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Bei dem warmen Wetter leiden die Allergiker wieder

Der Temperaturanstieg in den letzten Tagen hat die Haselblüte im Linthgebiet vorangetrieben. Dass sich die Blütenkätzchen immer früher entwickeln, entspricht einem Trend: In den letzten 35 Jahren hat sich der Beginn der Haselblüte um ganze 20 Tage nach vorne verschoben.

Dienstag, 19. Februar 2019, 16:24 Uhr Heuschnupfen
Vorboten des Frühlings: Die Hasel blüht durch die milden Winter tendenziell immer früher.
Bild Markus Timo Rüegg

Kaum sind die letzten Kältetage überstanden, beginnt es in den Augen zu jucken. Was absurd klingt, ist Realität: Aus allergietechnischer Sicht ist bereits der Frühling ausgebrochen. Der Grund liegt im sprunghaften Anstieg der Temperatur. Diese lässt die Blütenkätzchen der weit verbreiteten Haselsträucher förmlich explodieren. In der Folge werden Allergiker von den Haselpollen überrascht. Denn eben noch waren es Grippe- und Erkältungsviren, welche die Nasen zum Laufen gebracht haben.

«In sehr milden Wintern ist es schon vorgekommen, dass die Haselsträucher bereits im Dezember blühen.»
Christoph Leser, Allergologe

«Ja, die Haselpollen-Allergiker kommen immer früher im Jahr in die Praxis», bestätigt Allergologe Christoph Leser. Der in Rapperswil-Jona praktizierende Spezialist beobachtet diese Tendenz bereits seit einigen Jahren. Den exakten Beginn der Haselpollen-Saison festzustellen, sei nicht ganz einfach, da die Messstationen von Meteo Schweiz zwischen Oktober und Dezember gar keine Pollenmessungen durchführen. «In sehr milden Wintern ist es schon vorgekommen, dass die Haselsträucher bereits im Dezember blühen.» Neben privaten Messstationen, die ihre Daten teilweise auf Internetseiten publizierten, sei der Körper «der beste Sensor», sagt Leser.

Noch früher als die Hasel sei nur noch die kaukasische Erle. «Diese wird seit einiger Zeit gerne in Städten angepflanzt und reizt die Baumpollenallergiker», erklärt der Allergieexperte. Baumpollenallergiker sind jene, die im Frühjahr auf Hasel-, Erlen- und Birkenpollen allergisch reagieren. Die Pollen der kaukasischen Erle würden sich zudem mit jenen der Hasel vermischen, weiss Christoph Leser.

Warme Winter fördern die Hasel

Auch der Rapperswiler Apotheker Philippe Stoffel von der gleichnamigen Apotheke verkaufte bereits im Januar zahlreiche Antihistaminika. «Bereits seit einigen Jahren beginnt die Allergiesaison immer früher.» Es gäbe auch Kunden, die schon im Dezember ihre Allergie-Medikamente bestellten.

Dass die Haselsträucher immer früher blühen, bestätigt das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie: «Wir stellen eine Verfrühung des Haselblühbeginns und damit auch des Beginns der Haselpollensaison fest», sagt Regula Gehrig von Meteo Schweiz.

Im Zeitraum von 1982 bis 2016 habe sich der Beginn der Haselpollensaison um 20 Tage verfrüht. Diese Aussage stützt sich auf Daten der Pollenmessstationen Basel, Zürich und Neuenburg. «Der frühere Blühbeginn der Hasel hängt mit der Zunahme der Wintertemperaturen im selben Zeitraum zusammen», erklärt Gehrig. «Je höher die Temperatur ist, umso schneller entwickeln sich die Blütenkätzchen der Hasel, und umso früher blühen sie.»

Neben dem immer früheren Blühbeginn macht den Allergikern auch die Umweltverschmutzung zu schaffen: «Gerade in den Städten sind immer mehr Russpartikel von Motoren in der Luft. Dieses setzen sich dann auf den Haselpollen fest», erklärt Allergologe Christoph Leser. Durch das Festsetzen dieser Partikel würden die Baumpollen «gestresst» und geschädigt.

Die Folge: Aus dem Inneren der Pollen dringen andere Stoffe nach aussen und verstärken den Allergieeffekt beim Menschen. «Wenn wir es im Winter auch noch mit Smog zu tun haben, ist diese Potenzierung besonders stark, da sich die Luftmassen nicht mehr mischen», sagt Leser. Anders gesagt: Die Umweltverschmutzung verstärkt die Heuschnupfen-Symptome.

Höhere Belastung in der Stadt

Diese Entwicklung beschäftigt auch die Lungenärzte zunehmend: «Weil die Russpartikel die Pollen zerstückeln und damit immer kleiner werden, können sie tiefer in die Lunge eindringen», erklärt Christoph Leser. Dadurch litten Allergiker auch häufiger an Asthma. Das Paradoxe: Bereits kleine Mengen an Pollen werden in den Städten durch die Schmutzpartikel derart potenziert, dass Allergiker in St. Gallen stärker leiden als beispielsweise im ländlichen Amden.

Manchmal könnten sich auch Heuschnupfen- mit Grippe-Symptomen vermischen, erklärt Leser. «Gerade in diesem Jahr, in dem die Grippewelle später unterwegs ist als gewöhnlich.» Dennoch lasse sich eine Grippe klar abgrenzen von Heuschnupfen: Eine Grippe löse Fieber und Schüttelfrost aus. Zudem sei der Husten stärker als bei Heuschnupfen-Betroffenen. Allergiker seien aber anfälliger für Grippe oder Erkältung, da die Schleimhäute bereits entzündet sind, resümiert Leser. «Daran haben die Grippeviren Freude und setzen sich gerne ab.»

Gegen die lästigen Allergiesymptome helfen nebst Antihistaminika sogenannte Desensibilisierungstherapien. «Bei diesen werden dem Körper in möglichst hohen Dosen die betreffenden Allergene in das Unterhautfettgewebe gespritzt oder als Schmelztablette unter die Zunge gelegt», erklärt Christoph Leser. Auf diese Weise können die Pollenallergene direkt in die Schleimhaut aufgenommen werden, und der Körper wird Schritt für Schritt abgehärtet.

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