sind alle Hunde ungefährlich?

Wenn also Listenhunde nicht zu Interventionshunden gezüchtet wurden, sind sie komplett ungefährlich? «Nein», so Paganini. «Man kann für keinen Hund dieser Welt die Hand ins Feuer legen, dass er niemals zubeisst. Jeder Halter, der etwas anderes behauptet, lügt.» Jeder Hund habe eine Toleranzgrenze – je nach Erziehung, Charakter und Tagesform könne diese variieren. «Aber wenn genug ist, ist genug. Es ist für den Hund der allerletzte Ausweg, zuzubeissen.» Am Ende sei es wie bei uns Menschen. «Jeder Mensch würde im Notfall körperlich gewalttätig werden. Nur die Länge der Zündschnur variiert.»

Das grössere und eigentliche Problem des schlechten Rufs liege aber bei den Haltern. Dabei kritisiert Paganini einerseits das heutige Hundekaufverhalten der Gesellschaft: «Die Leute bestellen sich Hunde übers Internet. Es ist günstig, geht schnell und ist bequem. Dabei wird den Leuten vorgegaukelt, ihr Hund käme aus der Schweiz. In Wahrheit kommt er aber aus osteuropäischen Ländern oder aus Italien. Dort werden Hunde als Gebärmaschinen gehalten, bis sie sterben. Die Welpen werden der Mutter dann viel zu früh weggenommen, nicht tierärztlich untersucht und so schnell wie möglich verkauft, damit keine Kosten anfallen. Das sind Mafia-ähnliche Zustände.» Diese Hunde seien nicht selten krank. Fehlt der Zollstempel, müsse das Tier gegebenenfalls sogar zurück ins Herkunftsland. Kann dieses nicht ermittelt werden, wird das Tier eingeschläfert.

Andererseits gibt es kein Register für Hundehalter, die bereits schlecht aufgefallen sind. Wem heute ein Hund weggenommen wird, dem wird am nächsten Tag problemlos ein neuer in einem Tierheim abgegeben. «Das liegt am Datenschutz. Wie soll ich einen Kunden überprüfen, wenn nirgends zumindest halböffentlich erfasst wird, ob dieser Mensch beim Tierschutz bereits negativ aufgefallen ist? Eine solche Liste brauchen wir. Nicht eine für angeblich gefährliche Hunderassen.» Das ist aber nicht nur für die Hunde ein Problem. Falls der neue Halter fahrlässig handelt und ein Beissunfall passiert, muss das Tierheim die Verantwortung tragen. «Dann sieht man mein Gesicht auf allen Titelseiten», sagt Ivo Paganini kopfschüttelnd. Jeder Hundehalter, ob er nun einen Listenhund oder einen Berner Sennenhund halte, solle eine Prüfung absolvieren müssen. Mit jedem Hund.

«Zeus» und «Blue» suchen ein Zuhause

Zur Zeit befinden sich zwei «Listenhunde» im Tierheim Arche in Chur. Der Pitbull «Zeus» und der Blue American Stafford Terrier «Blue». Beide sind zwischen ein und zwei Jahren alt. Die zukünftigen Besitzer werden von Ivo Paganini und seinem Team auf Herz und Nieren geprüft. Wenn es nicht zu 100 Prozent passt, werden die Hunde nicht abgegeben. Ausserdem wird Ivo Paganini versuchen, alles über die potentiellen neuen Halter herauszufinden – «auch ohne Liste.»

Mehr zu den heimatlosen Tieren und dem Tierheim «Arche» unter www.tierheim-chur.ch

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