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Tourismus und Nachhaltigkeit: Es liegt auch an uns

So sehr Touristen ein wirtschaftlicher Segen sind, sie sind nicht für Mutter Natur auch eine Bürde. Immer jedoch nur von ihnen bewusstes Verhalten fordern, funktioniert nicht; auch wir „Eingeborenen“ müssen etwas tun.

Südostschweiz
Mittwoch, 12. Juni 2019, 09:30 Uhr
fotolia.com © dzmitrock87

Es war ein guter Winter für die Schweiz. Abermals kommen wir auf gut zweistellige Millionenzahlen an Logiernächten bei den Wintersporttouristen. Und gerade wir in unserer Region wissen, wenn diese sich gen Saisonende rar machen, wird die Zeit schon knapp, um sich auf Wanderer und Co. vorzubereiten. Klasse statt Masse, alles gut also? Leider nein. Denn abgesehen davon, dass mittlerweile ein erklecklicher Teil von Schweizer Orten auch über Massen von Klassentouristen stöhnen, so sind auch diese „Qualitätstouristen“ eine Umweltbürde. Doch wie sorgt man dafür, dass unsere schöne Schweiz geschont wird, andererseits aber auch keine Touristen abgeschreckt werden? Über diesen Spagat haben wir uns für den folgenden Artikel Gedanken gemacht. 

Das Problem Mensch

Was Umweltverschmutzung und -schutz anbelangt, ist der Mensch nicht nur der wichtigste, sondern der massgebliche Faktor. Wir sind einziger Herr über Schädigung und Rettung. In diesem Sinne haben wir mit den 2020ern vor Augen einen Vorteil: Es ist mittlerweile global in den meisten Köpfen angekommen, dass es Verhaltensmuster gibt, die man sich einfach nicht mehr erlaubt. Allerdings steckt auch der Mensch dahinter, dass es in der Realität nicht ganz so reibungslos läuft: 

  1. Wir sind meilenweit von einem globalen Konsens darüber entfernt, was überhaupt umweltbewusstes Alltagsverhalten bedeutet. Jeder Tourist empfindet bestimmte Verhaltensweisen ob des umweltkulturellen Backgrounds seines Heimatlandes anders – für den einen ist es schon okay, Müll überhaupt in die Tonne zu werfen. Für den anderen hingegen sind selbst unnötig brennende Deckenlichter eine schwere Umweltsünde. 
  2. Viele neigen dazu, mit fremden Dingen weniger sorgsam umzugehen – sie fahren den Mietwagen schärfer als das eigene Auto, halten es im Hotelzimmer mit der Ordnung nachlässiger und drücken beim Umweltschutz im Urlaubsland ein Auge zu. 

All diese Punkte treffen bei uns zu. Wir haben die Touristen aus allen Länder, haben das „Urlaubsverhalten“ – und vor allem den dritten Punkt: Schweizer, die vom Tourismus profitieren und deshalb Dinge tolerieren, die eigentlich das Gegenteil von Umweltschutz sind

fotolia.com © bilanol

Das Problem: Man kann Touristen tausendmal sagen „bitte trennen Sie Ihren Müll“. Wenn jedoch die dazugehörigen Mülleimer weit auseinander stehen und überfüllt sind, darf man sich nicht wundern. Etwa, wenn Gäste ihre Glace-Verpackung nicht mit ins Tal nehmen, sondern sie auf den bereits aufgehäuften Berg des Abfalleimers legen – in ihren Augen ist das schon vorbildlich, weil sie es nicht wegwerfen. Hier muss man immer die unterschiedlichen Verhaltens-Backgrounds bedenken! Damit kommen wir zum Themenkern: Es liegt an uns, als eine der führenden Umweltschutz-Nationen, dafür zu sorgen, dass er auch bei den Touristen praktiziert wird. Das ist gar nicht mal so schwer. Folgende Ideen stehen dabei sinnbildlich für weitere Massnahmen.

1. Mülleimer en Masse

fotolia.com © Ildar Abulkhanov

Wer ein Geschäft betreibt, egal welcher Art, kann es nonchalant lösen: Vor das Gebäude einen sichtbaren Mülleimer stellen. Ist der aus gebürstetem Edelstahl, sieht er nicht mal nachteilig aus. Würde das in einer typischen Touristen-Einkaufsstrasse jeder praktizieren, würde die Zahl überquellender Mülleimer und herumflatternder Verpackungen wirklich gen Null tendieren.

