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«Genau diese Diskussionen bringen Vals weiter»

Seit dem Verkauf der Therme und insbesondere seit der Präsentation der Pläne von Investor Remo Stoffel, für 200 Millionen Franken in Vals einen Park und ein Luxushotel zu bauen, steht Vals national in den Schlagzeilen. Im BT-Interview sagt Gemeindepräsident Stefan Schmid, wie er darüber denkt.

norbert waser

«Bündner Tagblatt»: Sie haben kurz nach dem Volksentscheid zum Verkauf der Therme das Gemeindepräsidium übernommen. Inwiefern hat diese Abstimmung Ihren Entscheid beeinflusst, für dieses Amt zu kandidieren?

stefan schmid: Der Ausgang der Abstimmung selbst spielte da keine Rolle, aber die Zeit davor. Wir waren eine kleine Gruppe, die der Meinung war, dass im Dorf vieles nicht so lief, wie es sollte. Unser Ziel war, wieder Ruhe ins Dorf zu bringen und für Kontinuität zu sorgen.

Sie hätten also auch kandidiert, wenn die Gruppe um Peter Zumthor die Abstimmung gewonnen hätte?

Es ging nicht um pro Stoffel oder pro Zumthor. Ich wusste lange nicht, wie ich mich entscheiden sollte, ich hätte mit beiden leben können, die Offerten waren in etwa gleichwertig. Bei mir persönlich hat die Mehrzweckhalle den Ausschlag gegeben, weil ich diese für das Dorf als wichtiger erachtete als ein neues Bergrestaurant auf Gadastatt.

Und jetzt, sind Sie Präsident einer gespaltenen Gemeinde?

Das sehe ich überhaupt nicht so. Es war doch positiv, dass im Dorf über die Therme so intensiv und auch emotional diskutiert wurde. Das zeigt doch, dass sich die Bevölkerung bewusst war, wie wichtig diese Frage für das Dorf war. Schade ist, dass der damals gefallene, demokratische Entscheid nicht von allen akzeptiert wird. Die zweite Abstimmung, über den Verkauf Ja oder Nein, wurde mit über 70 Prozent der Stimmen angenommen. Wenn man nun von einem Graben im Dorf spricht, so geht es da mittlerweile um fünf, höchstens zehn Prozent der Bevölkerung. Die Wogen im Dorf haben sich rasch gelegt, und die Mehrheit hat den eingeschlagenen Weg auch mehrfach bestätigt.

Sie haben die Mehrzweckhalle erwähnt. War die in Aussicht gestellte Dreifachhalle bloss ein Lockvogel?

Es gibt sicher Leute im Dorf, die wegen dieser Mehrzweckhalle für Stoffel gestimmt haben. Es sieht auch gut aus, dass eine Halle kommt, auch wenn diese nicht so aussehen wird, wie sie damals auf den Folien präsentiert wurde. Wenn man die Valser damals gefragt hätte, wären allerdings schon damals nicht viele zu finden gewesen, die eine Dreifachhalle wollten. Wir haben in den Jahren 2012 und 2013 bei den Vereinen im Dorf eine umfassende Bedürfnisabklärung durchgeführt. Eine Dreifachhalle wurde da von niemandem gewünscht. Aufgrund dieser Abklärungen hat der Gemeinderat ein Vorprojekt erarbeitet, das den tatsächlichen Bedürfnissen im Dorf entspricht. Und diese Bedürfnisse haben sich in der Zwischenzeit gewandelt, sowohl jene des Dorfes als auch jene der 7132 AG. Das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Nutzung ist seitens des Hotels nicht mehr gegeben. Das Vorprojekt haben wir mit Remo Stoffel besprochen und sind auf ein positives Echo gestossen. Bis zum vorgesehenen Termin am 31. März 2015 wollen wir so weit sein, dass wir damit vor die Gemeindeversammlung können. Ziel ist es, dieses Projekt dann auch so rasch als möglich umzusetzen. Wir suchen nach jener Lösung, die dem Dorf am meisten bringt und die tatsächlichen Bedürfnisse abdeckt und bei der die 7132 AG wie versprochen bei der Finanzierung mitmacht.

