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Tanzend im Rollschimmel auf 2000 Meter

Im RhB-Berninaexpress lernen Touristen Land und Leute kennen – und manchmal auch mehr.

Mittwoch, 31. Januar 2018, 08:20 Uhr Reportage

Uno. Dos. Tres. Cinco. Seis. Siete. Immer wieder beginnt Alfredo Lopez auf Spanisch zu zählen. Schlängelt sich elegant durch den Gang der rollenden Touristenattraktion. Grinst von einem Ohr zum anderen. «Grüeziwohl im Salsa-Express» heisst der kleine Mann die gerade eben zugestiegenen Reisenden willkommen.

Vereinzeltes Gekicher und verdutzte Blicke bekommt er vom zugeknöpften und warm angezogenen Publikum zurück. Eine heissblütige Tanzeinlage im Berninaexpress, der sich von der südländischen Alpenstadt Tirano mühsam Richtung Pontresina auf den Schienen hochschlängelt, ist höchst ungewöhnlich. Besonders bei den aktuellen Aussentemperaturen, die auch auf der Rückfahrt von Italien nach Chur nicht besonders hoch sind und den Palmen in Campascio ordentlich zusetzen.

Lopez, der in Peru zur Welt kam, dort das Böse kennenlernte, mit seinen Eltern flüchtete und in Costa Rica das Leben lernte, hat Temperament. Und das lebt er. Auch in der kalten Schweiz, die wegen der Liebe zur neuen Heimat wurde. Rhythmisch im Takt zu «Pasandola Bien» tanzend, fordert er zum Mitmachen auf. Reicht die Hand. «Pasandola Bien» lässt sich nicht eindeutig übersetzen. Es sind keine Worte, sondern eine Lebensphilosophie, sagt Lopez. Es bedeutet eine gute Zeit haben.

Eins. Zwei. Drei. Fünf. Sechs. Sieben. Die Füsse steigen und wanken, sobald der Zug in die nächste Kurve fährt. Der Kopf zählt mit und vermisst die Vier in der Zahlenfolge. Die gibt es nicht, sagt Alfredo. Vier und Acht bedeuten Pause und werden nicht gezählt. Die Grundschritte sind verinnerlicht. Uno. Dos. Tres. Cinco. Seis. Siete. Pause für Alfredo. Die Gäste wollen die Bilderbuchaussicht auf den Kreisviadukt Brusio bei Kaffee und Wienerli geniessen.

Ihre Blicke schweifen über den Lago di Poschiavo. Die Analog-Kameras knipsen. Der ins Puschlav gebettete See spiegelt an besonders schönen Tagen das Bergpanorama im Wasser. Dahinter bäumt sich der Piz Palü auf. Der Gerade-nicht-4000er im Grenzgebiet zwischen Graubünden und der italienischen Provinz Sondrio ist eine Wucht, die mehr und mehr zur Geltung kommt, je höher die sechs kaminroten Waggons die kurvige Strecke bei einer Steigung von sechs Prozent hinaufgezogen werden. Der Bernina-Express mausert sich von der städtischen Asphaltschnecke zur Höhenmeter-fressenden Bergkatze.

Oben angekommen auf der Alp Grüm auf 2000 Metern Seehöhe bleiben fünf Minuten. Für Selfies im Sekundentakt. Oder um die Landschaft zu geniessen. Das tut jedenfalls Michael Casanova. Der Kondukteur mit dem Rauschebart, dem milden Lächeln und der ruhigen Art ist ein stiller Beobachter. «Der Gletscher» sagt der Bündner, der seinem prominenten Nachnamen keine Ehre machen will, «ging einmal bis zum Bahnhofsgebäude, als ich erstmals mit dem Berninaexpress gefahren bin.»

Das Staunen des Zuhörers über die beeindruckende Landschaft macht Pause. Die Schmelze der von Furchen durchzeichneten Gletscherzunge lässt niemanden kalt. Der Moment der Bestürzung endet mit heiteren Anekdoten, von denen Casanova, dessen Vater aus Mailand stammt, viele zu erzählen hat.

Etwa jene von einem japanischen Touristen in kurzer Hose und Badelatschen, der die Dauer der Fotopause auf dem schneebedeckten Aussichtspunkt unterschätzte. «Der luftig gekleidete Mann verschwand auf der Jagd nach Fotomotiven hinter Sträuchern und der Zug fuhr weiter».