2. To go in Nachhaltig

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Vielleicht mögen die Zahlen, die das Umweltnetz Schweiz veröffentlichte, wonach hierzulande täglich acht Millionen To-go-Kaffeebecher weggeworfen werden, übertrieben sein. Allzu weit von der Realität sind sie keinesfalls. 
Nun sind diese Becher, entsorgt man sie fachgerecht, damit die Materialien rezykliert werden, sicher kein drängendes Umweltproblem – und wenn mehr Unternehmer Punkt 1 beherzigen, wäre erstgenanntes auch gewährleistet. 
Allerdings sollte man als jemand, der To-go-Kaffee verkauft, anders an die Sache herangehen.

  1. Die Tatsache nutzen, dass Kaffeebecher auch als personalisierte Mehrweg-Variante offeriert werden, diese anschaffen und offensiv bewerben.
  2. Zuckerbrot und Peitsche: Wer einen klassischen To-go-Becher wünscht, muss einige Franken Aufpreis zahlen, wer einen eigenen Becher mitbringt, bekommt Preisnachlässe.
  3. Niemals als Standard Wegwerfbecher ausgeben, sondern Alternativen bereithalten. 

3. Einfach entziehen und begründen 

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Ob man nun den To-go-Becher heranzieht, Plastiktüten, Plastik-„Stroh“halme. Immer wieder zeigt sich, was Kunden angeboten bekommen, nehmen sie auch – selbst, wenn sie es eigentlich besser wissen.  Einige Schweizer Märkte sind mittlerweile dazu übergegangen, Plastiktüten nur noch gegen Bezahlung herauszugeben, auch die dünnen Beutel in der Obst- und Gemüseabteilung. Tatsächlich sollte das für jeden, der irgendetwas verkauft, das Kunden aus dem Geschäft mitnehmen, ein Beispiel sein. 
→    Tüten nur auf Nachfrage und kostenpflichtig.
→    Plastikstrohhalme nur auf Nachfrage oder ganz aus umweltfreundlichen Materialien.
→    Doggy Bags nur aus umweltfreundlichen Materialien. Bei Gästen des Hauses (Hotel mit Gastronomie) auch als Tupperdose.

Jedoch sollte man solche Massnahmen nicht einfach nur einführen, sondern publik machen. Ein gut sichtbares Schild genügt:
Liebe Kunden/Gäste, bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aus Umweltschutzgründen (*hier Produkt einsetzen) nur noch auf Nachfrage ausgeben. Das erspart dem Planeten pro Jahr X Kilogramm Müll.
Hier kommt einem zupass, dass wie erwähnt die allermeisten Gäste ein Grund-Umweltbewusstsein mitbringen. 

4. Herunter mit der Temperatur

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Auf der Haut des Menschen befinden sich zwei Arten von Thermorezeptoren:
→    Kälterezeptoren mit einem Messbereich von 5 bis 43°C
→    Wärmesensoren mit einem Messbereich von 30 bis 48°C
Und so faszinierende Bio-Wunderwerke sie auch sind, gibt es eine Tatsache: Ihre Messgenauigkeit ist schlechter als ein Grad Celsius. Wir können schlicht nicht unterscheiden, ob in einem Raum 24 oder nur 21°C herrschen.  Genau dort können Hoteliers anknüpfen. Denn ein, zwei Grad bei Heizung und Klimaanlage können auf den Gesamtenergieverbrauch eine enorme Wirkung haben. Man kann etwas herunterregulieren, spart Energiekosten, schont die Umwelt – und die Gäste merken es nicht. Und selbst wenn, können sie ja nachregulieren. 

Fazit

Es ist eine Sache, von unseren Touristen zu erwarten, dass sie sich umweltschonend verhalten. Jedoch ist es eine nüchterne Tatsache, dass es hier enormen Nachholbedarf gibt. Das allermeiste erfordert kaum Mehrausgaben, kein Umdenken – und wird von den Touristen nicht einmal negativ angesehen, wenn man es sorgsam kommuniziert. 

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