Hintergrund der grossen Medienpräsenz von Vals ist sicherlich die schillernde Persönlichkeit Remo Stoffel. Welchen Bezug haben sie persönlich zu ihm?

Wir sind beide in Vals aufgewachsen. Ich bin zwar etwas älter, aber als Schulbuben auf dem Maiensäss haben wir auch schon miteinander Versteckis gespielt. In einem Dorf mit 1000 Einwohnern kennt man sich.

Und worauf basiert Ihr Vertrauen in die Person Remo Stoffel?

Für die Gemeinde ist es zuerst einmal wichtig, dass wir einen Investor gefunden haben, der das Hotel und die Therme übernommen hat. Es kann nicht Aufgabe der Gemeinde sein, einen solchen Betrieb zu führen. Und wenn dieser Investor mit Remo Stoffel noch ein Einheimischer ist, ist das ein Vorteil. Die Zugänglichkeit ist da sicher viel einfacher, als wenn hier ein russischer Oligarch oder sonst ein anonymer Investor eingestiegen wäre. Das Beispiel des «Goldenen Ei» in Davos zeigt, dass der Erfolg auch dann nicht garantiert ist, wenn eine Grossbank dahintersteckt. Wenn ich ein Problem habe, kann ich Remo anrufen und mit ihm dieses Anliegen persönlich besprechen, das ist sicher ein Vorteil. Er hält sich auch viel in Vals auf. Es ist ja nicht so, dass Remo Stoffel nur sagt, er habe Geld. Mit der Priora-Gruppe repräsentiert er eine Firmengruppe, die imstande ist, solche Projekte auch umzusetzen. Das Vertrauen hat ihm letztlich aber die Gemeindeversammlung mit dem Verkaufsentscheid gegeben. Wir als Gemeinderat setzen nur das um, was die Gemeindeversammlung entschieden hat.

Es sind wohl Stoffels grosse Pläne und Millionensummen, die in der Öffentlichkeit Misstrauen wecken. Es gibt bei der Gemeinde ein unverzinstes Darlehen über acht Millionen Franken. Geld hat die Gemeinde von Stoffel noch keines gesehen …

Das sehe ich nicht so. Die im Vertrag vorgesehene Barauszahlung hat er geleistet. Die Modalitäten des Darlehens waren ebenfalls im Vertrag geregelt, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass das Geld fliessen wird, sobald das Hallenprojekt konkret wird. Zudem hat die 7132 AG Millionen in die Sanierung der Hotelküche investiert, eine längst fällige Investition, für die der Gemeinde bisher das Geld fehlte. Die Strategie geht in Richtung Luxustourismus und hochstehende Architektur, das ist auch im Sinne des Dorfes. Zuerst hat man Stoffel vorgeworfen, er wolle Massentourismus und Zweitwohnungen, nun setzt er einen klaren Kontrapunkt, und auch das wird kritisiert. Mir scheint, er kann machen, was er will, kritisiert wird er immer. Letztlich ist es doch sein persönliches Risiko, in welches Segment er investieren möchte.

Eine weitere schillernde Persönlichkeit ist Pius Truffer, Steinbruchunternehmer und Verwaltungsrat der 7132 AG. Ist er der heimliche Dorfkönig?

Solche Persönlichkeiten mit Ideen sind wichtig, um das Dorf weiterzubringen. Klar, viele dieser Ideen sorgen für kontroverse Diskussionen. Aber genau diese Diskussionen bringen uns weiter. Mit Pius Truffer kann man gut streiten und Sachen ausdiskutieren. Er hat klar eine andere Rolle als wir von der Gemeinde – um weiterzukommen, braucht es aber auch Leute, die ab und zu etwas verrückte Ideen haben und auch persönlich Risiken eingehen.

Eine gewisse Masse an Touristen braucht aber Vals auch in Zukunft. Einen Park für 30 Millionen Franken baut man sicher nicht nur für ein paar Luxusgäste. Werden dann die Tagesgäste mit dem Car nach Vals reisen?

