Die SBB haben gestern mit der Umrüstung des Bahnnetzes auf den europäischen ETCS-Standard begonnen. Bis Ende 2017 sollen die 300 Millionen Franken teuren Arbeiten abgeschlossen sein.
Von Gerhard Lob
Airolo. – Die Schweizer sind Weltmeister im Bahnfahren. Entsprechend dicht befahren ist das Bahnnetz. Um in Zukunft überhaupt einen noch dichteren Fahrplan realisieren zu können, müssen die Züge schneller und in kürzerer Abfolge fahren können. Dafür wiederum braucht es entsprechende Sicherungsanlagen. Das Stichwort lautet: European Train Control System – kurz ETCS. Bereits im Jahr 2000 hatte das Bundesamt für Verkehr die Grundsätze für die Anwendung dieser europaweit standardisierten Technologie festgelegt und die SBB mit der Systemführerschaft beauftragt.
Gestern setzten die SBB nun einen wichtigen Meilenstein für dieses neue Zugsicherungssystem. In Airolo im Kanton Tessin wurde die erste Balise in ein Gleis eingesetzt. Diese gelben, direkt im Gleisbett liegenden Platten, deren Stromversorgung durch Solarpanele erfolgt, werden in den nächsten Jahren die alten Zugsicherungssysteme ersetzen. «Mit der Inbetriebnahme der ersten Balise wird der Grundstein für die neue Technologie in der Schweiz gelegt», betonte Wassim Badran, Mitglied der Geschäftsleitung von SBB Infrastruktur, beim Festakt im Beisein von Vertretern des Bundesamts für Verkehr sowie den Industriepartnern Siemens und Thales.
11 000 Standorte
Es handelt sich um ein Infrastrukturprojekt grosser Dimension. In den nächsten sechs Jahren wird diese neue Zugsicherung an rund 11 000 Standorten vorgenommen, pro Standort werden zwei Balisen eingebaut. Das Investitionsvolumen beträgt 300 Millionen Franken. Fast 60 Personen in Vollzeit werden diese technologische Innovation umsetzen, für die es keine Streckenunterbrechungen braucht. Priorität hat die Nord-Süd-Achse; bis Ende 2017 folgt das übrige Streckennetz.
Es ist der erste Schritt für die ETCS-Technologie mit der noch leistungsfähigeren Führerstandssignalisierung (Level 2). Diese wird heute bereits auf der Neubau-Hochleistungsstrecke Mattstetten–Rothrist sowie im Lötschberg-Basistunnel eingesetzt. Das System ermöglicht das Verkehren von Zügen im Abstand von zwei Minuten bei einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern. Ziel der SBB ist es, ab 2025 das ganze Schweizer Normalspurnetz mit ETCS-Level-2 auszurüsten.
«Die Erwartungen an das ETCS sind sehr hoch», sagte Toni Eder, Vizedirektor des Bundesamts für Verkehr. Einerseits würden sich für die Eisenbahnverkehrsunternehmen die Investitionskosten für Lokomotiven reduzieren, weil nur noch ein System nötig sei. Andererseits gehe es längerfristig um die Möglichkeit verdichteter Fahrpläne.
Konkurrenz beleben
Dazu kommt eine gesamteuropäische Komponente: Denn die ETCS-Technologie wird den grenzüberschreitenden Verkehr mit Europa erleichtern und somit die Konkurrenz – auch im Personenverkehr – beleben. Die europäische Verkehrspolitik verpflichtet ihre Mitglieder bereits heute, die ETCS-Technologie bei Neubaustrecken anzuwenden. Es ist zudem vorgesehen, die europäischen Güterkorridore mit ETCS auszurüsten, um die Verlagerung der Güter auf die Schiene weiter zu fördern. Italien hat in dieser Hinsicht schon grosse Anstrengungen unternommen, Deutschland hinkt etwas hinterher.
Dass diese technologische Harmonisierung dringend nötig ist, verdeutlicht das Beispiel des zwischen Paris und Brüssel sowie zwischen Amsterdam und Köln verkehrenden Hochgeschwindigkeitszugs Thalys. Dieser muss zurzeit mit sieben verschiedenen Zugsicherungssystemen ausgerüstet sein – das ist nicht nur teuer, sondern auch für das Lokpersonal extrem aufwendig.