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Immer hinter dem Ball her

Marc Elmer ist vor anderthalb Jahren mit dem Gleitschirm abgestürzt und sitzt seither im Rollstuhl. Er hat sich mit seinem neuen Leben arrangiert und sich in kurzer Zeit ins Nachwuchs-A-Kader der schweizerischen Parabadminton-Nationalmannschaft gespielt.

Südostschweiz
Samstag, 01. Dezember 2018, 01:00 Uhr Zukünftiger Nati-Spieler?
Viel fehlt nicht mehr: Marc Elmer will die nationale Spitze bei den Parabadminton-Spielern angreifen.
SASI SUBRAMANIAM

Mit kraftvollen Stössen bewegt Marc Elmer seinen Sportrollstuhl in der Lintharena in Richtung des Shuttles. Locker aus dem Handgelenk spediert er den Ball über das Netz. Rollt nach vorn, zurück, er streckt sich, als ob er sein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Für den Fototermin mit der «Südostschweiz» stelle ich mich als Sparringpartner zur Verfügung, zu Fuss. «Du kannst schon voll spielen», ruft mir Elmer über das Netz zu.

Marc Elmer trainiert mit der Nationalmannschaft im Badminton bei den Paraplegikern und spielt drei- bis viermal wöchentlich. Scheinbar spielerisch holt er – beinahe – jeden Shuttle und zwingt mich zum Laufen. Eindrücklich.

Einen fatalen Fehler gemacht

Vor anderthalb Jahren hat Badminton für den 29-Jährigen noch keine Rolle gespielt. Bis sich sein Leben am 25. Mai 2017 schlagartig ändert. Er «rennt», wie er selber sagt, auf das Hirzli, um von dort mit dem Gleitschirm ins Tal zu fliegen. Näfels wird er aber nicht per Gleitschirm erreichen, sondern Zürich im Rega-Helikopter.

Marc Elmer hebt seit fünf Jahren mit dem Gleitschirm ab, hat diverse Flüge hinter sich, auch auf sportlichem Niveau. «Man durfte mich als erfahrenen Gleitschirmflieger bezeichnen. Ich war jede freie Minute am Fliegen.»

Der gebürtige Oberurner kommt gut vom Start weg, «die Thermik setzte kurz darauf ein, und ich gewann etwas an Höhe, was grundsätzlich gut ist. Für diesen Schirm war es viel.» Elmer benutzt einen kleineren und leichteren Gleitschirm als üblich, einen, den er zuvor noch nie getestet hatte. «Ich wollte korrigieren und daher eine Kurve fliegen. Das macht man eigentlich immer vom Hang weg, ich war mir sicher, dass die Thermik länger einsetzte.» Ein Irrtum. Hätte er anders reagiert, wäre er wie ein Stein zu Boden gefallen, «dann wäre ich sicher tot gewesen».

Bei vollem Bewusstsein

So rast Marc Elmer mit rund 60 Stundenkilometern und den Beinen voran in den Hang hinein. Er bricht sich beide Fussgelenke und den ersten Lendenwirbel. «Ich war bei vollem Bewusstsein und habe sofort gemerkt, dass im Rücken etwas nicht stimmte.»

Nur sieben Minuten nach dem Unfall wird Elmer ins Unispital nach Zürich geflogen, dort wird er untersucht und einer siebenstündigen Notoperation unterzogen. Diagnose: inkomplette Querschnittlähmung. «An die ersten zwei Tage im Spital kann ich mich kaum noch erinnern, ich war mit Medikamenten vollgepumpt», blickt er zurück. «Die Ärzte sagten damals zu mir: Wäre ich nicht so gut trainiert gewesen, wäre ich vermutlich tot.»

Er verleugnet die Verletzung

Für Elmer zeichnete sich nach zwei Tagen ein Silberstreifen am Horizont ab. Er hatte wieder Gefühl in den Beinen. «Die Freude war riesig.» Die Ärzte hingegen sprachen noch immer von einer Querschnittlähmung, er werde nie mehr laufen können. «Ich habe ihnen jeweils geantwortet, sie sollten still sein.» Weil er seine Beine spürte, wollte er sich mit dem Gedanken einer Querschnittlähmung nicht anfreunden. «Ich bin ein positiver Mensch und dachte, es sei eine Momentaufnahme und bessere wieder.»

Elmer war aber massiv schwerer verletzt, als er sich zu diesem Zeitpunkt eingestehen wollte. Auch seine Füsse wurden beim Unfall arg in Mitleidenschaft gezogen. Kurz darauf entzündeten sie sich. Durch die vielen Antibiotika versagte seine Niere zudem beinahe, sie arbeitete nur noch zu 19 Prozent «Es wurde sogar von einer Amputation der Füsse gesprochen. Da ging es mir ziemlich schlecht, und es kam der Gedanke auf: Was soll ich in diesem Zustand noch auf dieser Welt?»

Es besteht Hoffnung

Alles Schnee von gestern: Rund 18 Monate nach dem Unfall fühlt sich Marc Elmer sehr gut und strahlt dies auch aus. Der bodenständige junge Mann erzählt nüchtern vom Unfall und dem langen Aufenthalt im Paraplegiker-Zentrum Nottwil. «Es war nicht immer einfach und ein langer Weg zurück ins Leben, mittlerweile habe ich mich mit der Situation zurechtgefunden.» Und vor allem: «Eigentlich müsste ich tot sein. Ich sehe es daher positiv, ich hatte Glück im Unglück.»

Es geht stetig aufwärts, mit Krücken kann er etwa 50 Meter gehen. Hilfreich speziell dann, wenn wieder einmal der Lift in seinem neuen Heim in Näfels streikt. «Aber laufen ist brutal anstrengend. Es bringt mir derzeit schlichtweg nichts. Der medizinische Fortschritt in der Paraplegie ist aber gross.»

Die Hoffnung, wieder gehen zu können, hat Elmer daher nicht aufgegeben. Er will sich aber nicht zu stark darauf fixieren. Es ist ihm viel wichtiger, den Alltag selbstständig zu bewältigen, im Arbeitsprosses wieder Fuss zu fassen – Elmer arbeitet bei einer Baufirma in einem 40-Prozent-Pensum auf dem Büro – und die Freude am Leben wiederzugewinnen.

Die Paralympics sind das Ziel

«Ich war schon immer ein sportlicher Typ. Es war klar, dass ich auch im Rollstuhl Sport treiben will.» Bereits bei seiner ersten Turnier-Teilnahme im Parabadminton in Dublin gewann er zwei Spiele. Kurz darauf in Dänemark stand er zum ersten Mal auf dem Podest. «Ich bin sehr ehrgeizig und ein Wettkampftyp.» So war seine Enttäuschung riesig, als er nicht für die Europameisterschaften aufgeboten wurde. «Ich dachte mir: Dann halt nicht, ich kanns nicht ändern. Nun arbeite ich auf die Weltmeisterschaften 2019 hin.»

Nur ein Jahr später sind die Paralympischen Spiele. «Nein, das ist noch zu früh», winkt Elmer ab, um sogleich eine Kampfansage zu machen: «Das Ziel sind die Spiele 2024 in Paris.» Bei Elmers Ehrgeiz ist ihm dies durchaus zuzutrauen.

Dies kriege auch ich zu spüren, mittlerweile mit der einen anderen Schweissperle auf der Stirn. Nach einer Viertelstunde als Sparringpartner muss ich weichen, eine Klubkollegin des BC Linth nimmt meinen Platz ein. «Jetzt zeige ich euch, wie es richtig geht», sagt er scherzhaft. Was Elmer zeigt, sieht schon beinahe olympisch aus.

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