Ich sehe diesen Park durchaus auch als Chance für die anderen Betriebe in Vals. Wie man das konkret steuern kann, ist sicher eine der offenen Fragen. Ohne neue Attraktionen kommen aber auch keine neuen Touristen nach Vals.

Auf eine gewisse Masse und Frequenzen sind vor allem auch die Bergbahnen angewiesen. Nur mit einigen wenigen Luxusgästen werden auch sie nicht überleben können …

Heute generiert das Therme-Hotel rund 45 Prozent der Übernachtungen in Vals. Es wird auch in Zukunft einen Mix im Dorf brauchen. Auch bei den Ferienwohnungen hätten wir noch Kapazität. Wichtig für die Bergbahnen ist, dass sich die Aufenthaltsdauer verlängert. Die Zugänglichkeit zur Therme muss auch in Zukunft gewährleistet sein. Das gilt auch für den neuen Park. Alles zusammen wird auch die Anziehungskraft des ganzen Dorfes steigern.

Im Leitbild der Gemeinde Vals sind die drei Eckwerte «1000 Einwohner, 1000 Gästebetten, 1000 Schafe» fixiert. Welcher dieser drei Bereiche braucht am meisten Pflege?

Diese Durchmischung macht das Dorf aus, und darauf dürfen wir auch stolz sein. Da haben unsere Vorfahren wohl einiges richtig gemacht. Zum Beispiel mit den Kraftwerken Zervreila. Solche Einnahmen wurden nie für Steuersenkungen verwendet, sondern in den Tourismus investiert. So haben wir auch heute einen Steuerfuss von 100 Prozent. Dank der Standbeine Tourismus, Valserwasser, Steinabbau und Landwirtschaft haben wir ein lebendiges Dorf, in dem es auch noch eine Schule, Kleingewerbe, einen Lebensmittelladen und Restaurants gibt. Das Leitbild widerspiegelt diese Balance.

Stichwort Steinabbau. Auch dies gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. Sind diese Quellen bald ausgeschöpft?

Wir leben in einem engen Tal, da gibt es zwangsläufig auch Reibungsflächen. Im Gemeinderat sind wir intensiv daran, die raumplanerischen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Betriebe sich in Vals weiterentwickeln können. Es ist dann Sache der Gemeindeversammlung zu entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Mit den Steinbrüchen sind Emissionen verbunden. Ohne solche können wir aber beispielsweise auch nicht eine Steinplattenbedachung durchsetzen. Ein weiterer Punkt sind die vielen Arbeitsstellen im Dorf.

Raumplanerische Herausforderungen stellt auch noch die Umsetzung des Ando-Parks. Wo sehen Sie da Hürden – es werden sogar Enteignungen befürchtet?

Enteignungen kann es kaum geben, weil es sich nicht um ein öffentliches Projekt handelt. Ähnlich einem Quartierplan wird man möglicherweise Landumlegungen vornehmen können. Wir hoffen natürlich sehr, dass man da mit den Landbesitzern einvernehmliche Lösungen finden wird. Wir stehen da auch in engem Kontakt mit den kantonalen Amtsstellen, liegt doch ein Teil in der Gefahrenzone.

Ängste schürte vor Jahren auch der Verkauf der Valser Mineralquellen an Coca-Cola. Können die inzwischen gemachten Erfahrungen auch Ängste bezüglich der Therme abbauen?

Das hoffe ich sehr. Als 2002 Coca-Cola Valserwasser übernahm, war das auch sehr emotional. Valserwasser den Amerikanern verkaufen, das geht doch nicht, war eine der damaligen Aussagen. Mittlerweile steht wohl das ganze Dorf hinter dieser Lösung. Ich zweifle, dass so viele Investitionen getätigt und Arbeitsplätze geschaffen worden wären, wenn Valser selbstständig geblieben wäre. Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren auch bezüglich der 7132 AG sagen können, dass dies auch für unser Dorf der richtige Weg war.

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