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Das Schmuckstück

Esther Rüthemann ist Seelsorgerin in Rapperswil-Jona. Dass sie eine Affinität zu Messern hat, hat mit ihrer Herkunft zu tun.

Linth-Zeitung
Freitag, 30. November 2018, 21:05 Uhr Wie jede Woche
Sie liebt scharfe Messer und manchmal auch scharfe Worte: Seelsorgerin Esther Rüthemann mit ihrem Wetzstahl.Elvira Jäger

Das Gespräch führte Elvira Jäger

 

Ihr Schmuckstück sieht ziemlich martialisch aus. Was ist das?

 

Das ist ein Wetzstahl oder einfach ein Stahl. Den brauche ich, um Messer zu schärfen.

Von einer katholischen Seelsorgerin hätte ich nicht erwartet, dass sie mit einem solchen Gerät zum Gespräch erscheint.

Ich hätte natürlich auch den wunderschönen alten Rosenkranz mitbringen können, den ich von meiner Grossmutter bekommen habe. Aber ich wollte nicht unbedingt etwas Frommes als Schmuckstück präsentieren.

Warum sind Sie ausgerechnet auf den Stahl gekommen?

Ich habe Koch gelernt, und dieser Beruf ist mir heute noch wichtig. Der Stahl verweist aber auch auf meine Herkunft. Ich komme aus einer Metzgersfamilie. Mein Onkel, von dem ich dieses Schmuckstück habe, ging mit drei Ausbeinlern und diesem Wetzstahl ins Altersheim. Er wollte abends einen Cervelat essen können. Er war nie verheiratet und hat bei seiner Mutter gelebt. Als er ins Altersheim musste, nahm er dann seine liebsten Gegenstände dorthin mit. Diese Geschichte hat mich immer fasziniert.

Sie hatten also eine besondere Beziehung zu diesem Onkel?

Ja, Köbi war der Bruder meines Vaters und für mich immer ein Vorbild. Er war ein einfacher Metzger, hat aber beispielsweise Annalen für das Dorf Bütschwil geschrieben, wo ich aufgewachsen bin. Er war ein zufriedener Mann, der jeden Abend einen Cervelat ass und dazu einen Zweier Kalterer trank. Da hatte er seine Prinzipien.

Können Sie uns Ihr Schmuckstück kurz beschreiben?

Der Stahl ist nicht neu, er hat einige Gebrauchsspuren. Das macht ihn für mich erst recht zu einem Schmuckstück. Ausserdem sind auf dem Griff die Initialen meines Onkels eingraviert. Als er ins Altersheim zog, hatte es in seiner Schublade zahlreiche Messer und Stahle, auch neuere und schönere, die er dann weggab. Ich aber wollte unbedingt diesen.

Benutzen Sie den Stahl regelmässig?

Ja, er hat einen festen Platz in meiner Küche. Ich koche viel und gerne, auch für Gäste, und benutze dafür immer noch meine Messer aus der Ausbildung. Ich schärfe sie regelmässig mit diesem Stahl. Es gibt ja nichts Elenderes als ein stumpfes Messer. Wenn ich den Stahl ein paarmal zum Wetzen verwendet habe, muss er jeweils zu einem richtigen Messerschleifer, also zu Elsener in der Altstadt.

Haben Sie auch noch andere Gegenstände, die Sie an Ihre Familie erinnern?

Ja, eine alte Aufhängevorrichtung für Küchengeräte sowie ein paar Glasschubladen für den Küchenschrank. Sie erinnern mich an meine Grossmutter, zu der ich ebenfalls eine enge Beziehung pflegte. Der Stahl ist mir jedoch von allen Erinnerungsgegenständen der liebste, und er hat auch eine gewisse symbolische Bedeutung.

Welche?

Er verweist auf meine Herkunftsfamilie, die Rüthemanns. Da gehöre ich hin, dieser Name gehört zu mir. Ich werde diesen Namen immer behalten, auch wenn ich heirate. Dazu kommt: Ich sage auch gerne mal etwas Scharfzüngiges, wenn mir etwas wichtig ist.

Seelsorgerin und Pilgerin
Die Toggenburgerin Esther Rüthemann wurde 1972 geboren und ist seit 15 Jahren als Seelsorgerin in der Seelsorgeeinheit Rapperswil-Jona tätig. Bekannt wurde sie auch als Jerusalem- und Rom-Pilgerin. Über die grosse Pilgerreise «Kirche mit* den Frauen» von St. Gallen nach Rom, 2016, an der Esther Rüthemann massgeblich beteiligt war, erscheint demnächst ein Buch. (jä)

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