«Die Lehrer wähnten schon den Kommunismus vor der Tür»
Graubünden, 1967: Der Churer Historiker Jürg Simonett erinnert sich an eine Zeit des Aufbruchs, des Glaubens an den Fortschritt und der etwas längeren Haare. Und er beschreibt den Geist jener Tage, «von dem wir uns heute ein gutes Stück abschneiden könnten».
Graubünden, 1967: Der Churer Historiker Jürg Simonett erinnert sich an eine Zeit des Aufbruchs, des Glaubens an den Fortschritt und der etwas längeren Haare. Und er beschreibt den Geist jener Tage, «von dem wir uns heute ein gutes Stück abschneiden könnten».
Vom Churer Historiker und ehemaligen Direktor des Rhätischen Museums Jürg Simonett wollte sie wissen, was den Kanton Graubünden damals umtrieb.
Herr Simonett, die «Südostschweiz» blickt diesen Sommer zurück ins Jahr 1967. Als Historiker gehört der Blick auf die Vergangenheit für Sie zum täglichen Handwerk. Mit einem halben Jahrhundert geht es um einen Zeitraum, den Sie selbst miterlebt haben. Was für Bilder kommen bei Ihnen auf, wenn Sie sich ins Jahr 1967 zurückversetzen?
Das grosse Ereignis im Kanton war die Eröffnung des San-Bernardino-Tunnels am 1. Dezember 1967. Ein Bauwerk, das im Transitkanton Graubünden mit regelrechten Heilserwartungen verbunden wurde. Den Churer Maiensäss-Umzug bestritt unsere Klasse denn auch in Form eines Tunnels. Das wäre würde heute wohl weniger enthusiastisch gefeiert. Es war damals die Zeit des Aufbruchs, der Glaube an den Fortschritt war stark, alles schien besser zu werden. Alles war von Optimismus geprägt. Auch persönlich – ich war 15 Jahre alt und voll im Saft.
Was für ein Graubünden war das damals?
Die Landwirtschaft hat Leben noch viel stärker geprägt. In dieser Zeit gewann der Tourismus an Bedeutung, der Ski-Zirkus breitete sich von den klassischen Wintersportorten wie St. Moritz und Arosa aus auch in anderen Tälern aus. Auch der Kraftwerkbau nahm in dieser Zeit stark zu und verhalf vielen Gemeinden zu unverhofften Einnahmen. Es herrschte ein kaum hinterfragter Macher-Enthusiasmus, der einen heute im Rückblick schmunzeln lässt. Es gab wohl warnende Stimmen, wie etwa den Natur- und Heimatschutz, die damals aber fast als rückständig belächelt wurden. Es war noch wenigen bewusst, was die Stunde geschlagen hatte.
«Es reichte schon eine Pilzfrisur, um als Rebell zu gelten. Und zu Hause hiess es: kein Coiffeur, kein Sackgeld.»
Es kamen in dieser Zeit aber auch warnende Stimmen auf.
Die späten Sechzigerjahre hatten auf verschiedenen Gebieten eine Scharnierfunktion. Der Club of Rome fragte nach einer nachhaltigen Zukunft der Menschheit und thematisierte die Grenzen des Wachstums. In der Kirche liess das Zweite Vatikanische Konzil eine Öffnung erwarten: Priester, die nicht länger dem Publikum den Rücken zukehrten und von der lateinischen zur deutschen Messe übergingen. Auch in der Musik taten sich mit den Beatles und den Rolling Stones neue Welten auf.
Eine Zeit des Aufruhrs gegen Altgebrachtes – auch für Jürg Simonett?
Damals reichte schon eine Pilzfrisur – das galt damals schon als ‘langhaarig’ – um ein bisschen als Rebell zu gelten. Die Lehrer wähnten schon den Kommunismus vor der Tür. Und zu Hause hiess es für mich: kein Coiffeur, kein Sackgeld. Ich war in der Pubertät und zufälligerweise war es eben 1967, es ging da nicht um eine politische Haltung. Es gab zwar auch in Chur eine Kommunistische Partei, die war aber bereits viel früher zusammengebrochen und hatte zudem nur sieben Mitglieder – und einer davon war Spitzel der Polizei.
Nicht Wenige halten die «guten alten Zeiten» hoch. Eine Erklärung bietet die Psychologie: Demnach behält der Mensch das Gute besser in Erinnerung als negative Erlebnisse. Oder war am Ende früher doch alles ein bisschen besser?
Das würde ich nicht sagen. Es war auch eine rigide Zeit, denken wir an das Militär – damals noch mehr eine heilige Kuh – oder das Frauenstimmrecht, das auf Bundesebene erst 1971 eingeführt wurde. Und die Welt steckte noch mitten im Kalten Krieg.
«Es herrschte das Gefühl, das Leben der Menschheit könne verändert, frei gestaltet werden.»
Zumindest im Rückblick scheinen damals die Jugendlichen der westlichen Hemisphäre zeitgleich dieselben bisherigen Regeln und Strukturen infrage gestellt und die gleichen Forderungen erhoben zu haben. Eine länderübergreifende Verbundenheit der Jugend, so scheint es – oder täuscht dieser Eindruck?
Dieses Aufbegehren war – mit der üblichen alpinen Retardierung – auch hier zu spüren. Man hatte damals tatsächlich das Gefühl, nun gehe die Post ab, und ‘unsere Brüder und Schwestern in San Francisco’ seien wie wir. Da zähle ich mich – zumindest am Rande – auch dazu. Das mag heute von vielen Seiten belächelt werden, aber es war auch eine sehr idealistische Zeit. Es herrschte das Gefühl, das Leben der Menschheit könne verändert, frei gestaltet werden. Diese Einstellung ist heute zu weiten Teilen einem nüchternen, skeptischen Pragmatismus gewichen.
Ist am Ende auch der Historiker Jürg Simonett nicht vor Nostalgie gefeit?
Sich nach vergangenen Zeiten zurückzusehnen, wäre meiner Meinung nach ein gar bescheidener Wunsch. Es wäre aber schön und würde gewiss nicht schaden, wenn heute wieder mehr Mut vorhanden wäre, sich auch die grossen Fragen zu stellen, wenn mehr darüber diskutiert würde, wie es sein könnte, statt sich einfach damit abzufinden, wie es ist. Da könnten wir uns vom Geist der damaligen Zeit ein gutes Stück abschneiden.
Gion-Mattias Durband wuchs in Graubünden auf, studierte in Bern und Toulouse Politikwissenschaften und etwas Volkswirtschaft und noch weniger Recht. Mit Unterbruch schreibt er seit 2010 für die «Südostschweiz» und freut sich an jeder Anregung. Mehr Infos

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