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«Der Dorfklatsch nervt»

Lohn südlich der Viamala ist die kleinste Gemeinde im Kanton Graubünden. Grund genug für unsere beiden Online-Mitarbeiter Claudio Candinas und Manuel Ramirez, diesem Dorf einen Besuch abzustatten und den Bewohnern auf den Zahn zu fühlen.

Manuel
Ramirez
Dienstag, 05. September 2017, 05:56 Uhr Kleinste Bündner Gemeinde
So sieht der Dorfkern von Lohn aus.
CLAUDIO CANDINAS

Wir parkierten unser Auto beim Dorfeingang gegenüber des Ortsschildes. Dort begann unsere Suche nach Einheimischen. In einem so kleinen Dorf sollte es doch ein Leichtes sein, jemanden zu finden, der sein Leben hier verbringt. Dachten wir zumindest, aber weit gefehlt!

Wir liefen die Dorfstrasse hinunter zum Dorfkern. Wir sahen weit und breit keine Menschenseele, dafür viele Tiere. Pferde und Kühe grasten auf den Weiden zwischen den Häusern. Auch einen Hühnerstall sahen wir. Apropos Tiere: Im Dorfzentrum kam uns ein Hund entgegen. Wo ein Hund ist, ist auch ein Herrchen. Aber mit dieser Vermutung lagen wir falsch. Anscheinend ist es in Lohn üblich, dass Hunde herrenlos durchs Dorf streunen.

Wir entschieden uns, offensiver nach Einwohnern zu suchen. Wir sahen eine offene Stalltür und gingen hinein. Ich erwartete, dass ich im Innern auf einen älteren, mürrischen und introvertierten Bergbauern mit einer Pfeife treffe, der vermutlich wenig bis gar kein Interesse hat, einem Unterländer wie mir (ich stamme ursprünglich aus Schaffhausen) etwas über sein Dorf zu erzählen. Soweit kam es aber nicht. Statt eines griesgrämigen Bergbauern war eine junge (und hübsche) deutsche Frau im Stall, die gerade eine Wand grün anmalte. Sie sagte mir, dass sie erst seit einer Woche hier in Lohn sei und sie darum noch nicht gut über das Dorfleben Bescheid wisse. Sie gab mir aber den Tipp, ein benachbartes Bauernhaus aufzusuchen. Dort würden wir sicher Auskunft bekommen.

Zwei Pferde grasen auf einer Weide neben den Häusern.
CLAUDIO CANDINAS

Bei diesem Bauernhaus stand die Haustüre zwar speerangelweit offen, abgesehen von einer Katze, die im Misthaufen herumwühlte, sahen wir aber niemanden. Doch wir hatten doch noch Glück: Unweit dieses Bauernhauses sass eine etwa 50-jährige Frau auf einer Bank vor ihrem Haus. «Endlich!», dachten wir, doch wir mussten einen weiteren Rückschlag einstecken. Die Frau kam aus Basel. Nicht nur das - sie warnte uns auch, ihr näher zu kommen, da sie «en gruusige Chäfer» habe, der sie momentan plage. Sie meinte damit eine Magendarmgrippe, die momentan offenbar im Tal grassiert. Darauf achtend, dass wir genug Abstand zu ihr wahrten, unterhielten wir uns weiter mit ihr und sprachen das Dorfleben an.

Auch wenn sie aus Basel kam, konnte sie uns gut Auskunft geben. Seit 30 Jahren kommt sie regelmässig in diese kleine Gemeinde, um dem Alltagsstress zu entfliehen. Sie erzählte, dass jeder im Dorf für sich lebt. «Jede Familie ist eine Zelle für sich. Wenn aber jemand in Not ist, hilft man einander. Wenn es ein Konzert gibt, geht man dorthin», sagte sie weiter. Ausserdem wollten wir wissen, wie sich die 50-jährige Frau, die anonym bleiben will, die Tage in diesem kleinen Dorf vertreibt. Die Antwort könnt Ihr hier nachhören:

Wir verabschiedeten uns nach einigen Minuten von der Baslerin und setzten unsere Suche fort. Wir gingen zurück zu unserem Ausgangspunkt. Beim Dorfeingang sahen wir ein Restaurant. In der Dorfbeiz würden wir sicher Einheimische finden. Doch auch diesmal irrten wir uns. Zwar sass eine Gruppe in Wanderausrüstung an einem Tisch, doch auch sie waren Touristen. Auch eine weitere Person, welche wir entdeckten, war ursprünglich nicht aus Lohn.

Sie komme nicht aus Lohn, wie sie uns im Gespräch sagte. Zusammen mit ihrem Mann lebe sie aber bereits seit fünf Jahren hier. Weiter erzählte sie uns, dass sie nicht so viel mitbekomme vom Dorfleben. «Die Bauern gehen ihrer Arbeit nach und die pensionierten Einwohner sind meist Zuhause.» Auch wenn man sich anscheinend nicht oft sieht, kennt jeder jeden.

Daraufhin wollten wir noch wissen, ob die Einwohner denn auch alles voneinander wissen. «Wahrscheinlich schon», lautete die Antwort. Das lässt vermuten, dass es in dieser kleinen Gemeinde auch viel Dorfklatsch gibt. «Geht das nicht auf die Nerven?», fragten wir sie. «Zwangsläufig! Man muss aber miteinander auskommen, man wohnt zu nahe aufeinander. Dennoch stehen die Dorfbewohner zusammen, wenn irgendetwas vorfällt».

In der Dorfbeiz haben wir also einige spannende Informationen erhalten, einen langjährigen Dorfbewohner hatten wir aber immer noch nicht gefunden, obwohl wir uns insgesamt zwei Stunden in Lohn aufhielten. Wir entschieden uns deshalb, nach Chur in die Redaktion zurückzukehren.

Unser Fazit: Wir trafen in Lohn eine deutsche Gastarbeiterin, eine kranke Baslerin und eine freundliche Solothurnerin, aber keine Einheimische. Das macht irgendwie auch Sinn, denn in einem Dorf mit 44 Bewohnern ist es deutlich schwieriger, einen Einheimischen zu finden als in einer Grossstadt mit 10'000 Einwohnern. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.

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