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Das «Ma­ma-Ta­xi» hat sei­ne Schat­ten­sei­ten

Immer mehr Churer Eltern fahren ihre Kinder im Auto zur Schule. Jetzt reagieren Stadtpolizei und Schuldirektion.

Olivier
Berger
15.04.17 - 14:07 Uhr
Leben & Freizeit
Für Kinder ist es wichtig, dass sie auch alleine zur Schule gehen können.
Für Kinder ist es wichtig, dass sie auch alleine zur Schule gehen können.
OLIVIA ITEM

René Bonderer sieht eine steigende Tendenz. «Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, hat in den letzten zwei Jahren klar zugenommen», sagt der Verantwortliche für die Verkehrsinstruktion der Stadtpolizei Chur. Inzwischen treibe die Sitte seltsame Blüten. «Ich habe schon gesehen, dass Kinder mit dem Taxi zur Schule gekommen sind.»

 

Ein Brief von der Stadt

 

Jetzt reagieren Stadtschule und Polizei: In einem gemeinsamen Schreiben wenden sie sich an die Eltern der Churer ABC-Schützen – nicht zum ersten Mal, wie Polizeikommandant Ueli Caluori betont. «Wir versuchen regelmässig, die Eltern für das Thema zu sensibilisieren.» Dabei gehe es weniger um die elterlichen Fahrten ins Schulhaus allgemein. «Diese sind nicht verboten», betont Caluori. Vor den Schulhäusern komme es aber sehr wohl zu Verstössen gegen das Verkehrsgesetz.

 

Auch Verkehrsinstruktor Bonderer hält fest, dass es nicht verboten ist, sein Kind zur Schule zu chauffieren. Das Problem sei vielmehr, dass die Eltern in ihrer Eile beispielsweise Halteverbote oder die Halteverbots-Streifen vor Fussgängerstreifen missachten würden. «Manchmal steigen die Kinder vor dem Schulhaus auch auf der Fahrbahnseite aus, was gefährlich ist.» Ausserdem seien manchen Eltern so auf den eigenen Nachwuchs fokussiert, dass sie beim Wenden nicht darauf achteten, dass noch andere Kinder in der Nähe des Autos unterwegs seien. «So ist es bei einem Churer Schulhaus erst kürzlich zu einem Beinahe-Unfall gekommen», bestätigt Kommandant Caluori.

 

In erster Linie versuche die Stadtpolizei, die Eltern auf die Gefahren und die Verkehrsregeln hinzuweisen, erklärt Caluori weiter. «Das funktioniert leider nicht immer. Irgendwann muss man halt Bussen verteilen.» Für die Stadtpolizei sei aber klar, dass die Bussen nur das letzte Mittel sind, um sich Gehör zu verschaffen.

 

«Irgendwann muss man halt Bussen verteilen.»

Ueli Caluori, Kommandant der Stadtpolizei Chur

 

Kein Gefallen für die Kinder

 

Verkehrsinstruktor Bonderer hat ein gewisses Verständnis für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. «Das Einzugsgebiet beispielsweise des Herold-Schulhauses ist geografisch sehr gross, die Wege sind weit.» Andererseits täten die Eltern ihren Sprösslingen mit den freiwilligen Taxidiensten nicht nur einen Gefallen. «Es ist klar, dass die Kompetenz der Kinder im Strassenverkehr leidet, wenn sie den Schulweg nie selber absolvieren müssen.»

 

Müsse dann ein Kind, das sonst immer gefahren werde, ausnahmsweise allein und zu Fuss zur Schule, dann sei es rasch überfordert. «Für die Kinder ist es auch wichtig, dass sie lernen können, sich im Strassenverkehr richtig zu verhalten.» Die Polizei halte zwar in den Kindergärten und Schulen Instruktionen ab, so Bonderer. «Aber auch die Eltern und die Schulen müssen etwas beitragen.»

 

Erlebnisfeld Schulweg

 

Aus pädagogischer Sicht sei der Schulweg wichtig für die Entwicklung der Kinder, erklärt Reto Thöny, Vizedirektor der Stadtschule Chur. «Der Weg zur Schule ist für das Kind ein Erlebnisfeld, in dem es wichtige Dinge lernen kann.» So lernten die Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zum Schulhaus, Selbstständigkeit zu erlernen. «Es geht auch darum, eine gewisse Lebenstauglichkeit zu entwickeln», sagt Thöny.

 

Vielfach würden die Eltern ihre Kinder auch unterschätzen. «Indem sie sie zur Schule fahren, zeigen sie, dass sie den Kindern nicht zutrauen, diesen Weg alleine zu gehen.» Die positiven Aspekte des Schulwegs reichten von der physischen Fitness bis hin zu gruppendynamischen Prozessen. Neben der Stadtpolizei steht deshalb auch die Schule hinter dem aktuellen Schreiben an die Eltern.

Olivier Berger wuchs in Fribourg, dem Zürcher Oberland und Liechtenstein auf. Seit rund 30 Jahren arbeitet er für die Medien in der Region, aktuell als stellvertretender Chefredaktor Online/Zeitung. Daneben moderiert er mehrmals jährlich die TV-Sendung «Südostschweiz Standpunkte». Mehr Infos

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