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Boykott im neuen Jahr

Musiker, Autor und Kolumnist Frédéric Zwicker hat die Nase voll von Gemüse, die über den halben Erdball verfrachtet werden, bis sie bei uns im Supermarktregal landen.

Linth-Zeitung
Dienstag, 08. Januar 2019, 04:30 Uhr Der Zwicker
Kolumnist Frédéric Zwicker über Gemüse, auf das er im neuen Jahr verzichten will.
PRESSEBILD

von Frédéric Zwicker

Dass die Avocado auch gesund ist, wusste ich lange nicht. Als ich lernte, dass kaum eine andere Frucht so viel Wertvolles liefert wie eben sie – ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe – freute ich mich natürlich. Denn die Avocado war wirklich eine meiner grössten Lieben im Lebensmitteluniversum.

Sie müssen sich meine Begeisterung vorstellen, als ich im Frühjahr 2014 in Uganda war und mir ein erstes Mal eine Avocado aufgetischt wurde. Die sind dort gut doppelt so gross wie jene aus Lateinamerika, die wir hier kaufen können. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Und natürlich schmecken sie – wie alle Früchte und Gemüse – im Herkunftsland viel besser, als wenn sie nach Tausenden Flug- oder Schiffskilometern in den Schweizer Läden landen.

Inzwischen weiss man, dass die Produktion von einem Kilo Avocados in ohnehin trockenen Ländern 1000 Liter Wasser verschlingt, dass dafür Regenwald abgeholzt wird und dass Drogenkartelle vom Geschäft mit der Frucht profitieren. Natürlich kann man sagen, ein Kilo Rindfleisch verbrauche 15 000 und dieselbe Menge Röstkaffee gar 21 000 Liter. Aber das macht die Avocado nicht besser. Das macht bloss Rindfleisch und Kaffee schlechter.

Natürlich gibt es immer noch Klimaerwärmungsskeptiker. Donald Trump ist einer von ihnen. Aber will man einem Präsidenten, der in den ersten 700 Tagen seiner Amtszeit nachweislich 7546 Falschaussagen von sich gegeben hat, mehr Glauben schenken als der überwältigenden Mehrheit der Klimawissenschaftler, die sich tatsächlich mit dem Klimawandel befassen?

«Was mich noch mehr entgeistert, ist aber der tägliche Besuch von Migros, Coop und Co.»

Diese Wissenschaftler prognostizieren eine düstere Zukunft. Die Meeresspiegel werden ansteigen, bereits trockene Landstriche werden komplett austrocknen. Experten rechnen in den kommenden Jahrzehnten mit gigantischen Flüchtlingsströmen, die insbesondere nach Europa fliessen werden, weil der Mensch hier noch etwas länger überleben können soll als in vielen anderen Erdteilen.

In der Schweiz war im letzten Jahr jedes zweite neu zugelassene Auto eines mit 4x4-Antrieb. Die meisten davon sogenannte SUV, also besonders umweltschädigende Vehikel. Was mich noch mehr entgeistert, ist aber der tägliche Besuch von Migros, Coop und Co. Und da geht es nicht speziell um die Avocado. Die steht aktuell einfach gerade im Scheinwerferlicht. Dabei ist das Allermeiste, was in den Frucht- und Gemüseabteilungen ausliegt, importiert. «Herkunft siehe Verpackung», heisst es oft.

Jetzt weiss man doch eigentlich schon ziemlich lange, dass lokal und regional Produziertes in jeder Hinsicht besser ist für Mensch und Umwelt. Sowohl Öko-Hipster als auch Nationalisten und Rassisten müssten importierte Lebensmittel verschmähen. Wieso zur Hölle sind unsere Läden trotzdem voll von solchen Produkten? Wollen wir den Kram nicht boykottieren? Sie und ich, wir alle zusammen? Doch, ich denke, das sollten wir durchaus wollen.

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