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Versteifung der Wirbelsäule - Fluch oder Segen?

Fast jeder Patient, der zum ersten Mal in die Wirbelsäulen-Sprechstunde kommt, betont zu Beginn des Gesprächs, dass er eigentlich keine Operation an seinem Rücken möchte und auf jeden Fall keine Versteifung.

Südostschweiz
Montag, 12. August 2019, 04:30 Uhr
Darstellung einer Bandscheibenprothese.
PIXABAY / SUEDOSTSCHWEIZ.CH
Öffentlicher Vortrag

Am 27. August 2019 um 19.30 Uhr wird PD Dr. med. Nikolaus Aebli zum Thema „Versteifen der Wirbelsäule – Fluch oder Segen?“ im Bildungszentrum Palottis, Schiers, einen Vortrag halten.

Dies ist bei den Hüftspezialisten ganz anders. Patienten mit Hüftschmerzen kommen mit der Erwartung zum Hüftspezialisten, dass möglichst bald ihr arthrotisches, konservativ austherapiertes Hüftgelenk mit einem künstlichen Gelenksimplantat ersetzt wird. 

Wie kommt es, dass sich Patienten mit Hüftarthrose operieren lassen, aber Patienten mit fortgeschrittener, konservativ austherapierter, schmerzhafter Wirbelsäulenarthrose  betreffend Operationen sehr zurückhaltend sind?

Bei einer Hüftarthrose kann ein künstliches Gelenk eingebaut werden, das anschliessend die Funktion des arthrotischen Gelenks praktisch vollständig übernimmt. Die Wirbelsäulengelenke können wegen der anatomischen Verhältnisse nicht durch künstliche Gelenke ersetzt werden. In den letzten 20 Jahren hat man versucht, die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu erhalten, indem man die Bandscheibe durch eine Bandscheibenprothese ersetzt. Die arthrotischen Gelenke der Lendenwirbelsäule wurden dabei belassen. Diese Technik hat sich leider nicht bewährt. Bei einem Grossteil der Patienten, denen man eine Bandscheibenprothese in der Lendengegend implantierte hatte, mussten später die Lendenwirbelsäule versteift werden. Entweder weil die Patienten weiterhin Schmerzen hatten oder es wieder zu Einklemmungen von Nerven gekommen war.

Die Wirbelsäulenchirurgie ist heute noch nicht so weit wie die Hüftchirurgie, so dass entsprechende chirurgische Techniken und Implantate, welche einerseits die Beweglichkeit der Wirbelsäule erhalten und andererseits dafür sorgen, dass die Nerven nicht wieder eingeklemmt werden, weiterhin fehlen. Dies ist der Grund, weshalb Implantate entwickelt worden sind, mit welchen eine Teil-Stabilisierung der Wirbelsäule erzielt werden kann. Ziel ist es, dass sich die Wirbelsäule noch etwas bewegen kann, aber nicht so stark, dass es erneut zu Einklemmungen von Nerven kommt. Eine Teilversteifung kann aber nur dann angewendet werden, wenn sich die Arthrose der Wirbelsäule in einem frühen Stadium befindet. Dies kommt jedoch nicht sehr häufig vor, wenn sich Patienten mit chronischen Rückenschmerzen bei Wirbelsäulenspezialisten vorstellen. 

Die Wirbelsäule wird also versteift, weil es bis heute keine alternative Technik gibt. Patienten mit Rückenschmerzen haben vor allem Angst, dass die Arthrose weitergeht, dass es zu einer klassischen Anschlusserkrankung nach der Versteifung kommt. Nach unserer Erfahrung der letzten Jahre, kommt dies jedoch selten vor.

Die technische Durchführung einer Versteifung der Wirbelsäule ist sehr anspruchsvoll. Es kann während und nach der Operation zu Komplikationen kommen: Nerven können während der Operation verletzt werden, insbesondere dann, wenn die Nerven vor der Operation stark eingeklemmt waren. Erfahrungsgemäss liegt der Hauptgrund für Schmerzen nach einer Wirbelsäulenoperation darin, dass die eingeklemmten Nerven nur teilweise und nicht vollständig freigelegt werden. Es kann zu Einblutungen oder einer Infektion kommen oder die Implantate können locker werden, insbesondere dann, wenn die Knochenqualität nicht gut ist (bei Osteoporose). Diese Komplikationen und das mangelhafte Freilegen der eingeklemmten Nerven können dazu führen, dass der Patient nach der Rückenoperation nicht schmerzfrei ist, respektive wird. Bei fortgeschrittener, schmerzhaft-arthrotischer Veränderung der Wirbelsäule, ist die Versteifung bis auf weiteres die Standard-Behandlung. Wird eine operative Versteifung der Wirbelsäule optimal durchgeführt, ist der Patient in einem Grossteil der Fälle schmerzfrei und es kommt selten zu Anschlusserkrankungen.

In den Medien wurde vor kurzem berichtet, dass einer der besten Golfspieler aller Zeiten, Tiger Woods, viermal am Rücken operiert worden war, und er nach den Operationen innert ca. zwei Jahren wieder zu den weltbesten Golfern gehörte. Der Rücken muss beim Golfen eine sehr wichtige Funktion übernehmen und wohlverstanden, bei Tiger Woods wurde die Wirbelsäule versteift.

Am 27. August 2019 um 19.30 Uhr wird PD Dr. med. Nikolaus Aebli zum Thema „Versteifen der Wirbelsäule – Fluch oder Segen?“ im Bildungszentrum Palottis, Schiers, einen Vortrag halten.

Autor: PD Dr. med. Nikolaus Aebli
Belegarzt Wirbelsäulenchirurgie
Spital Schiers