Die Fotos sind gemacht, der Rollschimmel mit seinen grosszügigen Schaufenstern setzt seine Fahrt fort, überwindet mit der Station Ospizio Bernina auf 2253 Metern den höchsten Punkt der Rhätischen Bahn. Und eine markante Stelle für die so heimattreuen Bündner: Die Sprachgrenze. Im Süden wird italienisch gesprochen, im Norden romanisch, weiter weit deutsch.

Aber nicht nur deswegen ist der Ort besonders: Hier entstehen viele Postkartenmotive. Der schwarze und der weisse See, die dank Urlaubsgrüssen aus der Schweiz wohlbekannt sind, zeigen sich nicht. Lago Bianco und Lej Nair sind gefroren und ein Meer aus Schnee.

Je weiter die Fahrt geht, desto dicker wird die Schneedecke. Pontresina am Fusse des höchsten Bündner Bergs gleicht einer Schneekugel-Landschaft, die vom 4048 Meter hohen Piz Bernina und seinen Ausläufern überragt wird.

Hier ist der Winter zu Hause. Genauso wie Steinböcke. Zwei dieser Bündner Haustiere sind vom Zug aus zu sehen, sie suchen auf einem steilen Felshang nach Futter. Drei Umdrehungen der Zugräder weiter klettern zwei im Eis. Neben den Schienen zieht eine Langläuferin ihre Spuren im Schnee. Das Wintersportparadies zieht an den Scheiben vorbei.

Dann wird es dunkel. Die Reisebegleiterin aus den Lautsprecherboxen erklärt: Wir sind im Albulatunnel, dem höchstgelegenen Durchstich eines Bergmassivs in den Alpen auf etwa 1800 Metern. Die sechs Kilometer lange Verbindung bringt Thusis und Samedan zusammen. Im Zug wird es ruhiger. Die vielen Höhenmeter machen müde. Lokführer Christoph Benz weiss, wovon er redet.

Der ehemalige Radiomoderator hat das Zug-Fieber im Erbgut, schon die Vorfahren des gebürtigen Sargansers waren Eisenbahner. Während die kaminrote Entschleunigungswalze bei der Abfahrt an Geschwindigkeit zunimmt und vor den Albula-Viadukten wieder gedrosselt wird, zählt Benz die nackten Zahlen auf: Einen Meter breit sind die Schienen der Schmalspurbahn. 70 Promille ist die Steigung an der steilsten Stelle. 140 Tonnen können maximal von der Lok gezogen werden. Mit 65 Stundenkilometern ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht.

«Aber das sind Fakten, die hauptsächlich die Nostalgiker und Eisenbahn-Sexuellen interessiert», scherzt der Lokführer. Lieber als die Fakten tischt der Bündner die Geschichte vom faulen Zollbeamten an der schweizerisch-italienischen Grenze auf. Bis zum Schengenabkommen an der Trennlinie sei nachts kein Durchkommen möglich gewesen.

Mit einem Gatter wurde der Weg in den Norden und Süden zerschnitten. «Wir waren eines Tages im Anfahren, als der Zaun geschlossen war. Wir wurden wirklich nervös, weil uns niemand öffnete und riefen die italienischen Kollegen an. Es stellte sich heraus, dass der Grenzer verschlafen hatte.»

Die Nacht zieht ins Land, als der rote Rollschimmel das meistfotografierte Monument auf der Zugstrecke überquert: den Landwasserviadukt. In der Fotografenszene auf Online-Plattformen wird die Brücke oft mit dem Matterhorn auf das Podest der Top-Sehenswürdigkeiten der Schweiz gestellt. Nur leider ist der Zauber schnell vorbei, die 136 Meter Länge sind schnell zurückgelegt. Wie auch die restliche Fahrt bis zum Endbahnhof nach Chur.

Alfredo Lopez und Michael Casanova positionieren sich auf dem Perron, verabschieden sich von ihren Gästen. In der kalten Winternacht dreht Akrobat Lopez noch einmal «Pasandola Bien» auf dem Natel auf und tänzelt. Uno. Dos. Tres. Cinco. Seis. Siete. E Adiós!

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