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Bei unseren Nachbarn liegt etwas in der Luft

Das Vinschgau ist die grösste Obstbauregion Europas. Messungen beweisen nun: Pestizide belasten die Luft massiv. Davon betroffen sind Anwohner und Feriengäste. Im grenznahen Münstertal wächst die Besorgnis.

Fadrina
Hofmann
Dienstag, 12. März 2019, 04:30 Uhr Umweltbelastung
In Mals und Umgebung sind an allen Messstandorten Pestizide in der Luft nachgewiesen worden.
PRESSEBILD

Nur zwölf Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt liegt die Südtiroler Gemeinde Mals. Hier hat das Umweltinstitut München im vergangenen Jahr einen Messpunkt eingerichtet. In einem gut geschützten Garten mitten im Ort wurden zwölf verschiedene Pestizide nachgewiesen. Darunter waren auch in hohem Mass gesundheitsgefährdende Stoffe wie Captan oder Thiacloprid.

Zwei weitere Messstandorte befanden sich bei Bio-Betrieben im mittleren Vinschgau. Dort wurden von insgesamt 29 untersuchten Wirkstoffen 20 in der Luft gemessen. Die Belastung war um ein Vielfaches höher als in Mals. «Unsere Ergebnisse zeigen, wie schwer die Bedingungen für Bio-Betriebe im Umfeld der intensiv bewirtschafteten konventionellen Apfelplantagen sind. Auch die Anwohnerinnen und Anwohner sowie Feriengäste sind in der direkten Umgebung der Plantagen nachweisbar Belastungen ausgesetzt», schreibt Karl Bär, Referent für Agrarpolitik beim Umweltinstitut und Leiter des Messprojekts.

Unkontrollierbare Pestizide

Mals hatte sich im Jahr 2014 als europaweit erste Gemeinde in einem Referendum für ein kommunales Pestizidverbot entschieden. Nach einem Gerichtsurteil im vergangenen Jahr darf aber auch im Malser Gemeindegebiet vorläufig weiter gespritzt werden. Die Ergebnisse der Luftmessungen dürften die Diskussionen um den Schutz von Bevölkerung und Umwelt aber wieder anheizen.

Die Messungen beweisen, dass Pestizide aus der Landwirtschaft sich unkontrolliert über die Luft verbreiten können. «Sechs Wirkstoffe haben wir noch auf über 1600 Höhenmetern in einem Seitental gefunden, mehrere Kilometer von den nächsten Obstplantagen entfernt», erklärt Bär.

Die Ergebnisse bestärken Bürgermeister Ulrich Veith in seinem Kampf gegen den Einsatz von Pestiziden. «Als Bürgermeister bin ich für die Gesundheit der Bevölkerung verantwortlich», sagt er. Für den Familienvater ist klar: Pestizide haben auf öffentlichen Plätzen, auf Kinderspielplätzen und schon gar nicht in der Luft etwas zu suchen. «Meiner Meinung nach gibt es hier nur einen sinnvollen Grenzwert und der ist null», betont Veith.

«Es gibt hier nur einen sinnvollen Grenzwert und der ist null.»
Ulrich Veith, Bürgermeister Mals

Zu lasches Zulassungssystem

Bär kritisiert die europäische Politik, welche vor allem wirtschaftliche Interessen unterstützt. «Die Regeln, die beim Spritzen beachtet werden müssen, verhindern nicht, dass sich die Mittel in der Luft verbreiten», sagt er. Und es gebe auch keine systematische Messung der Luftbelastung durch die Behörden. «Der einzige Weg, um konsequent zu verhindern, dass unsere Gesundheit und die Umwelt weiter belastet werden, wäre es, keine gefährlichen Pestizide mehr einzusetzen», meint auch der Experte.

Das Zulassungssystem der EU mache heute unrealistische Annahmen über deren Verbreitung und ignoriere die Dauerbelastung. Und es ignoriere auch den sogenannten Cocktaileffekt, durch den eine Kombination verschiedener Substanzen gefährlicher sein kann als der jeweilige Einzelwirkstoff.

Die Münstertaler sind besorgt

Für Bürgermeister Veith bieten die jüngsten Messergebnisse der Luftqualität im Vinschgau jetzt die Chance, endlich etwas radikal zu ändern. «Wir in Südtirol sind sehr gut organisiert und haben sehr gute Strukturen, wir verfügen über exzellente Dienstleister und könnten viel früher als viele andere die notwendigen Schritte für den flächendeckenden biologischen Landbau in Südtirol gemeinsam einleiten», meint er.

In der nahe gelegenen Val Müstair werden die Ergebnisse der jüngsten Messungen im Vinschgau mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. «Bei uns in der Val Müstair gab es solche Messungen bisher noch nicht», informiert David Spinnler, Geschäftsführer des Naturparks Biosfera Val Müstair. Der Naturpark habe jetzt die Messdaten aus dem Vinschgau an das Amt für Natur und Umwelt (ANU) weitergeleitet – mit der Frage, ob man solche Messungen nicht auch in der Val Müstair machen sollte.

«Als Naturpark und Teil des Unesco Biosphärenreservats Engiadina Val Müstair und mit einer Landwirtschaft, die zu 80 Prozent biologisch ist, machen uns die Resultate aus Mals grosse Sorgen», meint Spinnler. Dies auch im Hinblick darauf, dass die Biodiversität nachweislich unter dem Einsatz von Pestiziden leidet. Wo Pestizide im grossen Stil gespritzt werden, verschwinden Bienen und Insekten nach und nach. Ein Schwerpunkt für die nächsten Jahre sei zudem, mehr Biodiversität zu schaffen, um den Insekten möglichst gute Lebensbedingungen bieten zu können.

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