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Ohne Seil die Wände hoch

Quergang Rapperswil-Jona ist ein junger Verein, der bereits Erstaunliches geschaffen hat. Dank Quergang kann in Rapperswil nach Herzenslust gebouldert werden – das ist Klettern auf eine besondere Art.

Südostschweiz
Dienstag, 10. Juli 2018, 04:30 Uhr Vereine der Region
Boulderer suchen mit Händen und Füssen an der Wand nach dem nächsten Halt – wer fällt, fällt auf eine weiche Matte.
BARBARA SCHIRMER

Um das notwendige Geld zusammenzu- bringen, legten sich die Blauring- mädchen mächtig ins Zeug.

Die Vereinsphilosophie von Quergang Rapperswil-Jona erklärt Vorstandsmitglied Salome Ziegler: «Unser Ziel war es, eine Boulderhalle in der Nähe zu haben, die wir möglichst unkompliziert erreichen.» Eineinhalb Jahre nach der Vereinsgründung bestätigt sich: Das Vorhaben ist geglückt. In Rapperswil wird gebouldert. Was heisst, es wird ohne Seil in Absprunghöhe geklettert. Obwohl draussen die Sonne scheint und das Thermometer längst sommerliche Temperatur anzeigt, trudeln nach und nach kletterbegeisterte Sportler in die Halle am Stadtrand von Rapperswil-Jona und schnüren die Kletterfinken. Wenig später hängen sie bereits an der viereinhalb Meter hohen Holzwand oder am überhängenden Vorsprung.

Zu ihnen zählt auch Dave Oesch. «Er hat von Freunden erfahren, dass wir dieses Projekt starten. Daraufhin hat er mit uns Kontakt aufgenommen und ganz unkompliziert bei den Bauarbeiten der Boulderhalle mitgeholfen», erinnert sich Salome Ziegler. Möglich machten dies die sozialen Medien. In diesen verbreitete der junge Verein sein Vorhaben erfolgreich. «Wir waren überwältigt von den Reaktionen. So wie Dave stiessen noch einige tatkräftige Helfer zu uns.» Längst sind die Bauarbeiten abgeschlossen und die Bergsportler nutzen die Kletterwand fürs Training. Der Fuss von Dave Oesch sucht Halt an einem kleinen Vorsprung. Kaum gefunden, greift die Hand nach oben und der ungesicherte Kletterer zieht sich flink an der senkrechten Wand empor. Im Hinterkopf stets das Bewusstsein, dass jeder Fehlgriff mit einem Absturz enden kann. Was in diesem Fall zum Glück lediglich eine Landung auf der dicken Matte bedeuten würde.

Der Spirit trieb voran

Nur gerade neun Monate dauerte es nach der Vereinsgründung, bis Quergang zur Eröffnung der Boulderhalle einladen konnte. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass der junge Verein nebst der Suche nach einem geeigneten Raum auch noch die Finanzierung sicherstellen musste. Ein Glücksfall war die ehemalige Vinora-Halle. Hier konnten sich die Boulderer einmieten. Auch die Finanzierung glückte in beeindruckendem Tempo. Salome Zieger fasst rückblickend zusammen: «Es war eine anstrengende Zeit. Doch es war gut, ging es voran. Da war dieser Spirit, der uns alle vorantrieb.»

Auf «Spirit» scheint Dave Oesch an der Kletterwand auch zu hoffen. Er gleicht einer Katze auf dem Absprung und wippt in der Hocke kauernd auf und ab. Soll er den Satz durch die Luft wagen? Diese Route scheint ihre Tücken zu haben. Die Kollegen treten hinzu und beraten, wie die Herausforderung gemeistert oder, im Fachjargon, «das Problem» gelöst werden kann. Alle Ratschläge helfen nichts, der Absturz auf die weiche Matte ist nicht zu umgehen. Wer bouldert, nimmt das in Kauf. «Es braucht manchmal mehrere Versuche, manchmal dauert es gar Tage, bis eine Route fertig geklettert werden kann», weiss Ziegler. Hilfreich in diesem Moment ist das Gespräch mit Kletterkollegen oder mit dem Routenschrauber. Das ist jene Person, welche die Route zusammengestellt hat. Im Quergang gibt es aktuell vier Personen, die das übernehmen. Alle paar Wochen kreieren sie neue Routen. So ergeben sich immer neue Herausforderungen und das Training bleibt abwechslungsreich.

Uneingeschränkt bouldern

Die Öffnungszeiten in der Boulderhalle sind unkompliziert. Wer hier trainieren möchte, der meldet sich bei einem der Vereinsmitglieder. Die weisen den Neuling ein, stellen einen Badge aus und schon erhält der Kletterfreund Zugang zum uneingeschränkten Boulderspass. Im Gästebuch trägt sich ein, wer bouldern war. «So haben wir in etwa einen Anhaltspunkt, wie ausgelastet die Kletterwände sind», erklärt Ziegler.

Eine Sitzecke lädt zum Verweilen ein und im Kühlschrank warten erfrischende Getränke auf die Sportler. Der Boulderraum soll gleichzeitig einen Austausch unter Kletterern der Region ermöglichen. Auch das scheint geglückt. Innert kürzester Zeit hat der Verein über 100 Jahreskarten verkauft. Mit diesem Einkommen sollen die Hallenmiete und die Materialneuanschaffungen gedeckt werden. Die Vereinsmitglieder selber haben sich nie etwas für ihren Einsatz ausbezahlt. «Unser Ziel war es, eine Boulderhalle in Rapperswil zu wissen. Nun freuen wir uns, wenn möglichst viele Gleichgesinnte zu uns bouldern kommen», fasst Salome Ziegler zusammen. Dann schwingt sie sich aufs Velo und radelt heim.

Interview mit Lukas Stoob:

Wieso bouldern Sie?

Ich kann leider nicht immer auf eine Bergtour gehen. Wetter und Zeit sprechen manchmal dagegen. Dann gehe ich bouldern. Hier in der Halle geniesse ich auch den Austausch mit Gleichgesinnten. Unglaublich, wie viele tolle Menschen ich kennengelernt habe, seit wir den Verein Quergang gegründet haben!

Wie oft sind sie im Quergang anzutreffen?

Ich trainiere bis zu drei Mal in der Woche. Ausserdem schraube ich noch Routen. Das heisst, ich zähle zu jenen vier Personen im Verein, die immer wieder neue Probleme erfinden, welche die Boulderer lösen müssen. Das ist eine kreative Arbeit, die mir enorm viel Spass bereitet.

Im Klettern sollen Männer und Frauen gleichgestellt sein. Stimmt das?

Beim Klettern werden Kraft, Technik, Beweglichkeit und mentale Stärke benötigt. Ein guter Kletterer weiss all diese Fähigkeiten gut zu kombinieren und entwickelt somit seinen Kletterstil. Alles Eigenschaften, welche Frauen und Männer gleichermassen trainieren können.

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