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In Rapperswil-Jona drücken künftige Spitzensportler die Schulbank

Sie trainieren mindestens zehn Stunden pro Woche und büffeln nebenbei Mathe, Französisch und Englisch, um den Sprung an eine weiterführende Schule zu schaffen: Die Jugendlichen der Sportschule Rapperswil-Jona werden auf mehreren Ebenen gefördert und gefordert. Ein Einblick in ein etwas anderes Schulmodell.

Daniel
Graf
Dienstag, 28. November 2017, 04:30 Uhr

Im Mathe-Unterricht bei Natasha Bozovic an der Sportschule Bollwies in Rapperswil-Jona geht es zu und her wie in jedem anderen Schulhaus: Die Schüler lernen gerade das Hebelprinzip kennen. «Weshalb kann beim Reifenwechsel ein einziger Mann einhändig ein ganzes Auto anheben?», leitet Bozovic das Thema mit anschaulichem Beispiel ein. Dann machen die Schüler sich daran, das Prinzip mit Stift und Geodreieck aufs Papier zu bringen.

Mädchen sind in der Unterzahl

In der Sportschule Bollwies sind die Jungs klar in der Überzahl: Nur 17 Mädchen besuchen derzeit eine der fünf Klassen, demgegenüber stehen 77 Jungs. «Das hat vor allem mit unseren Hauptsportarten Fussball, Eishockey, Unihockey und Volleyball zu tun, die doch mehrheitlich von Jungs betrieben werden», erklärte Sportkoordinator Dave Beglinger anlässlich der Medieninformation vom Montag.

Im Video: Unterrichtsfächer wie Englisch stehen genauso auf dem Programm wie Hausaufgaben:

Offensichtlich werden die Eigenheiten der Schule beim Blick auf den Stundenplan: Drei Mal eineinhalb Stunden pro Woche sind darin für den Sport reserviert. «Klassische» Schulfächer werden dafür nur während 25 anstatt wie sonst in der Oberstufe üblich während 31 bis 32 Lektionen gelehrt. «Die Promotionsfächer wie Sprachen oder Mathe werden aber nicht beschnitten», betont Schulleiter Michael Brunner. Denn letztlich ist das Ziel, dass alle Schüler eine Anschlusslösung in Form einer weiterführenden Schule oder einer Lehre finden.

Volle Konzentration auf den Sport

Die Sportschule arbeitet eng mit Partnervereinen wie den Flames, den Lakers, Volley Talents oder dem FCRJ zusammen. So kann die Mehrheit der Schüler drei Trainingseinheiten am Vormittag nutzen, ohne Lektionen zu verpassen. Neben den Trainings in den Sportarten steht immer auch polysportives Training sowie Athletenschulung auf dem Stundenplan.

«In der Athletenschulung geht es darum, das Bewusstsein für den Körper sowie die mentale Leistungsstärke zu unterstützen und um die Karriereplanung», erläutert der Verantwortliche Marco Beeler. Neben den «klassischen» Sportarten sind Eiskunstlauf, Karate oder Golf vertreten. Der frühe Schulschluss am Nachmittag ermöglicht intensives Training, ohne die Regeneration zu vernachlässigen.

Im Sportunterricht fällt dem Aussenstehenden dann sofort auf, dass dies keine gewöhnliche Oberstufe ist: Wo andernorts Brenn- oder Völkerball gespielt wird und der Unterricht eher chaotisch zu- und hergeht, herrscht im Training an der Sportschule höchste Konzentration: Die Jugendlichen jonglieren mit Bällen, spielen passsicher Volleyball oder üben Unihockey-Dribblings – und das alles, während sie mit einem Brett auf einer Rolle balancieren. Die konzentrierte Stimmung, Beelers mal aufmunternde, mal fordernde Rufe, Bizeps-Training «als Entspannung» nach härteren Übungen – das alles erinnert einen daran, dass hier junge Talente am Werk sind, die in ihrer Sportart Grosses vorhaben.

Im Sport werden die Jugendlichen gefördert – aber auch gefordert, wie das Video zeigt:

 

Nicht jeder schafft es ins Bollwies

Darauf sind auch die Aufnahmekriterien ausgelegt: Neben einer Talentkarte von Swiss Olympic sind eine hohe Begabung und Motivation in ihrer Sportart sowie eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft für Sport und Schule unabdingbar. Vor Schulantritt wird eine schriftliche Vereinbarung unterzeichnet, die unter anderem auch das «Cool & Clean»-Programm von Swiss Olympic beinhaltet. Es verpflichtet zum Verzicht auf Alkohol, Zigaretten oder Doping.

«Dank des Zusammenspiels von Schülern, Eltern und Lehrern ist die Sportschule eine Erfolgsgeschichte.»

Thomas Rüegg, Schulpräsident Rapperswil-Jona

Wenn die Schule um 16 Uhr aus ist, sollen die Jugendlichen «einen freien Kopf haben» – dann gehen viele nämlich in ihren Klubs erneut ins Training. «Das ist eine der Ideen der Sportschule», erläutert Beglinger: «Dank Lernateliers und einem betreuten Mittagstisch sollen die Jungen sich in den Klub-Trainings ganz auf den Sport fokussieren können.» Hausaufgaben und andere schulische Pflichten sollen bis dahin bereits erledigt sein.

Appell an regionales Gewerbe

Was noch etwas fehle, sind laut Schulleiter Brunner regionale Arbeitgeber, welche den Abgängern später einmal Ausbildungsplätze in der Umgebung ermöglichen. «Noch intensivere Trainings und gleichzeitig den Berufsalltag unter einen Hut zu bringen, ist so schon eine riesige Herausforderung für die jungen Menschen.» Wenn diese noch dazu lange Wege pendeln müssen, leide zwangsläufig die Entwicklung darunter. «Dabei muss unser Ziel sein, dass wir die sportliche Entwicklung der Schüler weiter fördern können, ohne dabei die Weiterbildung oder die Arbeitstätigkeit zu vernachlässigen.» Das scheint bisher geglückt zu sein: Vom ersten Jahrgang, der die Schule abgeschlossen hat, haben alle eine Anschlusslösung an einer weiterführenden Schule gefunden.

Seit Sommer Swiss Olympic Partner School
Startschuss für die Sportschule war im Frühling 2014. Davor gab es während fünf Jahren bereits die «Talentförderung Sport» als in die Regelschule integriertes Modell. Die erste reine Sportklasse im Schuljahr 2014/2015 war gleichzeitig auch die erste öffentliche Klasse im Kanton St. Gallen, in der Oberstufenschüler niveaugemischt unterrichtet wurden. Heute, drei Jahre nach der Gründung, gibt es fünf reine Sportklassen mit total 94 Schülern. Seit August 2017 ist das Bollwies offizielle Partnerschule von Swiss Olympics und profitiert dadurch von Weiterbildungskursen, Zugang zu Beratungsressourcen, Standards für die schulische Ausbildung, einem grossen Netzwerk und positiver PR-Wirkung.

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