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Wenn das Zwitschern verstummt

Das Artensterben beschäftigt weltweit – auch die Schweiz hat damit zu kämpfen. Im Kanton Graubünden ist die Situation im Vergleich zu anderen Gebieten noch deutlich besser, zurücklehnen darf man sich aber nicht, wie ein Experte warnt.

Bettina
Cadotsch
Dienstag, 03. September 2019, 04:30 Uhr Bedrohte Tierarten in Graubünden
Das Braunkehlchen hat seinen Lebensraum nur noch im Engadin.
SRF SCREENSHOT

Der kleine braune Vogel namens Braunkehlchen erhielt vergangene Woche in der SRF Sendung Schweiz Aktuell einen Sendeplatz. Der Grund: Die Population ist in den vergangenen Jahren um 70 Prozent zurückgegangen. Einzig im Kanton Graubünden gibt es noch einige wenige Exemplare, die mit viel Mühe, Not und Aufwand erhalten werden können. Der Vogel zählt zu den Bodenbrütern und fällt immer wieder Mähmaschinen zum Opfer. Freiwillige versuchen die Nester in den Wiesen zu markieren, um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu steigern. Das Braunkehlchen ist jedoch nur eines von vielen Beispielen, welches vom Aussterben bedroht ist und unter der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung leidet. Dazu gehören Pflanzenarten, Schmetterlinge, Insekten, Bienen und weitere Vögel.

Doch wir beginnen mit einer aufmunternden Nachricht: Die Situation im Kanton Graubünden ist grundsätzlich gut, wie Flurin Filli, Wildbiologe und Leiter Betrieb und Monitoring beim Schweizerischen Nationalpark in Zernez auf Anfrage von «suedostschweiz.ch» sagt. Dies, weil der Kanton klimatisch gesehen relativ warm ist und es wenig Niederschlag gibt. Weiter sei auch die Landnutzung aufgrund der Topografie nicht so intensiv, wie sie beispielsweise im Unterland ist. «Deshalb haben wir hier viele schöne Landschaften und auch noch viele Tierarten, die in anderen Gebieten schon sehr bedroht sind», so Filli. Dies seien alle Arten der Kulturlandschaft wie eben beispielsweise das oben genannte Braunkehlchen, aber auch die Feldlerche, der Baumschläfer oder die Wasser- und Watvögel.

Achtung Wortwahl

Gemäss Filli sei es jedoch auch immer eine Frage, was man unter «bedroht» verstehe. Man müsse nämlich unterscheiden zwischen Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind und Tierarten, bei denen die Bestände rückläufig sind. Die Bestände von gewissen Tierarten seien nämlich auch im Kanton Graubünden rückläufig. «Es hat aber noch genügend Tiere, dass es sich auch lohnt, Rettungsmassnahmen und Erhaltungsmassnahmen in die Wege zu leiten», so Filli.

Die Macht der Landwirtschaft

Graubünden dürfe sich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, die Intensivierung der Landwirtschaft werde auch hier immer weiter vorangetrieben, warnt Filli. «Im Engadin hat sich der Mähzeitpunkt in den vergangenen 30 Jahren um drei Wochen verschoben». Das bedeute konkret, man könne davon ausgehen, dass die Wiesen jährlich um einen Tag früher gemäht werden. Dies habe zur Folge, dass die Vögel ihre Jungen meistens noch nicht fertig aufgezogen haben. «Die Feldlerche benötigt in etwa drei Wochen, um ihre Jungen aufzuziehen. Entweder sind sie noch am Brüten oder die Kleinen sind noch im Nest und werden dann vermäht, wenn sie in den Wiesen in Tallagen sind.» Besser gehe es deshalb den Vögeln, die ihre Jungen weiter oben bei den Hanglagen aufziehen, weil dort später gemäht werde, erklärt Filli weiter. 

Ein Trend mit Wirkung?

Die Biodiversität wird zurzeit immer und überall gross geschrieben. Es wird je länger je mehr darauf aufmerksam gemacht, was der Verlust an biologischer Vielfalt für Konsequenzen haben kann und es wird aufgezeigt, was die übermässige Nachfrage an gewissen Produkten für einen Einfluss hat. Diese Bewegung spiele den bedrohten und rückläufigen Arten in die Karten, meint Filli. Die Massnahmen seien jedoch nur dann erfolgreich, wenn die Landwirtschaft sich nicht weiterhin intensiviere.

«Das ist jedoch ein schwieriger politischer Prozess, weil die Landwirte auch leben können müssen», fügt der Wildbiologe an. «Das Potential sehe ich deshalb vor allem auch beim Konsumenten. Wenn man Bio-Produkte kauft und sich gegen Produkte entscheidet, die mit Pestiziden behandelt werden, macht man etwas Gutes.» Nur so würden wir Menschen nicht unsere eigene Lebensgrundlage untergraben.

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