Direkt zum Inhalt

Fehler beim Login!

Sie haben keine Rechte für diese Ausgabe

Der Schwyzer Weltbürger Joachim Raff in neuem Licht

Dem aus Lachen am Obersee stammenden Komponisten Joachim Raff (1822–1882) widmet der Musikforscher Res Marty eine mustergültige Biografie. Sie rückt den lange Zeit verkannten Sinfoniker in die Position, die er verdient.

Von Walter Labhart

Lachen. – Wie nur ganz wenige Musiker aus der Schweiz brachte es der Schwyzer Joseph Joachim Raff als Komponist, Bearbeiter, Pianist und Musikpädagoge zu internationalem Ansehen. Mit Sinfonien wie «Im Walde» und «Lenore» ging er schon zu Lebzeiten ins Weltrepertoire ein, zehn Jahre vor seinem Tod wurde er zum Ehrenmitglied der Philharmonic Society of New York ernannt. Raffs vielseitiges Schaffen wurde unter anderem von Mendelssohn Bartholdy, Liszt, Schumann, Wagner, Brahms, Tschaikowsky und Mahler geschätzt.

Gefördert von Mendelssohn und Liszt

Als Raff noch in Rapperswil den Lehrerberuf ausübte, empfahl Mendelssohn Bartholdy die Klavierstücke des 20-Jährigen dem Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel: «Stünde auf dem Titel der Sachen ein recht berühmter Mann, so bin ich überzeugt, Sie würden ein gutes Geschäft damit machen, denn aus dem Einfall würde gewiss keiner merken, dass manches dieser Stücke nicht von Liszt, Döhler oder einem ähnlichen Virtuosen wäre.» Liszt engagierte den als Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin geborenen Musiker als Sekretär in Weimar und beschäftigte ihn als Instrumentator seiner sinfonischen Dichtungen. Als einer der am meisten aufgeführten Komponisten und als Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main gestorben, hinterliess Raff unter 216 Kompositionen mit Opuszahlen nebst elf programminspirierten Sinfonien, vier Opern und viel Kammermusik ein riesiges pianistisches Oeuvre.

Seit 1972 setzt sich die von Res Marty präsidierte Joachim Raff-Gesellschaft mit Sitz in Lachen erfolgreich für das fast ein Jahrhundert lang vergessene Schaffen des bedeutendsten Sinfonikers der Schweiz ein, der auch ein äusserst raff-inierter Instrumentator war. Nebst den in und um Lachen vom Dirigenten Giovanni Bria zeitweise mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz bestrittenen Konzerten trugen auch Ausstellungen zur Wiederentdeckung bei. Eine solche ist noch bis Freitag im Haus der Musik in Rapperswil-Jona zu sehen. Sie erinnert daran, dass Raff von 1840 bis 1844 in Rapperswil als Primarlehrer unterrichtet hatte. Darüber hinaus macht sie mit allen Aspekten des gigantischen Lebenswerks bekannt.

Bilderreiches Standardwerk

Der Sänger, Berufsberater und Musikforscher Res Marty legt jetzt mit einer brillant bebilderten Biografie das unentbehrliche Standardwerk über den grossen Spätromantiker vor. Bezüglich Informationsdichte, Bilderreichtum, Format und Gewicht ist Martys unerschöpfliches Werk im deutschen Sprachraum nur mit den Chopin, Liszt und Schumann gewidmeten «Lebenschroniken in Bildern und Dokumenten» von Ernst Burger zu vergleichen. Mit Ausnahme von Joseph Lewinskis vierbändigem Werk über Ernest Bloch stellt das 440 Seiten starke Raff-Buch innerhalb der Biografien von Schweizer Komponisten die umfangreichste Publikation dar. Dank der starken Berücksichtigung von Raffs Umwelt ist das von Yvonne Götte und Franz Xaver Risi sorgfältig redigierte, grafisch kunstvoll gestaltete Buch eine spannende Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Selbst zu Goethe, Mendelssohn Bartholdy, Liszt, Hans von Bülow und Wagner bietet es unbekannte Fakten und nie publizierte Zeitdokumente an. Der Zürcher Musikwissenschafter und Musiker Bernhard Billeter steuerte einen Essay über «Joachim Raff und Hegels Ästhetik» bei; Quellenangaben, Bibliografie, Bildnachweis und Personenverzeichnis runden den stattlichen Band ab. Mit seinen fast drei Kilo ist er in doppeltem Wortsinn eine sehr gewichtige Publikation.

Res Marty: «Joachim Raff. Leben und Werk». MP Bildung, Beratung und Verlag AG. 440 Seiten. 69 Franken.

Weitere Artikel zum Thema