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Ein paar Zentimeter zwischen Leben und Tod

Der Glarner Res Lütschg und die Bündnerin Marion Neumann entgehen in Pakistan haarscharf einem Felsen, der durch ihr Basislager donnert. Hunderttausende haben ein Video des Beinahe-Unglücks im Internet geschaut.

Ueli
Weber
Freitag, 30. November 2018, 04:30 Uhr Fels donnert auf Glarner und Bündner
Stein gehabt: Res Lütschg steht neben dem Felsen, der ihn fast getötet hätte.
Marion Neumann

Sie sehen ihn kommen. Der Stein rollt und springt den felsigen Hang herunter. Er sieht noch klein aus, er ist dunkel und flach, wie eine Schieferplatte, aus der man Jasstafeln macht.

Die Bündnerin Marion Neumann und der Molliser Res Lütschg sitzen vor ihrem Zelt im Basislager des Mount Spantik in Pakistan. Sie fragt ihn, ob sie weglaufen sollen. «Glaub nicht», antwortet Lütschg. Ein paar Meter weiter oben zückt ein pakistanischer Bergsteiger sein Handy und beginnt zu filmen.

Der Fels wird grösser – jetzt gleicht er einer Schieferplatte, aus der man 20 Wandtafeln machen könnte. Und diese 20 Wandtafeln donnern direkt auf das Basislager zu. Niemand fragt mehr, bevor er wegläuft. Neumann rutscht die Jacke über die Beine, sie kann nicht mehr rennen, also wirft sie sich auf den Boden.

Lütschg nimmt einen Satz und versucht, zur Seite auszuweichen. Der Fels springt in die gleiche Richtung. Das Küchenzelt steht im Weg, doch die Kanten des Steins schlitzen das Zelt sauber auf. Lütschg merkt, dass er dem Felsen in den Weg gelaufen ist. Er lehnt sich noch zurück. Dann pflügt der Fels den Boden direkt vor seinen Füssen auf, Felsteile splittern ab, aber er verfehlt Lütschg um einige Zentimeter.

«Holy Shit!», ruft der pakistanische Bergsteiger in seinem Handyvideo. Dann hört man ein eher lapidares «Heieiei» mit Schweizer Akzent. Lütschg rappelt sich auf. Er ist noch ganz. Wäre er nur einen Schritt schneller gewesen, wäre er mit Sicherheit in den Tod gerannt.

«Ich bekam die Heulkrise»

In den letzten Tagen haben Hunderttausende das Video gesehen. Zusammen mit Marion Neumann ist er in diesem Sommer auf einer Bergtour in Pakistan. Marion Neumann hat der «Südostschweiz» erzählt, wie sie die Momente vor und nach dem berühmten Video erlebt hat. «Da merkt man plötzlich, wie endlich das Leben ist», sagt die Geschäftsführerin der Sportbahnen Hochwang in Graubünden.

Als sich der Staub gelegt hat, laufen die Leute im Camp zu Lütschg. Fremde Männer haben Tränen in den Augen und umarmen ihn. Auch Neumann ist von Splittern getroffen worden. Doch ernsthaft verletzt ist niemand. «Zuerst waren wir total cool», erzählt Neumann. Sie steigen sogar zum Felsbrocken hinunter, der kurz vor dem Gletscher liegen geblieben ist. Dort nehmen sie ein Foto auf – wie mit einer Jagdtrophäe.

Irgendwann lässt das Adrenalin nach. «Nach drei Stunden bekam ich die Heulkrise», erzählt Neumann. «Wir fahren zusammen nach Pakistan, und nur einer kommt zurück. Das war eine schreckliche Vorstellung.» Das Erlebnis hatte aber auch sein Gutes, sagt sie. «Es bringt einander näher zusammen.»

Vom Zwischenfall lässt sich die Gruppe aber nicht unterkriegen. «Res sowieso nicht», sagt Neumann. «Der steckt so was weg.» Teilnehmer anderer Gruppen im Basislager berichten in «20 Minuten», sie hätten ihre Bergtouren traumatisiert abgebrochen. Neumann und Lütschgs Gruppe macht weiter. Neumann entscheidet das als Expeditionsleiterin so. Das Basislager wird später gesperrt.

Die Steinschlaggefahr bleibt in der Nacht gross. Es hat die ganze Woche lang geregnet. Die pakistanischen Teilnehmer der Expedition halten Wache, die Schweizer legen sich schlafen. Zwei Mal schlagen sie Alarm, weil sie abstürzende Felsen in der Dunkelheit hören. Barfuss rennen die Bergsteiger aus dem Zelt, schneiden sich an den scharfen Steinkanten die Sohlen auf. «Die Pakistani hätten ihr Leben für uns gegeben», sagt Neumann. «Dafür sind wir ihnen dankbar. Ohne sie hätte ich kein Auge zugetan.» Am nächsten Tag steigen sie wohlbehalten ins nächste Camp hoch. Und Res Lütschg steht wenig später als erster der Gruppe auf dem Gipfel des 7027 Meter hohen Mount Spantik – Neumann muss wegen einer Grippe passen.

«Etwas hat sich verändert»

«Bei mir hat sich etwas verändert. Ich gehe nicht mehr unbekümmert an steinige Berge», sagt Neumann heute. Nächsten Sommer will sie trotzdem nach Pakistan zurückkehren. Denn im vergangenen Sommer war sie nicht nur zum Bergsteigen in Pakistan. Sie hatte für ein Kinder-Hilfsprojekt gespendete Skier nach Pakistan gebracht. «Das Projekt liegt mir sehr am Herzen», sagt Neumann.

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