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Geht das Verlorene Loch bald wirklich verloren?

Der desolate Zustand der national bedeutenden historischen Strasse zwischen Thusis und Rongellen löst in der Region Kritik aus. Ein Masterplan für die Sicherung des Abschnitts wäre bereit, harrt aber der Umsetzung.

Jano Felice
Pajarola
Donnerstag, 09. Mai 2019, 04:30 Uhr Weckruf aus Masein
Den schlechten Zustand dokumentiert: Pius Furgers Aufnahmen vom Strassenabschnitt im Verlorenen Loch bei Thusis haben für einige Reaktionen gesorgt.
PIUS FURGER

Es fing vor 20 Jahren an, als der A13-Südanschluss Thusis eröffnet wurde. Die alte Strasse in der Schlucht zwischen Thusis und Rongellen wurde in der Bedeutung zurückgestuft. Als später auch noch die Oleodotto del Reno SA ihre alpenquerende Erdöl-Transportleitung aufgab und die Strasse nicht mehr als Zufahrt zu ihren Anlagen benötigte, fielen weitere Beiträge an den Unterhalt der historischen Verbindung weg. Seither befindet sich die Strasse durch das Verlorene Loch, wie der Abschnitt heisst, im Dornröschenschlaf und dient nur noch als Wanderweg und Velowanderroute. Wobei das mit dem Schlaf nicht ganz stimmt, denn es tut sich durchaus etwas im Verlorenen Loch – allerdings nichts Erfreuliches. Der einst bedeutende, von 1818 bis 1823 mit enormem Aufwand ausgebaute Transitverkehrsweg zerfällt, stellenweise rutscht das Trassee in die Schlucht ab.

Ein Weckruf aus Masein

Der desolate Zustand der Strasse, die zum Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz gehört, hat nun den Maseiner Lehrer, Höhenbergsteiger und Fotografen Pius Furger auf den Plan gerufen. Was er bei einer Begehung der alten Strasse angetroffen hat, hat ihn dazu veranlasst, mit seiner Beobachtung als Weckruf an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Bilder, die er in Sozialen Netzwerken und in der Lokalzeitung «Pöschtli» publiziert hat, haben auch prompt zu Reaktionen geführt: Ein «Skandal» sei der Zustand des Verkehrswegs, der Anblick sei «erschreckend und himmeltraurig», der Unterhalt des Strassenabschnitts werde seit Jahren «arg vernachlässigt», so einige der Rückmeldungen, die zu Furger gelangt sind.

Auch bei der kantonalen Denkmalpflege weiss man um den Zustand der Strasse durch das Verlorene Loch, die viele vor allem wegen des pittoresken Tunnels kennen, den nicht zuletzt der bekannte Maler Johann Jakob Meyer (1787–1858) um 1826 mehrfach festgehalten hat. «Wir hatten schon vor längerer Zeit Kontakt mit den zuständigen Gemeinden Thusis und Rongellen», sagt Denkmalpfleger Simon Berger. «Es gab auch eine Begehung.» Seither habe sich aber nichts mehr getan. «Es ist immer etwas schwierig, Druck aufzusetzen, wenn es nicht um klassische Schutzobjekte geht, sondern um Objekte aus einem Inventar. Wir werden aber sicher nachfassen.»

2,5 Millionen Franken nötig

In der Tat existiert seit zwei Jahren eine «lose Projektgruppe», die sich um ein Sicherungsprojekt für die Strasse im Verlorenen Loch bemüht. Das bestätigt der zuständige Thusner Gemeinderat Thomas Rüegg. «Ein Masterplan dazu, was man machen müsste, sollte oder könnte, liegt vor.» Doch die Umsetzung dauere länger als vermutet. Es gehe vor allem um eine Sicherung des rutschenden Hanges; die Kosten für das Projekt würden auf 2,5 Millionen Franken geschätzt. «Thusis und Rongellen können das nicht allein stemmen», sagt Rüegg. Sorgen mache den Gemeinden – etwa 80 Prozent der Strecke liegen auf Thusner Boden – ausserdem die Finanzierung des anschliessenden Strassenunterhalts. Dieser «Intensivabschnitt» sei «ein Fass ohne Boden», so Rüegg. Man müsse angesichts anderer nötiger Investitionen zudem Prioritäten setzen.

Aufgeben ist «keine Option»

Trotzdem beteuert der Thusner Gemeinderat: «Das Verlorene Loch aufzugeben, ist keine Option.» Nicht zuletzt sei man sich der touristischen Bedeutung der historischen Route bewusst. Es sei aber illusorisch zu meinen, man könne die alte Strasse in ihrer ursprünglichen Form bewahren. «Das würde den Rahmen sprengen.» Abschnittweise werde es auch nach einer Sicherung dabei bleiben, dass der Weg lediglich noch Trottoirbreite aufweise.

Jubiläum gibt Hoffnung

Rüegg sieht derzeit einen Hoffnungsschimmer am Horizont: die mehrjährigen Festivitäten zum 200-Jahr-Jubiläum des Comercialstrassenbaus durch die Viamala und über den Splügenpass. Sie dauern bis 2023, und die Strecke im Verlorenen Loch gilt als wesentlicher Abschnitt der Transitroute. «Wir müssen diesen Rückenwind nutzen», erklärt Rüegg. Man habe bislang vielleicht zu wenig Druck aufgesetzt. «Aber wir bleiben dran. Wir werden das Projekt vorantreiben.»

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