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Im Video: So unterhält ein Glarner Buschauffeur seine Fahrgäste

Bevor Buschauffeur Werner Feldmann die Wanderer von der Seilbahn im Kies nach Schwanden fährt, gibt er gerne ein Ständchen mit dem Alphorn.

Ueli
Weber
Samstag, 30. Juni 2018, 04:30 Uhr Alphornklänge

Auf dem Kurs nach Elm haben sie die Pause für die Busfahrer gestrichen. Und in Schwanden am Bahnhof passt es irgendwie nicht. Aber hier oben im Kies, neben der Seilbahnstation, an seinem Lieblingsplatz, wo zwei Bänkli im Schatten einer grossen Tanne stehen, da findet Chauffeur Werner Feldmann zwischen Ankunft und Abfahrt etwas Zeit für sein Seelenheil, wie er sagt.

Feldmann holt dann den schwarzen Sack aus seinem Bus, den er unter einem Sitz verstaut hat. Er macht den Reissverschluss auf und zieht ein schwarzes Ding hervor, das aussieht wie ein geschrumpfter Schiffsschornstein: ein schwarzes Alphorn aus der Zukunft – aus Karbon gefertigt, wie in der Raumfahrt, weniger als zwei Kilo schwer. Feldmann kann es auf dreieinhalb Meter ausfahren wie eine Teleskopstange. Und wenn er auf seinem Alphorn spielt, während sein Bus in der Sonne glänzt, das Wasser im Bach rauscht und alle Viertelstunde oder so der Schatten einer Gondel über die Wiese huscht, dann ist er wie ein neuer Mensch. «Ich spiele vor allem für mich», sagt Werner Feldmann. «Aber wenn ich den Leuten eine Freude mache, tut das natürlich sehr gut.»

Immer das Gleiche, immer anders

Werner Feldmann war früher einmal Plattenleger, aber irgendwann wurden die Gelenke schlecht. Dann schaute er als Abwart im Zaunschulhaus zum Rechten. Seit viereinhalb Jahren fährt er als Buschauffeur für die Autobetriebe Sernftal. Die Strecke ins Kies bleibt zwar immer die Gleiche, erzählt Feldmann, während er den Bus die Bergstrasse hochfährt. Aber wenn man sich die Welt mit offenen Augen ansieht, ist jede Fahrt anders. «Ob es regnet oder eindunkelt, bei Nebel oder Sonne, jeder Wechsel ist schön», sagt er. «Und was du für Tiere siehst! Rehe, Hirsche…»

«Jetz spiel aber eins, Werner, wir tanzen!»

Es ist ein ruhiger Dienstagnachmittag. Feldmann steigt aus seinem Bus mit seinem Alphorn in der Hand. Zwei Wanderinnen sitzen auf dem Bänkli vor der Talstation und sprechen ihn an. «Sie machen das aber nicht zum ersten Mal?», fragen sie. – «Nein, nein, heute schon zum dritten Mal.» – «Ach schön!»

Von der Plattform der Seilbahnstation ruft Iwona Gorna herunter: «Jetzt spiel aber eins, Werner, wir tanzen!» Sie schmeisst im Sommer den Betrieb in der Talstation der Seilbahn nach Mettmen. «Die Leute haben eigentlich immer Freude, wenn sie Werner spielen hören», sagt sie. Manchmal merkten die Fahrgäste erst bei der Abfahrt, dass der Alphornspieler unter der grossen Tanne ihr Chauffeur ist.

«Anfangs hatte ich Knieschlotteri»

Sein Alphorn aus der Zukunft hat Werner Feldmann immer dabei. Nicht nur bei der Arbeit. Als er vor wenigen Wochen auf eine Velotour von Wien nach Budapest ging, packte er es auf seinen Gepäckträger. «Sonst passiert es mir noch, dass ich an einem schönen Ort bin und mein Alphorn nicht dabei habe.» Feldmann spielt im Alphornquartett Tödifirn, sie sind schon in Florenz und Deutschland aufgetreten.

«Anfangs hatte ich immer den Knieschlotteri, wenn ich spielen sollte», sagt Feldmann. Die Nerven. Aber das Alphorn ist sein bestes Nervenmittel. «Wenn ich abends heimkomme und vielleicht etwas hässig bin, nehme ich das Horn, und dann geht es wieder», erzählt er. Man hört ihn oft in Glarus, wenn er sich mit seinem Alphorn auf das Bergli stellt.

«Sollen doch zu Fuss runter»

Werner Feldmann steht unter der Tanne und spienzelt zur Talstation hinüber. Wenn niemand in den Bus einsteigt, hat er länger Pause. Dieses Mal steigen sie ein. «Ach, die sollen doch zu Fuss runter», witzelt Feldmann und spielt noch ein kurzes Stück. Dann verwandelt er sein Alphorn wieder in einen Schiffsschornstein, grüsst die Fahrgäste und setzt sich hinter das Steuer. Die Strecke bleibt zwar die gleiche, aber die Seele ist etwas heiler.

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