×
Kommentar

Vom Churer Bistum, das im Altertum verharrt

Oliver
Fischer
Mittwoch, 05. September 2018, 17:13 Uhr Kommentar
Bistum Hof Altstadt
YANIK BUERKLI/ARCHIV

Sie haben es wieder einmal getan: die Kirchenoberen des Bistums Chur haben – pünktlich zur Schweizer Bischofskonferenz in St. Gallen – ein Pamphlet veröffentlicht und ihren Ruf als besonders konservative Vertreter der Katholischen Kirche in der Schweiz zementiert.

Es ist Weihbischof Marian Eleganti, der sich zum Thema des sexuellen Missbrauchs innerhalb der Katholischen Kirche auslässt. Er deutet es kurzerhand zu einem Homosexuellen-Problem um. Weil in einem Report aus den USA steht, dass in den vergangenen 60 Jahren 81 Prozent der Opfer in Missbrauchsfällen männlich waren, müssen «folglich die überwiegende Mehrheit der Täter Homosexuelle sein».

Eleganti stellt einen Kausalzusammenhang her, den er willkürlich aus einer singulären statistischen Grösse herausliest, und er lässt es dabei auch noch so aussehen, als sei dieser Zusammenhang Teil des Reports. Für den Geschäftsführer von Pink Cross, René Schegg, ist diese Aussage keine Überraschung, vor allem aber einfach ein Ablenkungsmanöver, wie er gegenüber Radio Südostschweiz erklärte. Er ging noch weiter und sagte: «Das ist letztlich ein Angriff auf alle Homosexuellen.»

Mit ihrer Haltung stehen Eleganti und das Bistum Chur aber nicht nur gesellschaftlich ziemlich alleine da, sondern auch innerhalb der Katholischen Kirche in der Schweiz. Die Bischöfe der Bistümer Basel, Felix Gmür, und St. Gallen, Markus Büchel, distanzierten sich umgehend von Elegantis Ergüssen. Dessen Aussagen seien «das Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern», heisst es in einer gemeinsamen Erklärung.

In einem Interview mit der «Sonntagszeitung» sagte der Kanzler des Bistums St. Gallen, Claudius Luterbacher, am Wochenende, wer eine Verbindung zwischen Homosexualität und Missbrauch herstelle, lenke vom Thema ab. Es gehe «um Machtmissbrauch – und nicht um Homosexualität».

Die Churer Hirten sehen das aber offenbar komplett anders. Es gehe in der Kirche erwiesenermassen vorwiegend um homosexuelle Täter, schreibt Eleganti. Und: «Das Verschweigen dieser Tatsache ist eine weitere Form der Vertuschung. Wer immer diese Tatsache öffentlich ausspricht, wird diffamiert und als homophob psychopathologisiert.» Die Churer sehen sich offenbar als die Einzigen, die bereit sind, die Wahrheit auszusprechen, und bugsieren sich gleich auch noch die Opferrolle.

Die Bischofskonferenz hat anders entschieden. Sie verschärft den Umgang mit Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche. Künftig soll es in jedem Fall zu einer Anzeige bei der Justiz führen, wenn es Hinweise auf ein Offizialdelikt gibt, auch wenn das Opfer das nicht explizit wünscht. 

Dies gilt für Fälle, die noch nicht verjährt sind, wie der Vizepräsident der Bischofskonferenz, Felix Gmür, an einer Medienkonferenz der Bischofskonferenz in St. Gallen sagte. Nur die staatlichen Untersuchungsbehörden hätten die Mittel, um eine Untersuchung richtig durchzuführen, wenn nötig mit Zwangsmassnahmen.

Dass die Katholische Kirche insgesamt aber nach wie vor weit weg von progressiv in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext unterwegs ist, zeigen Aussagen von Papst Franziskus aus dem Jahr 2016, auf die sich auch Eleganti in seinem Schreiben bezieht. Papst Franziskus hält daran fest, «keine Männer, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder die sogenannte ‹homosexuelle Kultur› unterstützen, in Priesterseminare aufzunehmen.»

Alternativ könnte die Katholische Kirche natürlich auch versuchen, sich dem 21. Jahrhundert und den gesellschaftlichen Realitäten tatsächlich anzupassen. Statt noch weniger Menschen für kirchliche Ämter in Betracht zu ziehen zum Beispiel diese auch Frauen zugänglich zu machen. Oder den Zölibat abzuschaffen. Dann könnte man nämlich bei der Auswahl der Priester und Würdenträger ziemlich sicher seriösere Auswahlkriterien formulieren und zur Anwendung bringen als die Frage, ob jemand in privaten Moment eher an Jesus oder an Maria Magdalena denkt.

Kommentar schreiben

Kommentar senden

Was hat dies alles mit Mittelalter zu tun ?
Schliessen Sie denn aus, dass es homosexuelle Priester gibt ? Wenn nein, dann ist eigentlich naheliegend, dass sie beim Missbrauch von Knaben als Tätergruppe in Betracht fallen, nicht ausschliesslich, aber ebenfalls.

Ich schliesse überhaupt nicht aus, dass es homosexuelle Priester gibt und unter den Tätern auch solche mit homosexuellen Neigungen sind. Aber der Schluss, den Eleganti zieht - die Opfer sind männlich, also sind die Täter homosexuell und damit ist es kein Kirchen- sondern ein Schwulenproblem -, ist nicht nur falsch, sondern (mindestens) diskriminierend. Und die vorgeschlagene «Lösung» für das Problem, nämlich keine homosexuellen Männer (oder Männer, die Homosexualität akzeptieren, man stelle sich das mal vor) mehr an Priesterschulen zuzulassen, ist ebenfalls diskriminierend und entspricht nun mal einem Weltbild, das nichts mehr mit der Schweiz im Jahr 2018 zu tun hat.