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Amoklauf an Schule: «Gewalttaten gehen immer Warnsignale voraus»

In Deutschland verzeichnete man in den letzten 17 Jahren neun Amokläufe an Bildungseinrichtungen. In den USA gab es mehr als fünf Mal so viele Amokläufe an Schulen. Ist man in der Schweiz für den Ernstfall gewappnet? Einzelne Kantone, darunter St. Gallen und Basel, haben Warnsysteme für Schulen eingeführt. Wie steht es in Graubünden und Glarus?

Mara
Michel
Samstag, 17. August 2019, 04:30 Uhr Glarus und Graubünden im Vergleich
Beschäftigt man sich in Graubünden und Glarus mit dem Thema «Amoklauf an Schulen»?
SYMBOLBILD

Amokläufe an Schulen sind in der Schweiz kaum ein öffentliches Thema. Dem Kanton Graubünden ist das Thema dennoch nicht neu. Auf Anfrage von suedostschweiz.ch gab Regierungspräsident Jon Domenic Parolini zwar an, dass sich Bündner Schulen mit der Thematik «Amoklauf» befassen und man an der Bündner Kantonsschule auch über die entsprechenden technischen Einrichtungen verfüge, er schätzt die Gefahr eines Amoklaufs an einer Bündner Schule aber als gering ein. Dennoch habe man den privaten Mittelschulen der Sekundarstufe II empfohlen, ein Frühwarnsystem einzurichten.

Dass ausgerechnet die Kantonsschule in Chur bereits über das System E-ALARM (eine von einem Telekommunikationsanbieter eingekaufte Dienstleistung) sowie spezielle Türverriegelungssysteme verfügt, ist kein Zufall. Das lokale Gymnasium wurde in der Vergangenheit mit kritischen Situationen konfrontiert, bei denen auch die Polizei hinzugezogen werden musste. Einen Zwischenfall der einem Amoklauf ähnlich ist, gab es bisher aber nicht.

Zum offiziellen Ablauf bei einem Amoklauf an einer Bündner Schule wollte sich Parolini nicht äussern. Philippe Benguerel, Konrektor der Bündner Kantonsschule, erklärt auf Anfrage: «Im Amok-Fall können wir parallel zur internen Alarmierung über E-ALARM schnell und effizient die Blaulichtorganisationen alarmieren.» Mit vorbereiteten Checklisten für verschiedene Funktionen der Notfallorganisation will man in einer ersten Phase von 10 bis 15 Minuten nach Eintreten auf ein Ereignis reagieren können.

«Bedrohungsmanagement» als Basis für ein friedliches Miteinander

Im Kanton Glarus hingegen setzt man komplett auf Prävention. Das Stichwort hierbei ist «Bedrohungsmanagement». Laut Regierungsrat Benjamin Mühlemann sei das oberste Ziel die Sicherheit an den Schulen. Niemand soll Angst haben müssen. «Es geht darum, potentielle Gefahren möglichst früh zu erkennen. Das Risiko wird abgeschätzt und die Situation bei Bedarf entschärft.» Seine Theorie: «Gewalttaten gehen immer Warnsignale voraus, und genau dort setzt das ‹Bedrohungsmanagement› an.»

Zusammen mit der KESB und der Polizei sollen so Amokläufe und andere Gewalttaten verhindert werden. Zwar wurden in der Vergangenheit schon verdächtige Gegenstände bei Schülerinnen und Schülern beschlagnahmt. Aber das spreche für das Bedrohungsmanagement. So konnte, laut Mühlemann, Schlimmeres verhindert werden. «Unsere Prävention funktioniert», ist sich der Regierungsrat sicher.

Auch Peter Zentner, Departementsleiter für Schule und Familie der Gemeinde Glarus Süd, ist zufrieden mit diesem Ansatz: «Mit den Warnsystemen ist man nicht besser geschützt.» Zu konkreten Warnanzeichen, die einer Gewalttat vorausgehen würden, konnte sich Zentner nicht äussern, da diese sehr vielseitig seien.

Ereignisprävention vs. Ereignisbewältigung

Die Gemeinsamkeit der Kantone zeigt sich, wenig überraschend, in der Prävention: In beiden Kantonen wurden den Schülern bereits verbotene Gegenstände abgenommen. In Graubünden waren dies laut Regierungsrat Parolini «Raucherutensilien, Messer, allenfalls Taschenrechner, unerlaubte Lernhilfen, Handys, Drohnen, alkoholische Getränke usw.» Auch an der Kantonsschule Graubünden verlässt man sich nicht einzig auf die technischen und materiellen Massnahmen, die besonders bei der Ereignisbewältigung zum Zug kommen.

Der Bereich der Ereignisprävention baut auf die Standbeine «Pädagogische Massnahmen» und «Organisatorische und planerische Massnahmen». Periodische Notfallübungen auf verschiedenen Ebenen fallen in die zweite Kategorie und stellen einen wichtigen Teil der Prävention sicher. Zu den pädagogischen Massnahmen gehören unter anderem sogenannte persönliche Coaching-Gespräche zwischen den Klassenlehrpersonen und Schülerinnen und Schülern. Diese finden ein- bis zweimal pro Semester statt.

Auch wenn es dabei laut Benguerel primär um die Reflexion der Lernprozesse gehe, werde auch das Wohlbefinden und die Lern- und Schulmotivation der Schülerinnen und Schüler angesprochen. Ein weiterführendes Angebot wird mit dem schulinternen Beratungssystem zur Verfügung gestellt. Das Beratungsteam, bestehend aus entsprechend geschulten Lehrpersonen, hat die Aufgabe den Schülerinnen und Schülern, die das Angebot in Anspruch nehmen, zuzuhören und sie nach zwei bis drei Konsultationen an entsprechende professionelle Beratungs- oder Behandlungsstellen weiterzuleiten.

Der Aussage von Benjamin Mühlemann, dass jeder Gewalttat Warnsignale vorausgehen, kann Philippe Benguerel jedoch nur bedingt zustimmen: «Wir können nie vollständig in einen Menschen ‹hineinschauen› und damit in jedem Fall frühzeitig von ihm ausgehende Gefahren erkennen. Ich teile das Statement aber insofern, dass in der Regel zumindest gewisse Beobachtungen gemacht werden können. Es ist aber sehr schwierig in der Praxis frühzeitig erkennen zu können, wie gross eine Gefährdung tatsächlich ist.»

 

Wenn Du oder jemand, den Du kennst, psychische Probleme hat und/oder Suizidgedanken in sich trägt, findest Du hier schnell, anonym und unkompliziert Hilfe: 

  • Die dargebotene Hand: Tel. 143 (Mail, Telefon, Chat) - auch anonym möglich
  • Pro Juventute: Tel. 147 (Mail, Telefon, Chat, SMS und Webservice)
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie Graubünden: Tel. 058 225 19 19
  • Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst Glarus: Tel. 055 646 40 40

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