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Wo der Papst auf die Bule trifft

Corina Gerster, aufgewachsen in Benken, hat zuletzt in Rapperswil-Jona gelebt. Anfang Jahr hat sie ihre Zelte abgebrochen und bereist die Welt, um Land und Leute kennenzulernen. Darüber berichtet sie in ihrer wöchentlichen Kolumne.

Linth-Zeitung
Freitag, 12. Oktober 2018, 04:31 Uhr Kolumne «Quer durch die Welt»
Die – vor allem im Vergleich zum Wohnhaus – übergrossen, gepflasterten Gräber sind auf den ersten Blick doch etwas ungewöhnlich.
CORINA GERSTER

von Corina Gerster

Wir befinden uns heute etwas östlich von Sumbawa, auf Flores. Irgendwas ist hier anders – nicht die Sprache, nicht das Essen und nicht die Natur. Es sind die Kreuze, die allgegenwärtig das Landschaftsbild prägen. Jap, Kruzifix-Chrüz. Solche hab ich jetzt doch ein Weilchen nicht mehr gesehen. Schnell bestätigt die Omnipräsenz an Nonnen, Kirchen und Grabsteinen den Verdacht auf Katholizismus. Der Papst ziert jeden zweiten Handyhintergrund. Spätestens jetzt ist klar, dass hier einst wie wild missioniert wurde.

Überhaupt stehen die ersten Eindrücke auf Flores unter dem Motto «Religion». In Maumere lädt unser Gastgeber, Ignatius, nämlich am ersten Abend schon zur Erstkommunion seines Neffen ein. Die Erstkommunion wird auf Flores riesig gefeiert: Zig Verwandte, Bekannte und alles, was sonst noch Rang und Namen hat, sind mit von der Partie. Wir, die Bule, sitzen am Tisch mit den «wichtigen Männern» und müssen eine lächerliche Menge Arak-Shots trinken. Ebenfalls überraschend trinkfreudig und bemerkenswert alkoholresistent beweisen sich der Pater höchstpersönlich sowie ein Kandidat für die Gouverneurs-Wahlen. Nebenbei unterhalte ich mich mit Franziskus, Oscar, Victor, Otto und Gertrudis. Irgendwie scho bitz schräg, so Vornäme in Indonesie, nöd?! Zudem wird lautstark Karaoke gesungen, was mir fast ein taubes Ohr verschafft. Denn – ez ohni übertriibe – für diese Erstkommunion-Events werden aus etwa 16 riesigen Lautsprechern regelrechte Partywände aufgebaut. Der Pater hat bestimmt schon einen Tinnitus von all den Feierlichkeiten. Der Arme.

«Nei, nüt mit Poulet. Die Bule, das sind wir: Touristen. Der Begriff steht für Menschen mit heller Haut/Fremde.»

Am Morgen danach treffen wir den kreidebleichen Ignatius. Er muss sich erst von seinem Megakater erholen, schickt uns aber auf Entdeckungstour. Es dauert nicht lang und ich erspähe eine weitere Kuriosität: die Gräber. Die sind hier dann doch etwas ungewöhnlich. Statt zentral auf Friedhöfen, werden die Gräber direkt vor dem Haus installiert. «Grab» ist überhaupt sowieso das falsche Wort dafür, handelt es sich hier vielmehr um einen überdimensionalen Sarg. Plättlet, farbig und riesig. Das Skurrile daran: Man chillt, trinkt (Alkohol), isst, schläft oder spielt darauf. Der Sarg ist keine Ruhestätte, er ist Mittelpunkt des Alltags und wird in jegliches Zusammensein integriert. Eigentlich ganz schön, wemmer so drüber nahdenkt.

Und zum Schluss gibts noch eine Bahasa-Lektion. Der aufmerksame Leser hat sich vorhin vielleicht gefragt, was bitte denn ein Bule nun schon wieder sei. Nei, nüt mit Poulet. Die Bule, das sind wir: Touristen. Ursprünglich für «Albino», steht der Begriff heute für Menschen mit heller Haut/Fremde. Es ist auch keine Beleidigung! Eine junge Dame sagte mir direkt ins Gesicht, wie super happy sie sei, endlich eine Bule wie mich zu treffen. Trotzdem kann ich irgendwie nicht aufhören, dabei jedesmal an Güggeli zu denken. An Touristen in Güggeli-Form. Rollerfahrende Güggeli. Oje.

Kontaktieren Sie unsere Autorin zum Thema: redaktion@linthzeitung.ch

 

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