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Blick hinter interessante Gesichter

Im vergangenen Jahr hat Fotograf Sasi Subramaniam Menschen aus dem Glarnerland auf eine besondere Art porträtiert. Ein Rückblick und ein Ausblick auf ein baldiges Wiedersehen mit seinen «Glarnern 2018».

Marco
Lüthi
Samstag, 12. Januar 2019, 08:11 Uhr «Glarner18»

Nicht weniger als 45 Glarner hatte Fotograf Sasi Subramaniam im vergangenen Jahr für die multimediale Serie vor der Linse. Mit seinen Bildgeschichten erzählte er aus dem Leben jener Glarner, die ihn beeindruckt haben. Die eigentliche Rolle des Erzählers überliess er aber den Porträtierten selbst. Durch die hinzugefügte Tonaufnahme ihrer Stimme erhielt das Porträt eine zusätzliche, persönlichere Ebene.

Nach einem Jahr blickt die «Südostschweiz am Wochenende» gemeinsam mit dem 44-jährigen Molliser auf seine «Glarner 2018» zurück, die übrigens bald in der Landesbibliothek in Glarus zu sehen sind.

Die Suche nach dem Speziellen

«Die Herausforderung? Ganz klar, die interessanten Personen zu finden», meint Sasi Subramaniam. Ob sie berühmt oder beruflich erfolgreich sind, ist dem Fotografen überhaupt nicht wichtig. Er sucht das Spezielle, das ihn fasziniert. Wie etwa das Handwerk eines Kuhfriseurs, welches Marco Krieg bestens beherrscht. «Es ist unglaublich, wie er das macht. Er weiss ganz genau, wie er die Schermaschine einsetzen muss», so Subramaniam, der nach wie vor von der Arbeit des 24-Jährigen beeindruckt ist. Der gelernte Landwirt betreibt das sogenannte Kuhfitting nebenberuflich und ist einer von wenigen professionellen Kuhfriseuren in der Schweiz.

Der ganz besondere Moment

Als Subramaniam die Hebamme Helene Creo porträtierte, durfte er sie bei einer Hausgeburt begleiten. Während drei Wochen wartete er auf den entscheidenden Anruf. Anfang Juli, kurz nach Mitternacht, kam er. Von 1 Uhr bis um 5 Uhr dokumentierte er mit der Kamera die Geburt der kleinen Stefanie Lina. «Für mich als Aussenstehender war es ein grosses Privileg und ein Vertrauensbeweis, dass ich bei diesem intimen Moment dabei sein durfte», so Subramaniam. So nah dran wie in Oberurnen war der Molliser bei einer Geburt bislang noch nicht, nicht mal bei der seiner beiden Kinder, wie er gesteht. Und fügt lachend an: «Danach stand ich etwas unter Schock.»

Das Gesicht zur Stimme

In Mollis hallen regelmässig Jodel-Klänge durchs Dorf – jeweils pünktlich zur Znünizeit. Wer mit glockenklarer Stimme jodelt, fragte sich in Mollis so mancher. Auch für den «Südostschweiz»-Fotograf bleibt der Jodelgesang in seinem Wohnort nicht unbemerkt. «Ich war fasziniert von diesen besonderen Klängen, die ich als melancholisch empfand.» Irgendwann sagte seine Frau zu ihm: «Du musst diesen Menschen unbedingt finden und porträtieren!» Was er auch tat. Seit vier Jahren hängt sich Richi Bamert ob Mollis in die Äste einer alten Tanne und jodelt los. Dabei hat er stets die Augen geschlossen. «Das Echo löst bei mir Glücksgefühle aus», erzählte der ehemalige Bergbauer dem Fotografen.

Der Aufmarsch der Fridolins

Der 6. März ist der Tag des Glarner Landespatrons Fridolin. Daher treffen sich am «Fridlistag» alle, die Fridolin, Frigg, Fritz, Frido oder Fredo heissen. Das jährliche Treffen im Näfelser «Steinbock» wird vom Fridlibund organisiert, der seit 30 Jahren existiert. Beim Jubiläum war für ein Mal ein Nicht-Fridolin dabei – Fotograf Sasi Subramaniam. Er machte an dem Abend Porträtbilder von rund 20 Fridolinen, unter anderem auch vom Jüngsten. «Das war beeindruckend, dass so viele mit demselben Vornamen an einem Ort zusammen kommen. So etwas habe ich bis dahin noch nie erlebt.»

