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Jede fünfte Ärztin steigt vorzeitig aus

Längst ist der Ärztenachwuchs mehrheitlich weiblich – umso entscheidender sind flexible Arbeitsmodelle. Doch viele bestausgebildete Frauen verlassen den Beruf, sobald sie Mütter werden.

Von Antonio Fumagalli

Bern. – Franziska* ist das, was man als Vorzeigeberufsfrau bezeichnet: Die Matur bestand sie mit Bestnoten, das anschliessende Medizinstudium absolvierte sie in kürzest möglicher Zeit und mit wiederum hervorragendem Abschluss, die gut bezahlte Anstellung als Assistenzärztin in einem Regionalspital fand sie im Handumdrehen und die Arbeit in der Abteilung der Inneren Medizin führte sie so zufriedenstellend aus, dass der Titel der Oberärztin nur noch eine Frage der Zeit war.

Dann wurde Franziska schwanger – und die bislang so erfolgreiche Karriere erlitt einen Knick. Vergangenen Dezember gebar sie eine Tochter und legte die Arbeit für ein gutes halbes Jahr nieder. Seit einem Monat hat sie im Spital wieder ein 50-Prozent-Pensum. Mehr kommt für sie nicht infrage – obwohl die Infrastruktur, zum Beispiel eine spitaleigene Krippe, vorhanden wäre: «Ich hätte theoretisch ohne Weiteres die Möglichkeit, 100 Prozent zu arbeiten. Aber ich will miterleben, wie mein Kind gross wird», sagt sie.

Teilzeitarbeit ist wenig verbreitet

Frauen wie Franziska gibt es unter der Schweizer Ärzteschaft viele. Und es werden immer mehr: Längst haben die Frauen die Männer in der Medizin abgehängt, weit mehr als die Hälfte der Absolventen eines Medizinstudiums in der Schweiz ist weiblich. Zur Veranschaulichung: 2013 schlossen 471 Frauen mit einem Master in Humanmedizin ab, ihnen stehen gerade mal 309 Männer gegenüber.

Unmöglich zu sagen, wie viele der angehenden Ärztinnen später Mütter werden und ihr Pensum reduzieren möchten. Klar ist: Viele werden es nicht so einfach haben wie Franziska. Denn Teilzeitarbeit ist unter den Ärzten immer noch verhältnismässig wenig verbreitet. Die Mitgliederbefragung 2014 des Verbandes der Schweizer Assistenz- und Oberärzte (VSAO) hat ergeben, dass 84 Prozent der Befragten mindestens eine 80-Prozent-Anstellung haben, 75 Prozent gar ein 100-Prozent-Pensum bewältigen (wobei die durchschnittliche Wochenarbeitszeit eines Assistenzarztes über 56 Stunden beträgt).

Wer wie Franziska nach einer Geburt oder aus sonstigen privaten Gründen eine Teilzeitstelle anvisiert, kann schnell mal auf der Strecke bleiben. In gewissen Funktionen – gerade im Kaderbereich – werden diese gar nicht angeboten. «Es gibt bei uns schon Frauen in Chefpositionen. Soviel ich weiss, haben die aber alle keine Kinder», sagt Franziska.

Zahlen des Bundes unterstreichen die Vermutung: In Erfüllung einer Motion von SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) untersucht, wie viele der diplomierten Ärzte gut zehn Jahre später einen Weiterbildungstitel, der zur Standardkarriere gehört, erworben haben. Erschreckender Befund: Während bei den Männern gut 13 Prozent keinen zusätzlichen Titel in der Tasche hatten, waren es bei den Frauen über 20 Prozent. Wie das BAG in seinem Bericht schreibt, ist davon auszugehen, dass der Grossteil dieser Personen gar nicht mehr in ihrem Beruf arbeitet. Mit anderen Worten: Wenn es die Umstände nicht ermöglichen – zum Beispiel fehlende Teilzeitarbeit – steigt rund jede fünfte Ärztin in den ersten Jahren nach der Ausbildung aus.

Zieht man in Betracht, was ein Medizinstudium kostet – pro Student sind es mehrere hunderttausend Franken –, ist der Verlust aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutend. Und für das Gesundheitswesen, das unter dem Mangel an Fachkräften ächzt, ist es eine der grössten Herausforderungen. Der Bund schreibt im Vorentwurf zum Gesundheitsberufegesetz, dass über alle Kategorien der Gesundheitsberufe bis ins Jahr 2030 120 000 bis 190 000 Personen angestellt werden müssten. So gross ist der Engpass aufgrund der stetig steigenden Lebenserwartung, der wachsenden Bevölkerung und den sich verändernden Bedürfnissen der Gesundheitsangestellten – und das in einer Branche, in der 70 bis 80 Prozent der Kosten auf Personalausgaben entfallen.

Erschwerend kommt das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hinzu – denn bereits heute ist der Anteil von Ausländern unter den Ärzten beträchtlich. Eine von zwei neuen Arztstellen wird mit einer Person besetzt, die ihr Studium nicht in der Schweiz absolviert hat. Die Ungewissheit, welche Auswirkung die Umsetzung der Initiative auf Spitäler, Praxen und Gesundheitszentren hat, ist gross. «Wir befürchten, dass wir bei einer strikten Umsetzung den heutigen Standard der medizinischen Versorgung in der Schweiz nicht halten können», sagt der VSAO-Kommunikationsverantwortliche Nico van der Heiden.

Die klassische Praxis stirbt aus

Neben den Pflegeberufen ist der Fachkräftemangel bei der medizinischen Grundversorgung besonders akut. Die klassische Hausarztpraxis, bei der sich ein – zumeist männlicher – Allgemeinpraktiker neben seiner medizinischen Tätigkeit auch noch um die administrativen Belange seiner Praxis kümmert, gibt es immer weniger. In den nächsten zehn Jahren werden rund 3700 der «guten, alten Hausärzte» pensioniert. Der Trend geht klar in Richtung Gemeinschaftspraxis.

Dabei spielt auch der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen eine wichtige Rolle. «Wer Teilzeit arbeitet, kann sich die Infrastruktur einer Einzelpraxis gar nicht leisten», sagt Marc Müller, Präsident des Schweizer Hausärzteverbandes. Dieser Wunsch ist auch unter Hausärzten verbreitet: Gemäss einer in der Schweizerischen Ärztezeitung publizierten Umfrage erwägen bereits heute 41 Prozent der angehenden Allgemeinmediziner, künftig als Angestellte mit fixem Salär und geregelten Arbeitszeiten tätig zu sein.

Die Herausforderung ist demnach, für angehende und bereits praktizierende Ärzte flexible Arbeitsmodelle zu finden. Der Bund treibt verschiedene Projekte voran (siehe Texte unten), die Verbände gehen aber auch von sich aus in die Offensive. Der VSAO etwa gibt eine Broschüre heraus, die die Spitalleitungen von Teilzeitmodellen überzeugen soll. Dort gibt es Widerstand, weil befürchtet wird, dass die Patienten dann zu viele verschiedene Ansprechpartner haben. Der Ärzteverband ist aber überzeugt, dass der Nutzen für ein Spital auch wirtschaftlicher Natur ist – dank höherer Mitarbeiterzufriedenheit, besserem Image gegen aussen und weniger Aufwand für kostspielige Personalbeschaffungen.

* Name von der Redaktion verändert

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