Das Drei-Minuten-Shooting

Am Flughafen in Zürich muss plötzlich alles sehr schnell gehen. Es ist kurz vor 16:30 Uhr. In gut 40 Minuten hebt Swiss-Pilot Thomas Blaser mit der Langstreckenmaschine ab. Doch zuvor will Sasi Subramaniam noch zum Abschluss des Besuchs in Zürich den Piloten aus Mollis an seinem eigentlichen Arbeitsplatz fotografieren. «Weil der Weg zum Gate sehr weit war, erreichte ich das Flugzeug äusserst knapp», erinnert sich Subramaniam. «Im Cockpit sagte er zu mir: ‹Sasi, du hast zwei Minuten!›; vor dem Flugzeug war es dann nur noch ‹eine Minute!›» Der Zeitdruck hat sich im Nachhinein als positiv herausgestellt. Fast alle Bilder für den Beitrag in der «Südostschweiz am Wochenende» entstanden in den drei Minuten.

Der Bart aus Ton

Kreative Geistesblitze hat Sasi Subramaniam bei seiner täglichen Arbeit als «Bildkomponist» hin und wieder. «Meistens wenn ich vor Ort bin», erklärt der Molliser Fotograf. Im vergangenen Juni besuchte er für die Porträtserie Allam Fakhour in seinem Atelier in Näfels. Der Künstler aus Syrien malt dort Bilder und schafft Skulpturen aus Ton. «Als ich die Tonmasse sah, fragte ich ihn, ob er daraus nicht was für ein Foto basteln könnte.» Fakhour kreierte daraufhin Augenbrauen und einen Bart, die er sich ins Gesicht klebte. Für ein anderes Foto bemalte der 40-jährige Syrer mit den Fingern das Gesicht. Dabei verwendete er Ölfarbe, mit der er auf der Staffelei im Hintergrund an seinem jüngsten Gemälde arbeitete.

Der Hinweis eines Blinden

Am meisten Eindruck machte dem Fotografen der Besuch bei Fritz Bolliger in Glarus. Bolliger ist Physiotherapeut und seit Geburt blind. «Er hat eine eigene Praxis, ist Schachmeister und spielt erfolgreich Torball», sagt Subramaniam voller Ehrfurcht vor dessen Leben. Aber auch Bolligers Lebenseinstellung imponierte dem Fotografen: «Er kennt keine Hindernisse und denkt immer positiv.» Auf dem Weg von Bolligers Praxis zur Zaunturnhalle, wo dessen Torballverein trainiert, fotografierte Sasi Subramaniam ebenfalls. Denn Bolliger bewegt sich in Glarus meistens alleine, wodurch er alle Orte kennt, an denen er besonders gut aufpassen muss. Aber noch viel mehr: Als ihm der Fotograf sagte, er soll doch für ein Foto kurz anhalten, meinte der Blinde zu ihm: «Der Hintergrund ist hier nicht gut.» «In diesem Moment war ich völlig perplex, denn es stimmte wirklich!»

Der Blick in die Seele

Das Markenzeichen von Subramaniams Serie sind die Porträtaufnahmen, in denen die Protagonisten frontal in die Kamera schauen. Durch die unmittelbare Nähe ist es, als blickte man durch die Gesichter direkt in deren Innerstes. «Damit ein solches Bild gelingt, braucht es Zeit und vor allem Vertrauen», sagt Subramaniam. Aus diesem Grund nimmt er die Porträts jeweils am Ende eines Besuchs auf. Dies wird er auch in diesem Jahr tun, wenn er seine «Glarner 2019» porträtiert.

Die Ausstellung

Ab kommenden Freitag, 18. Januar, zeigt Sasi Subramaniam in der Landesbibliothek in Glarus alle Porträtaufnahmen, die 2018 Teil der multimedialen Serie waren. Der 44-jährige Fotograf vereinte Bilder, Videosequenzen und Ton, um auf diese besondere Weise Glarner vorzustellen, die ihn persönlich beeindrucken. Die Ausstellung der «Glarner 2018» kann während den Öffnungszeiten der Bibliothek bis am 3. März besucht werden.

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